Zeit, die Schule zu hacken

Wenn uns Bundesbildungsministerin Anja Karliczek dazu ermutigt, die Schule zu hacken, dann schürt das die Hoffnung, dass unser Schulsystem - ein Relikt des Industriezeitalters - doch noch ins 21. Jahrhundert aufbricht. Und doch klingt es ein wenig so, als würde der Sheriff des Sherwood Forrests dazu aufrufen, sich Robin Hood und seiner Bande anzuschließen.

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Als Beginn des Industriezeitalters wird allgemein die Zeit um 1760 des 18. Jahrhunderts angesehen. Mit den technischen Innovationen der 1970er- und 1980er-Jahre wurde es vom Informationszeitalter abgelöst – wohlgemerkt das (Industrie-)Zeitalter, nicht das darauf fußende Bildungssystem. Mit der Transformation unserer Schulen sind wir also etwa 40 Jahre im Verzug.

Da stimmt es hoffnungsvoll, wenn Bundesbildungsministerin Anja Karliczek höchstpersönlich die Schirmherrschaft des Hackathons #wirfürschule übernimmt. Mit mehr als 6.000 Teilnehmer*innen fand dieser vom 8. - 12. Juni 2020 statt. Der Hackathon wurde ins Leben gerufen, um Lösungsansätze zur Neugestaltung des anstehenden Schuljahres 2020/21 zu entwickeln. Gesucht wurden inhaltliche und fächerübergreifende Projektideen für die hybride Schule, pädagogische Ansätze für eigenständiges Lernen sowie digitale Tools, die im Schulalltag prozess- und zielorientiert zum Einsatz kommen könnten. Die Ergebnisse wurden auf der Plattform https://wirfuerschule.de nach neun Themenfeldern gesammelt und sind nun für alle abrufbar und nutzbar.

Gehackt wurde zu 51 konkreten Herausforderungen, darunter zum Beispiel: “Wie kann auch im Homeschooling Gemeinschaftsgefühl und Teamarbeit entstehen?”, “Wie können wir sicherstellen, dass Inklusion und Teilhabe immer mitgedacht werden, wenn digitale Lösungen erarbeitet und erprobt werden?” oder “Wie können wir personellen IT-Support an Schulen kurzfristig sicherstellen und langfristig professionalisieren?”.

Wie weit die Vorschläge reichen zeigt beispielsweise das Themenfeld 4: Ideen für den FREI DAY - den Lernbereich der Zukunft. Die Projektideen basieren auf dem FREI DAY-Konzept, das auf der Website der Initiatoren (www.frei-day.org) wie folgt beschrieben wird:

„Der FREI DAY ist ein Modul mit mindestens vier Stunden pro Woche, das zentrale Zukunftskompetenzen wie Mut und Vertrauen in Ungewissheit fördert und junge Menschen befähigt, mit Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität umzugehen. Der FREI DAY macht Schulen zu WERK-Stätten, WIRK-Stätten und TAT-Orten für weltverantwortliches Handeln.“

Schon die Veranstaltungsform des Hackerthons entspricht so gar nicht dem, was bis dato zum didaktischen Repertoire von Schule gehörte, abgesehen von den Aktivitäten Einzelner oder überschaubarer Lehrer-Communities. Der Fakt eines Hackerthons mit 6.000 Teilnehmer*innen auf Einladung des BMBF lässt es sinnvoll erscheinen, einmal genauer zu schauen, was es mit dem „Hacken“ auf sich hat. Ziel eines Hackathons ist es, innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums gemeinsam nützliche, kreative oder unterhaltsame Softwareprodukte herzustellen oder – allgemeiner - Lösungen für gegebene Probleme zu finden. Das klingt agil! 2001 reagierte die Softwareindustrie mit dem Agilen Manifest [1] auf die zunehmende Komplexität und das exponentielle Wachstum des technischen Fortschritts. Werden 20 Jahre später agile Methoden zu Werkzeugen, mit den Schule endlich transformiert wird?

Aber schauen wir noch einen Tick genauer hin und fokussieren unseren Blick auf die Grundprinzipien des Hackings. Wer wäre da kompetenter als der Chaos Computer Club (CCC) mit seinen über 6.300 Mitgliedern und einer fast vierzigjährigen Erfahrung mit dem Thema Hacking?  Die ethischen Grundsätze des Hackens - Motivation und Grenzen - formuliert der CCC auf seiner Website so [2]:

  • Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.
  • Alle Informationen müssen frei sein.
  • Misstraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung.
  • Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut, und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Herkunft, Spezies, Geschlecht oder gesellschaftliche Stellung.
  • Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.
  • Computer können dein Leben zum Besseren verändern.
  • Mülle nicht in den Daten anderer Leute.
  • Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

Begonnen habe ich diesen Beitrag mit einem Verweis auf Robin Hood, enden möchte ich mit einem Verweis auf die weibliche Verkörperung von Robin Hood im Bildungskontext: Maike Plath. Mit ihrem Buch „Befreit euch!“ gibt sie – wie es im Untertitel heißt – Anleitung zur kleinen Bildungsrevolution. In einem gedanklichen Austausch mit ihr hat auch sie vor einigen Jahren die Metapher des Hackers aufgegriffen und Grundprinzipien des Hackings formuliert, um sie für Bildung nutzbar zu machen:

  • Verfügbarkeit von Wissen (open knowledge)
  • Kultur der Teilhabe an Ideen (sharing culture vs. Expertentum)
  • Lernen durch Experiment
  • Das Prinzip des Scheiterns ist implementiert und führt zur Analyse gemachter Schritte, bestenfalls zu neuen Lösungen
  • Deutungshoheit fällt weg zugunsten eines permanenten Qualitätsdiskurses
  • Grundsätzliches In-Frage-Stellen und Überschreiten der bestehenden Norm

Vielleicht sollten wir dem Thema Hacking im Diskurs über Bildung in der digitalen Welt mehr Raum geben, bei der Vermittlung und Aneignung Informatischer Grundbildung genauso, wie beim „Hacken“ unseres Schulsystems. Es könnte revolutionäre Auswirkungen haben ;-)

[1] https://www.edutrainment-company.com/das-agile-manifest-4-werte-12-prinzipien/

[2] https://www.ccc.de/de/hackerethik