Filmprojekt: Schweigend steht der Wald

Eine neue Art, Filme im Unterricht einzusetzen

Von der Idee zum Buch zum Kinofilm – diese langen Weg können Schülerinnen und Schüler am Projekt "Schweigend steht Wald" live mitverfolgen. Wolfram Fleischhauer und die Regisseurin Saralisa Volm laden Lernende und Lehrende zu einem Filmprojekt der anderen Art ein. Lesen Sie hier, was die Schüler neben Drehbuch schreiben und Filmplakate entwerfen, außerdem erwartet.

Karte mit gemalten Hinweisen
Die Schülerinnen und Schüler erhalten Quellen- und Recherchematerial des Autors, z. B. eine Flurkarte © Fleischhauer

Wolfram Fleischhauer ist Schriftsteller. Aber keiner, der in seinem Elfenbeinturm sitzt. „Ich lese sehr gern in Schulen, weil mir daran liegt, einen realistischen Eindruck vom Autorenhandwerk zu vermitteln“, sagt er. „Viele Kinder und Jugendliche haben ganz falsche Vorstellungen davon, wie Literatur entsteht.“ Der Autor bietet klassische Lesungen mit Werkstattgesprächen an, aber er begleitet Klassen oder Kurse auch, wenn seine Bücher im Unterricht gelesen und bearbeitet werden. „Die Lehrkräfte erhalten dann von mir zusätzliches Material, zum Beispiel Quellen, Synopsen, Figurenskizzen oder auch verschiedene Entwürfe einzelner Kapitel. 

Aktive Mitarbeit 

Außerdem können die Schülerinnen und Schüler per E-Mail mit mir korrespondieren und mir Fragen stellen, wenn sie beispielsweise Referate halten oder Hilfen bei der Interpretation wünschen.“ Die Jugendlichen sind, so seine Erfahrung, meist ganz erstaunt, wie viel Recherche erforderlich ist und wie oft ein Manuskript überarbeitet wird – zunächst vom Autor, dann vom Lektor. Wenn die Lehrkräfte es wünschen, nimmt Wolfram Fleischhauer auch an Projekttagen teil. „Wir diskutieren dann z. B. über den Einstieg in das Buch oder über einzelne Kapitel. Oder die Schülerinnen und Schüler schreiben alternative Enden, versuchen sich als Lektor oder Lektorin, entwerfen Klappentexte oder Schutzumschläge. Auf diese Weise erhalten sie dann auch Einblicke in die Arbeit im Verlag“, nennt Fleischhauer Beispiele.

Vom Film zum Buch

Weil Jugendliche es spannend finden zu erfahren, wie ein Buch entsteht, wollen Wolfram Fleischhauer und das Filmteam um Regisseurin Saralisa Volm sie auch in die geplante Verfilmung des Romans „Schweigend steht der Wald“ einbinden. „Wir möchten den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit geben, den gesamten kreativen Prozess einer Romanverfilmung kennenzulernen – von der ersten Idee zum Buch über das Drehbuch bis zur Filmpremiere“, sagt Fleischhauer. Als Arbeitsgrundlage erhalten alle Schülerinnen und Schüler eine gebundene und signierte Originalausgabe des Romans zum Sonderpreis sowie exklusives Quellenmaterial des Autors, zum Beispiel Recherchematerial, Roman- und Drehbuchentwürfe. Vor und während der Dreharbeiten können die Schülerinnen und Schüler per Mail oder per Skype in Kontakt zum Autor und zum Filmteam treten. Möglicherweise kann auch ein Besuch bei den Dreharbeiten organisiert werden. Gedreht werden soll im kommenden Jahr im Bayerischen Wald.

Titelbild des Romans "Schweigend steht der Wald"
Daran, wie die Idee entstand, erinnert sich Wolfram Fleischhauer genau. „Sie ist mir während einer Zugfahrt gekommen, irgendwo zwischen Straubing und Weiden, früh morgens, beim Blick auf nebelverhangene Wiesen und Wälder. Ich weiß noch, dass mich plötzlich eine merkwürdige Beklemmung überfiel. Obwohl draußen nichts war. Nur Wald und Wiesen. Friedliche Natur. Das Bedrohliche, das Unbehagen, war nur in meinem Kopf. In der Welt vor dem Fenster war nichts davon zu sehen“, erzählt er. © Droemer Knaur

Writers Room: Drehbuchszene oder Log-Line

Im Mittelpunkt von Film und Buch steht die Forststudentin Anja Grimm. Sie kehrt als Praktikantin in die Gegend zurück, wo ihr Vater spurlos verschwand, als sie noch ein Kind war. Beim Kartieren des Waldes stößt sie auf ein Geheimnis, das bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreicht. Der Kern der Geschichte bleibt der gleiche; doch wie sehr sich die Textsorten Drehbuch und Roman unterscheiden, merken die Schülerinnen und Schüler schnell, wenn sie die verschiedenen Entwürfe vergleichen. „Denkbar ist im Rahmen des Schulprojekts zum Beispiel ein virtueller Writers Room. Dort können sich die Jugendlichen selbst als Drehbuchautoren versuchen und einzelne Szenen des Romans in Dialogszenen umschreiben“, erklärt Wolfram Fleischhauer. Auch in andere Arbeiten rund um den Film können die Klassen oder Kurse sich einbringen. Gesucht wird z. B. die beste Log-Line für das Filmplakat. Die ganze Filmhandlung in einem Satz zusammenzufassen, ist schwerer, als es auf den ersten Blick scheint. „Der oder die Gewinner werden zum VIP-Empfang zur Filmpremiere eingeladen“, verspricht Wolfram Fleischhauer.

Verdrängte Erinnerung: das KZ Flossenbürg

Das Projekt „Vom Buch zum Film“ eignet sich nicht nur für den Deutsch-, sondern auch für Geschichts-, Gemeinschaftskunde-, Religions- und Philosophieunterricht. Denn während im Buch Anja Grimm und die Suche nach ihrem verschwundenen Vater im Vordergrund steht, geht es im Film vor allem auch um die Frage, wie Erinnerung funktioniert, wie man verantwortungsvoll damit umgeht – und wie verdrängte Erinnerung vieles vergiftet. In einer Zeit, in der Antisemitismus zunimmt und der Holocaust und die nationalsozialistischen Verbrechen offen geleugnet werden, ein wichtiges Thema, meint Wolfram Fleischhauer. Die Spuren des Konzentrationslagers Flossenbürg, das in Buch und Film eine wichtige Rolle spielt, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg fast völlig beseitigt; das KZ – und die darin begangenen Gräueltaten – gerieten in Vergessenheit.

Gedenkstätte mit Daueraustellung

Wenn überhaupt, wurde einzelner Gefangener in Flossenbürg gedacht, zum Beispiel Dietrich Bonhoeffers oder anderer Widerstandskämpfer, die hier noch kurz vor der Räumung des Lagers auf Befehl Hitlers hingerichtet wurden. Erst in den 1970er-Jahren begann in Flossenbürg die Aufarbeitung der Vergangenheit – durch „ein paar versprengte Querköpfe“, wie es im Buch heißt. Die Aufarbeitung war durchaus umstritten. Ein wirklicher Ort der Erinnerung mit teils sehr persönlichen Ausstellungsstücken ehemaliger Häftlinge wurde die Gedenkstätte erst nach dem 50 Jahrestag zur Befreiung des Konzentrationslagers. Seit 2010 beschäftigt sich die Dauerausstellung „Was bleibt“ in der ehemaligen Lagerküche mit den Folgen und Nachwirkungen des Konzentrationslagers und mit der Erinnerung – ein Thema, das auch im Film im Mittelpunkt steht. „Wir arbeiten eng mit der Gedenkstätte zusammen“, sagt Wolfram Fleischhauer. Klassen können – und sollten – einen eventuellen Besuch der Film-Drehorte auf jeden Fall auch mit einem Besuch der KZ-Gedenkstätte verbinden.


Mehr Informationen:
www.schweigendstehtderwald.de/
www.wolfram-fleischhauer.com/

Quelle: "Schweigend steht der Wald" von Eva Walitzek, bildung spezial 2/2019, S. 16-17.