Gedanken, Erkenntnisse und Erfahrungsberichte

Schule zu Pandemiezeiten - eine lösbare Aufgabe?

Noch vor Unterrichtsbeginn am Freitag, den 13.03.2020 geht ein erstes leises Tuscheln durch die Lehrerzimmer Deutschlands – die ersten Länder haben bereits beschlossen, ihre Schulen zunächst bis zu den Osterferien zu schließen. Ein Tag später steht fest: Alle Bundesländer werden von Schulschließungen betroffen sein. An zahlreichen Schulen werden in den kommenden Wochen bundesweit verschiedene Phasen durchlaufen.

„Face-to-face“ bleibt in Zeiten des social distancing gleich wichtig, es sieht nur etwas anders aus. © Rebecca Lembcke

Aktionismus

Zunächst läuft der Panikmodus an: In einer Hauruckaktion müssen die Schüler und Eltern erreicht werden. Dann gilt es, Arbeitsblätter herauszusuchen, hektisch werden Arbeitspläne für zunächst zwei Wochen erstellt, die Kopierer laufen heiß. Wohlmeinende Kollegen teilen bereits innerhalb der ersten Woche zahlreiche Links und Tipps: Hier gibt es noch eine gute App. Dort findet sich Lernmaterial online. Dieser Verlag bietet eine kostenlose Registrierung an. Jene Lizenz sollte die Schule kaufen. 

Reflexion

Unmittelbar darauf folgt die Reflexion: Auf welchen Wegen kann ich alle erreichen? Welchen Zugang zu digitalen Endgeräten haben meine Schüler und mit wie vielen Familienmitgliedern teilen sie diese? Wie viel Selbstständigkeit kann ich erwarten, wie viel organisatorische Orientierung muss ich bieten? Mindestens ebenso wichtig aber: Wie geht es meinen Schülern eigentlich jetzt? Wie kann ich sie begleiten, ganz unabhängig von der Vermittlung von Unterrichtsstoff? Was ist eigentlich wichtiger?

Datenschutz und Nachhaltigkeit

Ein Mammutkonflikt ist die Frage nach dem Datenschutz. Die Kanäle, über die ich meine Schüler am verlässlichsten erreiche, halten den in Deutschland geltenden Datenschutzbestimmungen nicht stand. Zahlreiche Apps sind nur auf den ersten Blick kostenlos, zahlen wir doch mit unseren Daten – und den Daten der Schüler. Die Nutzung von kostenpflichtigen, aber sicheren Apps ist nur begrenzt möglich. Jede Schule, die nicht bereits fest mit einem etablierten und eingerichteten Kommunikationssystem arbeitet, muss sich die Frage stellen: Was wiegt in dieser Situation mehr – der Bildungsauftrag oder der Datenschutz? Schulleitungen erforschen nun mit Hochdruck die verschiedenen Angebote von Plattformen, um herauszufiltern, welche für ihre Schule am besten geeignet sei. Die Regierung stellt keine von allen Schulen nutzbare, datensichere Plattform zur Verfügung und gibt ebenso wenig eine zufriedenstellende Antwort mit klaren Ansagen auf diese so zentrale Frage. 
Klare Ansagen bekommen die Schulen an anderer Stelle, zum Beispiel bezüglich der ersten schrittweisen Öffnung der Schulen ab Ende April. Diese werden mit Abertausenden Vorschriften versehen, mit teils unrealistischen Anforderungen und in einigen Bundesländern mit kaum vorhandener Vorbereitungszeit.
 

"Face-to-face" bleibt in Zeiten des social distancing gleich wichtig, es sieht nur etwas anders aus.

Erste Erkenntnisse

Die Länder stehlen sich in dieser Hinsicht aus der Verantwortung und überlassen es den Schulen, einen immensen Kraftaufwand an den Tag zu legen, um Lösungen zu finden. Können Schulleitung und Kollegium diesen Drahtseilakt stemmen, so kann sich diese herausfordernde Zeit als Gewinn für alle Beteiligten herausstellen. Sie kann ein Kollegium stärken und Kontakte zwischen Lehrenden, Lernenden und Eltern vertiefen. Dafür muss die Schulleitung den Spagat schaffen, ihrem Kollegium bewusste Freiheiten bei einem gleichzeitig sehr klaren Orientierungsrahmen zu geben. Und wer von uns Glück hat, der arbeitet an einer Schule, die sich auch mal traut, offen zu sagen: Wir werden den Vorgaben nur bedingt folgen, denn die Experten für das, was unsere Schüler und Pädagogen brauchen, sind schließlich wir. Schafft eine Schule diesen immensen Kraftakt jedoch nicht, so ist das Gefühl des Alleingelassenseins und der Überforderung bei allen Betroffenen unumgänglich. Die Schulen brauchen von den Ländern klare Entscheidungsrahmen bei angemessenen Vorgaben.
An diese Beobachtungen knüpft ein nächster Gedanke an: Laut und häufig hören wir momentan, die Corona-Krise offenbare die eklatanten Mängel in der digitalen Ausstattung der Schulen. Diese Erkenntnis muss hingegen vertiefender gedacht werden: Die Corona-Krise offenbart vielmehr den Wert einer Ausrichtung am Lernen für das Leben in einer digitalen Welt. Dies schließt eine gute digitale Ausstattung unabdingbar ein, sie stellt den notwendigen Grundbau dar, der noch an vielen deutschen Schulen fehlt. Es darf aber an dieser Stelle nicht aufhören, viel mehr als vereinzelte Finanzspritzen durch die Länder brauchen Schulen eine konstante und nachhaltige Unterstützung, um Konzepte entwickeln zu können. Dies mag am Ende mehr kosten und weniger medientauglich als ein großer Digitalpakt erscheinen, nachhaltiger Erfolg für die gesamtdeutsche Schullandschaft wird jedoch genau diese Investition wert sein.

Die Erfahrungsberichte: Lernen aus Erfahrungen anderer

Zahlreiche Schulen innerhalb Deutschlands durchliefen die oben geschilderten Phasen, es zeigten sich aber auch individuelle Unterschiede. Dieser Artikel erhebt nicht den Anspruch, die ganze Vielfalt aller an Schulen Beteiligten abzubilden. Ziel ist vielmehr, eine Bandbreite von verschiedenen Perspektiven und Aufgabenbereichen darzustellen. 

Thilo Engelhardt: Schulleiter der Waldparkschule Heidelberg

„Auch bezüglich der Digitalisierung gibt es immer Leute, die vorneweg rennen, und andere, die mehr Zeit brauchen. Diese sollten wir ihnen einräumen, sie ihren eigenen Weg gehen lassen. Wenn sie mitbekommen, dass sie nur gewinnen können, werden sie mit einsteigen.“

Zunächst war es so, dass wir iPad-Klassen und Ausstattung auch schon vor der Schulschließung hatten, aber noch keine Lernplattform oder Chat-Kanäle, die wir benutzt haben, um mit Schülern zu kommunizieren. Und jetzt waren wir halt von einem auf den anderen Tag dazu gezwungen. Montag haben die Kollegen alle noch ihr Material kopiert und haben es den Kindern in die Hand gegeben. Zwischenzeitlich sind sie in den Computerraum verschwunden, wo fitte Kollegen erklärt haben, wie man unsere zunächst gewählten Plattformen Learning view und Discord befüllt und wie man mit den Schülern chattet. Da ohnehin erst mal alles drunter und drüber ging, haben wir entschieden, nun keine Datenschutzdiskussionen führen zu können, sondern zu versuchen, die Kinder auch tatsächlich zu erreichen. Im Anschluss werden wir uns eine schuleigene Plattform basteln lassen, mit allen Funktionen, die uns wichtig geworden sind.
Manche Kollegen waren von Anfang an begeistert und sehr neugierig, andere waren eher abwartend, aber haben über die Rückmeldung von den anderen relativ schnell gemerkt, dass sie enger an den Schülern dran sind, als wenn sie nur irgendwelche Arbeitsblätter austauschen. Und dass diese Art der Arbeit eine Erleichterung bringen kann. Ich selber habe mich auch zunehmend von den Kollegen anleiten lassen und bin dann nach und nach einfach mit eingestiegen. Schließlich habe ich meine Konferenzen dann per Sprachchat gemacht, habe die Kollegen ab dann also ein Stück weit gezwungen. Ein Ziel der Digitalisierung sollte immer sein, auch die Kollegen so viel in Selbsttätigkeit zu bringen, dass sie möglichst wenig Führung brauchen.
Den Schülern fällt das grundlegend vielleicht leichter. Bei uns ist es schon lange so, dass sich Schüler, die in der Lernzeit gut arbeiten können, irgendwo in der Schule verteilen können. In der jetzigen Situation gibt es viele, die die Rückmeldung geben, dass sie konzentrierter mitarbeiten können, als wenn sie den ganzen Tag in der Schule sitzen. Ganz besonders einige, bei denen wir es gar nicht erwartet haben! Jetzt kann man das ja noch viel weiter denken. Ab einer gewissen Klassenstufe zum Beispiel lässt man an einem „Casual Nachmittag“ all diejenigen freiwillig zu Hause arbeiten, die das wollen und können. Sie kriegen ihre Aufgabenformate online gestellt, müssen sie bearbeiten und können selber entscheiden, wann sie sie zurückgeben. Zu einem gewissen Zeitraum ist aber jemand von uns für sie erreichbar, der die Fragen beantwortet. Solch ein Vorgehen flexibilisiert wahnsinnig viel und das schärft, glaube ich, die Qualität von Antworten, weil man viel gezielter auf Schüler eingehen kann, wenn man nicht zu jedem Zeitpunkt die ganze Meute vor sich sitzen hat.

Katharina Wnuk: Lehrerin am Evangelischen Gymnasium Meinerzhagen

„Am Ende habe ich mich als Lehrerin zwar durch die Schulleitung super begleitet, aber durch das Ministerium sehr im Nebulösen und allein gelassen gefühlt.“

Die Situation in den ersten Wochen der Schulschließung war schon für alle gleichermaßen skurril wie Neuland. An dem besagten Freitag hing eine ganz seltsame Atmosphäre über der Schule. – Hätte ich gewusst, dass ich die letzte Stunde mit meinem Lieblingsleistungskurs gehabt hätte, hätte ich sicherlich andere Dinge favorisiert. 
Ich habe bisher mehrere Erkenntnisse gewonnen. Zum einen, dass Schule auch digital funktioniert, dass es mehr Wege gibt als die bisherigen. Dann auch, dass man auf diesem Wege genauso gut erkennt, wer sich anstrengt und wer nicht. Ich glaube, dass die Corona-Krise nicht unbedingt Neues offenlegt, aber Vorhandenes vertieft. Ich staune über Solidarität, Fleiß und Nähe, die manche suchen – und erkenne Egoismus, Gleichgültigkeit und Ignoranz zugleich. Rechtlich gesehen bewegen wir uns aber auf dünnem Eis, weil wir in NRW keinerlei Bearbeitung in die Note einfließen lassen dürfen, was ich als Unding empfinde. Das macht das digitale Unterrichten im Grunde obsolet für die, die eine extrinsische Motivation brauchen. Aber ich merke auch: Für viele funktioniert es. Zaghaft, holperig, vielleicht auch mit Schwächen und Makeln. Dennoch ist klar: Schule ist ein Begegnungsort, den eine mediale Welt genauso wenig ersetzt wie sonstige virtuelle Realitäten. Schule muss Face-to-face bleiben!
Für mich selber war es am Anfang eine Herausforderung, meine Zeit richtig einzuteilen. Auch die Schüler managen ihren Tag und die Aufgaben nun anders, was ich auch völlig legitim finde. In der ersten Woche hatte ich über 200 E-Mails – und es war schon eine Herausforderung, irgendwann auch mal einen Cut zu machen und ein eigenes Zeitmanagement, das den Schülern, aber eben auch mir gerecht wird, zu finden! Im Grunde sind wir alle in die Rolle der Studierenden vor- oder zurückversetzt. Darin liegt aber auch die Chance, viel stärker auf sich und seinen Biorhythmus zu hören – und sich mehr Zeit zu nehmen. Mittlerweile liebe ich es!
Als nachhaltige Entwicklung wünsche ich mir außerdem die Erkenntnis, dass die Welt nicht untergeht, wenn eine einzelne Stunde nicht nach Plan läuft oder ausfällt. Ich denke, dass Schüler gerade ganz andere, wesentliche, lebenspraktische oder philosophische Dinge lernen, die Schule nicht beibringen und binomische Formeln oder ein Goethegedicht nicht ersetzen können: Fragen wie: Was zählt im Leben? Wie kocht man Nudeln? Welche Alternativen zur Playstation gibt es? Was erfüllt mich? Wie funktioniert eine Waschmaschine? Was tut mir gut? Wem kann ich guttun? Wer bin ich eigentlich außerhalb meiner Zeugnisnoten? Wie gestalte ich Zeit? Und: Für was für ein Leben bin ich gemacht? Das Leben und seine Lektionen schreiben manchmal die besten Lehrpläne!

Eine der vielen Herausforderungen an Schule: deutlich mehr Aufsichts(zeit)- räume bei einer geringeren Anzahl von einsatzfähigem Personal. © Rebecca Lembcke
Erste Rückkehr in die Klassenzimmer. © Rebecca Lembcke

Astrid Sanders: Didaktische Leitung an der Nelson-Mandela-Schule, Hamburg

„Ich versuche, die Chance, die sich aus der jetzigen Zeit für den Digitalisierungsprozess unserer Schule ergibt, zu nutzen und die Erfahrungen des Kollegiums zu sammeln und zu strukturieren  – für die Zeit „nach Corona“.

Mich hat begeistert, wie schnell die Kolleg*innen sich auf die neue Situation einstellten: Sie begannen sofort, Material für die Schüler*innen zu erstellen und an diese zu verschicken. Dabei standen und stehen sie vor großen Hürden: Es gab keine festgelegten Kommunikationswege, viele Schüler*innen können abgesehen vom Handy auf kein digitales Endgerät zugreifen und haben – vor allem in den jüngeren Jahrgängen – keine E-Mail-Adresse. In der ersten Zeit haben wir deshalb als Leitungsgruppe nach Lösungen gesucht, aber auch beobachtet, was die Kolleg*innen tun, um Empfehlungen aussprechen zu können und Best-Practice-Beispiele weiterzugeben. Mittlerweile haben sich die Kommunikationswege eingespielt und wir können uns neuen Fragestellungen widmen.
Wir haben ein sehr engagiertes Kollegium, das sich von jeher für jeden Schüler und jede Schülerin individuell einsetzt. Unsere Schule liegt in einem sozial schwachen Stadtteil, das Lernen zu Hause ist dadurch um ein Vielfaches schwerer. Viele Kinder kommen aus beengenden wohnlichen Situationen, aus einem bildungsfernen und anregungsarmen Elternhaus, einige erfahren zu Hause Vernachlässigung. Es ist für uns eine traurige Erkenntnis, dass unsere Schüler*innen auch und besonders in dieser Phase benachteiligt sind gegenüber denjenigen, die in wohlhabenderen Stadtteilen aufwachsen. Eine gute Beziehungsebene zu den Schüler*innen ist deshalb besonders wichtig. Diese jetzt auf digitalem Weg aufrechtzuerhalten, stellt die Kolleg*innen vor neue Herausforderungen und macht es noch schwieriger, sich abzugrenzen: Messenger funktionieren Tag und Nacht. Man muss die Kolleg*innen deshalb des Öfteren daran erinnern, dass die Dienstbereitschaft zu einer bestimmten Tageszeit auch enden darf und soll.
Das Thema „Digitalisierung“ und der Digitalisierungspakt mit dem vielen Geld, das dort zur Verfügung gestellt wird, war bisher immer mit großer Unsicherheit und vielen Fragen verbunden: Wo fangen wir an? Welche Anschaffungen sind sinnvoll? Wie entwickeln wir Unterricht so, dass die digitalen Elemente einen echten Mehrwert bieten? Die jetzige Situation hat dazu geführt, dass wir alle sehr pragmatisch die digitalen Tools einfach ausprobiert haben. Ich möchte gemeinsam mit dem Kollegium evaluieren, welche Tools und Lernplattformen sich in dieser Zeit bewährt haben und welche Bedarfe sich ergeben, die auch in einer Zeit, in der die Schulen wieder geöffnet sind, Bestand haben. Ich erhoffe mir also einen Digitalisierungsschub – wohlwissend, dass die Situation im Präsenzunterricht eine andere ist als jetzt.

Katja Staat: Sonderpädagogin, Geschwis­ter-Scholl-Realschule Plettenberg

„Die Schüler haben oft weder die Fähigkeit noch das entsprechende Equipment, um an einem digitalen Unterricht im Klassenverband teilzunehmen.“

Bei uns lernen in allen Jahrgängen Schüler*­innen mit und ohne Unterstützungsbedarf gemeinsam. Die Schüler*innen des Gemeinsamen Lernens nehmen sowohl am Regelunterricht als auch an gezielten Förderstunden teil. Zusätzlich kommen sie in das Lernbüro, hier hat jeder zu seinen Schwerpunkten individuelles Material, um Fortschritte zu erzielen und zu festigen. 
Während die Corona-Krise für alle eine große Unsicherheit bedeutet, fällt es den Schüler*innen des Gemeinsamen Lernens häufig besonders schwer, sich dieser zu stellen. Verlässliche Strukturen und viel Wiederholung sind für sie essenziell, um sich orientieren zu können. Fragen wie „Wird die Schule geschlossen?“, „Was muss ich dann machen?“ und „Wie geht es im Sommer mit meinem Anschluss nach der Schule weiter?“ setzen diese Schüler*innen häufig sehr unter Druck. Zahlreiche dieser Kinder sind allgemein von größeren emotionalen Unsicherheiten betroffen als Regelschüler*innen, da sie häufig mit ihrem Nichtkönnen konfrontiert sind. Besonders für diese Schüler*innen war es also fatal, dass wir diese Fragen nur ungenügend oder gar nicht gemeinsam beantworten konnten, da in NRW vormittags keine Informationen an die Schulen weitergeleitet wurden. Nach der Verkündung der Schulschließungen sollten wir sie nicht mehr persönlich im Unterricht sehen.

Ein Padlet mit ganz freien „Fragen des Tages“ kann ein Puzzlestück sein, um die Klasse ganzheitlich zu begleiten in dieser Zeit. © Rebecca Lembcke

Alle Schulen standen nun vor der Herausforderung der Kontaktaufnahme mit den Schüler*innen. Während die meisten Kolleg*innen der Sekundarstufen sich für virtuelle Wege des Materialaustausches entscheiden konnten, kam dies für die meisten Schüler*innen des Gemeinsamen Lernens nicht infrage. Viele Schüler*innen des Gemeinsamen Lernens zeigen emotionale und soziale Distanz zu anderen Menschen oder aber eine besonders starke Suche nach 
Nähe bei ihren Bezugspersonen. Das bringt häufig auch notwendigen körperlichen Kontakt mit sich: Kommunikation mit diesen Schüler*innen ist sehr oft stark geprägt durch Gesten, wie die Hand auf den Arm zu legen oder kurz über den Rücken zu streichen. Diese Art der Kommunikation kann nicht einfach „digitalisiert“ werden.
Ein Kontakt per E-Mail oder ein eigenständiges Kennenlernen von virtuellen Lern­umgebungen ist für viele Schüler*innen nicht möglich, da sie im Umgang mit dieser Kommunikationsform überfordert sind. Um dies mit ihnen zu trainieren, müsste ich mit einer Kleingruppe von maximal drei bis vier Schüler*innen in einen PC-Raum gehen und dort intensiv üben. Gleiches gilt auch für einen Unterricht per Videokonferenz. Viele Eltern wollen ihren Kindern gerne helfen, sind aber durch eingeschränkte sprachliche oder intellektuelle Fähigkeiten nicht dazu in der Lage. Zusätzlich wird die Kommunikation dadurch erschwert, dass sie häufig die 
Mobilfunkanbieter wechseln, aber vergessen, Nummern weiterzugeben. 
Als also feststand, dass die Schulen geschlossen werden, packte ich für 19 meiner Schüler*innen des Gemeinsamen Lernens individuelle Lernpakete mit ihren bekannten Materialien und Arbeitsheften, die sie in der Schule abholen sollten.
Bei allen Komplikationen, die diese Situation für die Schüler*innen des Gemeinsamen Lernens mit sich brachte, gab es doch auch positive Aspekte. Ich habe erlebt, dass sich meine Schüler*innen selbstständig um ihre Aufgaben und auch Praktikumsabsagen kümmern. Das mag für viele Jugendliche und ihre Eltern ein Selbstverständnis sein – Schüler*innen des Gemeinsamen Lernens fehlen häufig noch der hierfür nötige Weitblick und die Eigenständigkeit.
Wenn die Schulen wieder öffnen, werde ich vor allem versuchen, die Jugendlichen wieder zu stabilisieren und zu motivieren, denn nach einer längeren Phase ohne schulische Struktur wird es vielen von ihnen schwer­fallen, wieder zum Schulalltag zurückzukehren. Zudem werde ich aufarbeiten müssen, dass die Corona-Krise uns und diesen Schüler*innen zumindest zeitweilig einen Teil unseres Konzeptes genommen hat: Gemeinsames Lernen konnte unter den gegebenen Umständen nicht stattfinden.

Unterrichten mit Hygienevorschriften