FREI DAY

Lernen, die Welt zu verändern

Das neue Lernformat FREI DAY schlägt Wellen an deutschen Schulen. Seit Beginn des neuen Schuljahres befinden sich bereits mehr als 30 Schulen auf dem Weg, dieses neue Lernformat umzusetzen. Margret Rasfeld, ehemalige Schulleiterin und Bildungsinnovatorin, und Tobias Feitkenhauer, Projektleiter des FREI DAY Netzwerks, von Schule im Aufbruch erklären, was es mit dem FREI DAY auf sich hat.

Am FREI DAY bekommen Kinder einen vierstündigen Freiraum, in dem sie ihren eigenen Interessen nachgehen dürfen. © Foto: www.pixabay.de

Kinder, die heute eingeschult werden, verlassen die Schule frühestens im Jahr 2030. Bis dahin wird sich die Welt weiter verändert haben. Im Jahr 2030 wird die Weltgemeinschaft die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) umgesetzt haben – sicher ist, dass sich die Welt in vielen Bereichen radikal von dem unterscheiden wird, was wir heute kennen.
Die Kinder von heute werden als junge Erwachsene von morgen Antworten auf Fragen finden müssen, die wir heute noch nicht kennen, und Lösungen für Herausforderungen entwickeln müssen, die wir nur erahnen können. Wie bereitet Schule junge Menschen darauf adäquat vor?

In ESD for 2030 beschreibt die UNESCO das zentrale Ziel von Bildung als „Lernen, die Welt zu verändern“. Neben Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen braucht es also vor allem Zukunftskompetenzen wie Handlungsmut und Vertrauen in Ungewissheit. Lernen, die Welt zu verändern, ist mehr als nur Wissen; es geht dabei um Handlungsorientierung, um eigene Erfahrung, um Reflexion und Selbstwirksamkeitserfahrung. Um mit der Volatilität, Komplexität und Ambiguität unserer Welt umgehen zu können, muss Mensch erlebt haben, dass sein Handeln eine Wirkung hat – auf sich selbst, auf andere und auf die Welt. 

Gleichzeitig brauchen wir eine gesellschaftliche Transformation, einen grundlegenden Wandel in Einstellungen und Haltungen. Es geht um einen Kulturwandel vom Ego in die Kraft des Wir. Bildung ist dafür zentral. Hier ist ein Paradigmenwechsel erforderlich, um zu fördern, was die Gesellschaft für die große Transformation braucht: mutige und kreative Weltbürger*innen, weltoffen mit Gemeinsinn, die es gewohnt sind, lösungsorientiert zu denken und Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst, für ihre Mitmenschen, für unseren Planeten. Wir müssen lernen, antizipatorisch zu denken und zu handeln. 

In einer Schule, die traditionell auf Sicherheit angelegt ist und in der in einem Stundenplan feststeht, was am Stunden­ende herauskommen soll, können diese Zukunftskompetenzen nicht erworben werden. Was es braucht, sind neue Lernformate, die Kindern und Jugendlichen den Freiraum bieten, selbst zu experimentieren, eigene Projekte umzusetzen und selbstwirksam zu werden. 

Menschen, die sich als wirksam erleben, sind resilienter, glücklicher und stehen schneller wieder auf, wenn sie scheitern. Sie übernehmen mehr Verantwortung für sich und andere und gestalten ihre Umwelt aktiv mit. Solche Gestalter*innen brauchen wir, wenn wir den Herausforderungen unserer Gegenwart und Zukunft als Gesellschaft innovativ begegnen wollen. 

Mit dem FREI DAY haben wir bei Schule im Aufbruch ein Lernformat entwickelt, das Schüler*innen den Freiraum bietet, jede Woche mit mindestens vier Schulstunden eigene Projekte umzusetzen, die sich mit Zukunftsfragen beschäftigen. Sie arbeiten jahrgangsübergreifend in Teams, vernetzen sich mit Expert*innen aus der Bildungslandschaft und setzen ihre Projekte in der Schule, Stadt oder Gemeinde um. Nach dem Motto „Global denken, lokal handeln“ leisten sie mit ihren Projekten einen Beitrag, um die Lösung der großen Herausforderungen unserer Zeit auf lokaler Ebene voranzutreiben. 

Das Besondere am FREI DAY ist, dass die Projekte nicht bewertet werden und somit gelernt werden kann, dass auch Scheitern ein wichtiger Lernprozess ist. Die Projekte sind zeitlich nicht begrenzt und so können Projekte von zwei Wochen bis zwei Jahre oder länger andauern. 

Dies erfordert natürlich auch einen Haltungswandel von Lehrer*innen hin zu Lernbegleiter*innen oder Coaches. Denn sie begleiten die Teams in ihrem Prozess und gestalten den Raum, in dem die Schüler*innen ihre Projekte weiterentwickeln und umsetzen können. 

Auch Schüler*innen und Eltern müssen gut auf diesen Wandel vorbereitet werden. Die  Schulzeit sorgt bei vielen Kindern dafür, dass ihre natürliche Neugier abnimmt. Im Fachunterricht werden sie darauf konditioniert, vorgegebene Fragen zu beantworten, anstatt eigene Fragen zu stellen. Diese Neugier wieder zum Leben zu erwecken, ist die große Herausforderung in den ersten Wochen des FREI DAYs. Daher brauchen Lehrer*innen einen guten Plan, wie sie die Kinder darin unterstützen können, wieder eigene Ideen zu entwickeln. 

Auch bei einigen Eltern ist vor allem zu Beginn die Angst groß, dass ihr Kinder durch den FREI DAY Stoff verpassen könnten, der später für einen erfolgreichen Schulabschluss relevant ist. Diese Angst ist durchaus verständlich, da Eltern stets die besten Voraussetzungen für ihre Kinder schaffen wollen. Deshalb ist es wichtig, Eltern von Anfang an in den Prozess mit einzubeziehen und aufzuzeigen, dass die Kompetenzen, die ihre Kinder an einem FREI DAY erwerben, nicht nur notwendig für deren Zukunft sind, sondern auch im Einklang mit den Fachlehrplänen stehen. Am FREI DAY können Eltern gut mit einbezogen werden, zum Beispiel als Expert*innen. Ein regelmäßiger Austausch darüber, was ihre Kinder an einem FREI DAY machen, schafft Transparenz und Vertrauen.

Seit Beginn des Schuljahres befinden sich bereits mehr als 30 Schulen aller Schulformen auf dem Weg, einen FREI DAY einzuführen, oder führen ihn bereits erfolgreich durch. Gemeinsam mit ihren Schulen dokumentiert Schule im Aufbrauch ihre Erfahrungen und macht sie auf www.frei-day.org für alle Interessierten sichtbar. Ihr großes Ziel ist es, dass bis 2025 13 500 Schulen, also ein Drittel aller Schulen in Deutschland, einen Freiraum implementiert haben, in dem ihre Schüler*innen lernen können, dass sie die Welt verändern können.

Was ist der FREI DAY?

Weitere Informationen zum FREI DAY findest du hier.

Schule im Aufbruch

Die Initiative Schule im Aufbruch wurde 2012 von Margret Rasfeld, Prof. Gerald Hüther und Prof. Stefan Breidenbach mit dem Ziel gegründet, Schulen zu einem Lernort der Potentialentfaltung zu transformieren. Als Graswurzelbewegung unterstützt Schule im Aufbruch Schulen durch Impulse, Vernetzung und Transformationsbegleitung auf dem Weg zu einer Schulkultur der Potentialentfaltung, der Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung im Kern und dem notwendigen Rollen- und Haltungswandel bei den Erwachsenen.