Didaktische Chancen und methodische Hinweise

Podcasts im Unterricht?

Podcasts und Hörbücher eignen sich besonders gut für selbstbestimmmtes Arbeiten und Lernen. Lesen Sie hier, wie Sie Podcasts als Quelle, Informationsmaterial oder als Anlass für kreative Eigenproduktionen im Unterricht einsetzen können.

Ein Mädchen hört auf ihrem Handy einen Podcast.
Die Mediatisierung der Kinder und Jugendlichen führt zu der Notwendigkeit, den Medienbegriff auch für den Unterricht neu zu definieren. Foto: Sven Mieke/unsplash.com

Das besondere an Audiomedien ist deren Einkanaligkeit. Sie sprechen nur den Hörsinn an. „Kopf-Kino“ ist dabei das Sinnbild für die Arbeit mit Audiobeiträgen.

Zielgerichtetes Zuhören fördert die Konzentration

Im Gegensatz zum alltäglichen Mediengebrauch der Kinder und Jugendlichen – YouTube oder Netflix, gekoppelt mit Musik von Spotify – wird durch den Einsatz von Audios eine Konzentration auf ein Medium gefordert und gefördert. Das zielgerichtete Zuhören stellt einen Methodenwechsel dar, der für die meisten Schülerinnen und Schüler zunächst fremd ist. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass mit kurzen Audios und Podcasts (z. B. auch verbunden mit Hör-Aufträgen) die Konzentration gefördert werden kann und eine personalisierte Lernumgebung entstehen kann. Diese effektive Art der Konzentration verursacht gleichzeitig auch einen Motivationszuwachs. Sind Audios im Unterricht nicht aber eine neue Form des Frontalunterrichts?

Methodisch-didaktische Aspekte von Hörbüchern

Inverted oder auch Flipped classroom ist eine Methode, die das Vermitteln von reinen Inhalten aus dem Unterricht herauslöst. Stattdessen stellt das Konzept die Vertiefung von Inhalten, ihre Vernetzung und ihre Transformation in den Vordergrund. Podcasts sind ein Weg, diese Methode im Speziellen und das selbstgesteuerte Lernen im Allgemeinen zu stärken. Richard Stang, Professor an der Hochschule der Medien in Stuttgart, unterstreicht den Einsatz der Audios. Insbesondere führt er dabei die Bedeutung der Hörbücher für den Unterricht an: „Wenn Medien didaktisch-methodisch fundiert eingesetzt werden, unterstützen sie hervorragend den personalen Unterricht. Medien, und eben auch die Hörbücher, haben die Eigenschaft, dass man sie immer wieder in der gleichen Qualität nutzen kann. Dies kann vor allem ein Vorteil für Schüler sein, die nicht gleich mitkommen, die dann noch etwas wiederholen können. Das unterscheidet den Einsatz der Medien von authentischen personenbezogenen Lehrsituationen: Sie sind nicht stimmungs- oder tagesformabhängig.“

Experten ermöglichen einen neuen Zugang zum Fach

Ob in der Mediathek der Schule, über eine Lernplattform oder über einen externen Anbieter (beispielsweise den Podcastkanal einer Rundfunkanstalt), die Schülerinnen und Schüler können sich einzelne Inhalte jetzt oder später anhören. Bestimmte Ausschnitte bzw. das ganze Audiodokument können sie so oft hören, wie sie möchten. Zusätzlich erhalten sie Expertenwissen, weil der Experte in das eigene Lern-Setting eingebunden wird. Gerade in den mathematisch- naturwissenschaftlichen Fächern ist das Expertenwissen von Interesse: Wenn Albrecht Beutelspacher von der Universität Gießen die Geschichte der Mathematik beschreibt, dann fasst er die Inhalte zusammen und erörtert an einzelnen Beispielen wichtige mathematische Sätze. Damit wird der Experte zum Co-Teacher und ermöglicht der Lehrkraft, aus ihrer „allwissenden“ Position herauszutreten. 

Mit Audiosequenzen das Sprechen lernen

Auch der Sprach- und Fremdsprachenbereich profitiert vom Arbeiten mit Audios. Vom reinen Deutschunterricht über die Fremdsprachen bis hin zu Deutsch als Zweitsprache: Die Möglichkeit, das eigene Sprechen aufzunehmen, wiederzugeben und zu sequenzieren, bringt großen Nutzen. Das Aufsprechen der Hausaufgaben, das Lernen von Vokabeln mit kurzen Audiosequenzen oder das Erstellen von kleinen Hörspielen mit verteilten Rollen, das Sprechen der „fremden“ Sprachen – all das kann mit Medien spielerisch und damit motivierend in den Unterricht integriert werden. 

Mehr Tipps zum Einsatz von Podcasts und Hörspielen finden Sie im passenden Heft von Deutsch 5-10: Hör-Texte im Literaturunterricht

Reden und politische Bildung

Im Geschichtsunterricht und der Politischen Bildung ist die historische Rede eine besondere Form der Quelle. Reden sind multiperspektivisch zu betrachten: Das Hören einer Rede erweitert die Textform um den Gestaltungsaspekt des Redners. Der Inhalt wird um die Art und Weise des Vortrags erweitert. 

Lebenslanges Lernen 

Franz Josef Röll, Professor am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt, sieht im Einsatz von Medien in der Wissensgenerierung und Unterrichtsvorbereitung große Chancen. Die Inhalte werden komprimiert angeboten. Es gibt für fast jedes Themengebiet nützliches Audiomaterial. Damit werden Podcasts auch zu Weiterbildungsinstrumenten. Mittlerweise gibt es eine große Angebotsvielfalt: Wissens-Features von Rundfunkanstalten, Angebote einzelner Universitäten oder Bildungskanäle bei iTunes und Spotify. Gerade auch vor dem Hintergrund der demografischen Veränderungen im ländlichen Bereich können Podcasts beim lebenslangen Lernen von Bedeutung sein, so auch das Funkkolleg des Hessischen Rundfunks. Hier werden Podcasts, Begleitlektüre, multimediale Zusatzmaterialien und eine Online- bzw. Präsenzklausur mit Angeboten der Volkshochschule gekoppelt. Für das Bundesland Hessen ergeben sie einen wichtigen Baustein im lebensbegleitenden Lernen. 

Podcasts als Lernmedien 

Im professionellen Podcast- und Hörbuchbereich gibt es bereits einen sehr großen Markt für Bildungs- und Wissensinhalte. Von reinen Wissensthemen, wie Literaturgeschichte, Tiere oder physikalische Phänomene, über Lesungen und Hörspiele bis hin zu Originaltönen von Zeitzeugen und Musikzitaten – die große Bandbreite ermöglicht viele unterschiedliche Einsatzszenarios. Einen besonderen Reiz für den Fremdsprachenunterricht stellen auch die Podcasts von ausländischen Radiostationen dar. Für den Bereich Deutsch als Fremdsprache hat die Deutsche Welle ein breites Angebot „Deutsch lernen“ entwickelt. Eine interessante Möglichkeit, um das Hörverstehen und damit den Spracherwerb zu fördern, bieten insbesondere die langsam gesprochenen Nachrichten der Deutschen Welle.

Kriterien für den Einsatz von Podcasts 

Podcasts müssen wie alle Medien meist erst für den Unterricht konfektioniert werden. Eine praktische und kostenlose Software zum Schneiden und Sequenzieren ist „Audacity“. Mit ihr können Audiodateien nicht nur geschnitten, sondern auch eigens für neue Fragestellungen zusammengestellt werden. Um die Podcasts im Unterricht einsetzen zu können, sollten auch die technischen Anforderungen stimmen. Ein Computer mit Kopfhörern oder Lautsprechern, das eigene Smartphone oder ein Tablet, gekoppelt mit einem tragbaren Lautsprecher reichen für den Einsatz von Podcasts vollkommen aus. Bei der Auswahl von Podcasts für den Unterricht sind verschiedene Aspekte zu beachten: 

  • regelmäßiger Erscheinungsrhythmus, 
  • Aktualität und Authentizität,
  •  curriculare Einbindung,
  •  Angemessenheit von Sprechtempo und Informationsdichte,
  •  Dauer, 
  • Anknüpfung an das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler, 
  • vorhandenes Transkript des Hörtextes. 

Nicht immer können die Audio-Dateien alle Punkte erfüllen. Die Kriterien sollten Sie je nach Lerngruppe und Lernszenario unterschiedlich gewichten.