Didiaktische Innovation aus eigener Kraft

Kompetenzorientiertes Lernen mit digitalen Medien

Fast täglich fordern Experten und Politiker neue Schulfächer. Dass mit der Forderung neuer Fächer die Abschaffung anderer Fächer einhergeht, wird gerne übersehen. Lesen Sie hier, wie ein privates Ganztagsgymnasium den Wunsch nach lebensrelevantem und zugleich studienvorbereitendem Lernen erfüllt.

© Fotos: Raiffeisen Campus

Unser Verständnis von Lernen 

Der Raiffeisen-Campus aus dem Westerwald hat sich längst auf den Weg gemacht – seinen ganz eigenen. Denn Lernen ist ein höchst individueller und aktiver Prozess. Daher sind starre, durch die Lehrkraft kleinschrittig gesteuerte, Strukturen und Prinzipien der Vereinheitlichung keine guten Voraussetzungen für die Gestaltung von Unterricht. Neugier und das Einlassen auf Lernprozesse hängen stark von den persönlichen Interessen ab. Auf etwas Neues lassen sich Kinder und Erwachsene jedoch gern ein, wenn es für ihr Leben sinnstiftend ist. Deshalb halten wir am Raiffeisen-Campus klassischen Unterricht nach Schulfächern, deren Begründung letztlich in Lehrplänen fußt, nicht für allein zielführend, sondern gestalten fachübergreifende, sinnvoll an einen Kontext gebundene, individuelle Lernumgebungen für unsere Lernenden – um mit ihnen gemeinsam, auf Augenhöhe, die Kompetenzen zu erwerben, die ihnen dabei helfen sollen, die Zukunft des 21. Jahrhunderts zu gestalten. Im Rahmen der Teilnahme an einem Schulentwicklungsprojekt des Pädagogischen Landesinstituts des Landes Rheinland-Pfalz lernten wir viele gute Beispiele kennen, wie Schule und vor allem das Lernen besser gelingt, und erhielten die richtigen Impulse, über unsere Schul- und Unterrichtsentwicklung nachzudenken. Wir entwickelten daraufhin eine ganz eigenständige Vision mit zahlreichen Meilensteinen für die nächsten Jahrzehnte und entschieden uns gemeinsam als Team für die Umsetzung dieser Vision, indem wir damit begonnen haben, sinnhaftes individuelles Lernen fachunabhängig zu gestalten. 

Vom Lehrplan zum Lernatelier 

Am Anfang steht die buchstäbliche Sezierung aller Lehrpläne einer Jahrgangsstufe. Wie mit einer kleinen Schere teilen wir alle Lehrpläne in einzelne Kompetenzziele. Die einzelnen Fachkonferenzen entscheiden nun mit einem sehr genauen Blick auf den Lehrplan, welche Kompetenzen sich besonders dafür eignen, eigenverantwortlich und selbstständig von Lernenden erworben zu werden und welche Kompetenzen eine enger geführte Begleitung durch die Fachlehrkraft erfordern – beispielsweise, weil der Fremdsprachenlehrer als mündliches Vorbild im direkten Dialog mit den Lernenden stehen oder die Korrektur der Aussprache zeitnah zur Übung erfolgen muss. Wenn diese Entscheidung gefallen ist, bleiben die Kompetenzen auf dem Tisch, die im Lernatelier erworben werden sollen. In der Betrachtung all dieser Kompetenzen für den eigenverantwortlichen Lernprozess werden Überschneidungen markiert und Dopplungen entfernt und der Tisch leert sich sichtbar. Rasch finden sich gute Anknüpfungspunkte für gemeinsame Lernprozesse über die Fächergrenzen hinaus. Der entscheidende kreative Schritt folgt danach: Sinnstiftende Kontexte finden, innerhalb derer alle diese Kompetenzen zugeordnet werden können. Dazu bilden wir fachgemischte Autorenteams zur Erarbeitung einer Lernumgebung, die wir Lernateliers nennen. Diese Lernateliers beanspruchen inzwischen ca. ein Drittel der Stunden in den beteiligten Jahrgangsstufen der Sekundarstufe 1, die wir bis 2021 komplett erfassen wollen. Ein

Lernatelier mit einem MINTSchwerpunkt 

Am Beispiel des Lernateliers „Ökosysteme im Wandel“ wird deutlich, wie ein Anliegen aus dem Alltag auch für die Lernenden nachvollziehbar zu einem willkommenen fachübergreifenden Lerngegenstand werden kann. Die Ortsgruppe Dernbach des BUND hatte im Rahmen des Mitmachportals Dernbach die Idee, mit der Unterstützung der Gemeinde zwei brachliegende Grünstreifen in Wildblumenbeete zu verwandeln, um so zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen. Ein Autorenteam aus Kolleginnen und Kollegen der Fächer Biologie, Deutsch, Englisch, Erdkunde und Mathematik nahm diese Idee zum Anlass, für die Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen das Lernatelier „Ökosysteme im Wandel“ zu schreiben. Dazu wurde die durch unsere Bienen-AG bewirtschaftete Streuobstwiese als weiterer Lernort einbezogen. Die Autorengruppe definierte das Ziel, anhand der Gestaltung und Pflege des Wildblumenbeets und der Streuobstwiese in Dernbach, die Komplexität eines Ökosystems zu erfahren. Darüber hinaus wollten sie die Fähigkeit der Darstellung der Wechselwirkungen in einem Ökosystem stärken und die Beurteilungskompetenz mit Blick auf die Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen und den Einfluss des eigenen Handelns auf das Ökosystem Erde im Alltag entwickeln helfen. In unserem Lernmanagementsystem pflegten die Autoren dazu bilinguale Lerninhalte aus den beteiligten Fächern ein und steckten den Rahmen für die Durchführung des Projektes ab. Sie gestalteten die Lernumgebung als breites inhaltliches und methodisches Angebot so, dass die Lernenden ihren individuellen Lernweg in Abstimmung mit der Zielstellung der gewählten Projektgruppe selbst erschlossen. In einem elektronischen Test wiesen sie ihre erworbene Kompetenz notenrelevant nach. Konkret: Die Schülerinnen und Schüler setzten sich im ersten Schritt mir der Zielstellung auseinander und bildeten dann Gruppen, die entweder praktische Aufgaben, wie die Pflege des Wildblumenbeets der letztjährigen Durchführung des Lernateliers, oder mehr theoretische Aufgaben, wie Recherche von inhaltlichen Grundlagen bzw. Gestaltung eines Informationsschildes für die Mitbürger, übernahmen. Die Ergebnisse der insgesamt ca. 20 Stunden Lernen und Arbeiten zeigten ihnen auch den Wert der Nachhaltigkeit ihres Handelns. Der Stolz auf diese Leistung und die Wertschätzung der beteiligten Kooperationspartner sind eine spürbar gute Motivation für das Lernen im nächsten Lernatelier.

Wissenschaftliche Begleitung der Lernateliers 

Unsere eigenen Erfahrungen mit der signifikanten Zunahme der Handlungskompetenz der Lernenden durch das selbstgesteuerte fächerübergreifende Lernen im Lernatelier bereits nach nur einem Schuljahr veranlassten uns dazu, diese Erfahrungen zu verifizieren. Prof. Dr. Hermann Körndle, Professur für Psychologie des Lehrens und Lernens der TU Dresden, nahm sich dieser Aufgabe an und entwickelte mit unserer Steuerungsgruppe ein Setting zur wissenschaftlichen Untersuchung des Lernens im Lernatelier. Seine Motivation für die Zusammenarbeit beschreibt er in folgendem Statement: „Alle aus Sicht der Psychologie notwendigen Bedingungen, erfolgreich die Kompetenz zum selbstregulierten Lernen zu erwerben, sind in der Konzeption des Lernateliers in hervorragender Art und Weise umgesetzt. Darüber hinaus tragen maßgeblich die ausgeprägt wertschätzenden Interaktionen der Schülerinnen und Schüler untereinander, aber auch mit ihren Lehrpersonen, zum Erfolg des Lernateliers bei. Seine geschickte Organisationsform ermöglicht eine nahtlose Integration in den Schultag. Das macht für uns die wissenschaftliche Begleitung so interessant. Sie liefert uns für die Ausbildung von Lehramtsstudierenden eine Fülle von praktischen Anwendungsbeispielen. Aus meiner persönlichen Perspektive als Hochschullehrer wünschte ich mir einerseits mehr an Studierenden, die solche Kompetenzen ins Studium mitbringen würden. Andererseits ist das Lernatelier auch für uns ein großer Ansporn, die Qualität unseres Studienangebots durch die Übertragung und Nachnutzung des Lernatelierkonzepts zu sichern.“ 

Digitale Medien als Werkzeuge des Lernens

Individuelle Lernprozesse sind sehr komplex. Damit sie gelingen, benötigen Lernende wie auch Lernbegleitende eine zielgerichtete Transparenz dieses Prozesses. Seit 2013 nutzen wir das Lernmanagementsystem itslearning. Wir haben seitdem eine Vielzahl an Kommunikations- und Dokumentationsprozessen in diesem virtuellen Schulgebäude etabliert und so die strukturelle Schulorganisation und die didaktischen Strukturen darauf abgebildet. Dies sind natürlich ideale Voraussetzungen, um alle notwendigen Schritte und Bausteine von der Erstellung der Lernateliers in den Autorenteams bis hin zur Durchführung und unterrichtlichen Begleitung zu organisieren, zu steuern und zu dokumentieren. „Lehrplanentwürfe, Schülerfortschrittsberichte, Kompetenzraster, Materialien, Berichte und Statistiken sowie Kommunikationswerkzeuge befinden sich alle auf derselben Plattform – und man muss sich nur einen Login merken. Lehrplanerstellungen und -umsetzungen werden vereinfacht mit Hilfe von Kursvorlagen, dem Unterrichtsplaner sowie der Option, Kompetenzen mit digitalen Materialien und Inhalten zu verknüpfen – all dies unterstützt Lehrkräfte, ihren Unterricht zu entwickeln. Da die Plattform geräteunabhängig arbeitet, können eigene PCs, Tablets oder Smartphones problemlos genutzt werden. Dank der flexiblen Funktionen für Feedback und der Möglichkeit für Lernende, ihre Fortschritte auf ihre individuelle Weise unter Beweis zu stellen, können Lehrkräfte die Motivation und Aktivität ihrer Schülerinnen und Schüler erhöhen. Dank itslearning können sich die Lernenden über ihre Lernprozesse Gedanken machen und diese selbst in Blogs, Diskussionsforen oder ePortfolios zum Ausdruck bringen. Sie können außerdem ihren Lernfortschritt mit individuellen Lernplänen (ILP) dokumentieren, während Eltern, Lehrkräfte und Mentoren den Leistungsfortschritt in Echtzeit begleiten können.“

Info: Der Raiffeisen-Campus – Lernen im familiären Umfeld

Der Raiffeisen-Campus ist ein privates Ganztagsgymnasium in genossenschaftlicher Trägerschaft in Dernbach/Westerwald mit ca. 400 Lernenden. Das Abitur nennen wir nicht nur so, sondern verstehen es tatsächlich als Nachweis Allgemeiner Hochschulreife mit allen persönlichen und fachlichen Kompetenzen und Fähigkeiten, die für ein Studium nötig sind. Also richten wir unser pädagogisches und didaktisches Handeln bereits ab Klasse 5 ganz auf dieses Ziel aus. An unserer Schule, die erst 2011 gegründet wurde, haben wir von Beginn an mit digitalen Werkzeugen gearbeitet, die das Lernen, aber auch die Schulorganisation, vereinfachen und effizienter gestalten. Digitalität ist kein modernistischer Selbstzweck, sondern ermöglicht mehr persönliche Begegnung und Beratung, fernab von Bildschirmen. Eine wesentliche Rolle auf allen Ebenen der Schule spielen die Werte des Westerwälder Sozialreformers und Genossenschaftsgründers Friedrich- Wilhelm Raiffeisen (1818 –1888), die wir im familiären Schulalltag achtsam miteinander leben. Dabei führen uns die christlichen Werte zur Offenheit gegenüber allen Menschen aller Konfessionen und Religionen. Unser Verständnis von Leistungsorientierung und Leistungsforderung ist die achtsame Begleitung Lernender zur eigenen Selbstständigkeit. Dabei ist das Selbstverständnis unserer Lehrer, als Team auf der Grundlage einer gemeinsamen, wertebasierten Haltung zu handeln, unverzichtbar für die gelingende Entwicklung von zukunftsweisenden Kompetenzen aller Mitglieder der Schulfamilie. 

Partner gesucht!

Wenn Sie Lust haben, diese Art des Lernens näher kennenzulernen, können Sie uns am Raiffeisen-Campus in Dernbach gern besuchen. Wir sind auf der Suche nach Lehrerteams anderer Schulen, die sich als Einstieg, auch gern in Projektform, diese Lernform mit uns gemeinsam weiterentwickeln möchten und dabei auf unsere Erfahrungen und einen inzwischen sehr großen Pool an schlüsselfertigen Lernateliers zugreifen könnten.