Kompetenzförderung

Digitale Bildung: Alter Wein in neuen Schläuchen

Zeitgemäße digitale Bildung muss deutlich mehr bedeuten, als nur die neuen Möglichkeiten über traditionelle Konzepte zu „stülpen“. Das Potenzial digitaler Medien entfaltet sich weniger in der Reproduktion von Wissen, sondern vielmehr in der Förderung von Kompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken.

Abb. 1: Einsatz einer adaptiven Lernplattform im Fach Mathematik

1. Kompetenzorientierung statt Reproduktion

Die Digitalisierung des Unterrichts wird derzeit oft nur dafür eingesetzt, um bestehende Unterrichtsabläufe und Materialien durch digitale Möglichkeiten zu erweitern oder zu ersetzen. Ein Beispiel hierfür ist die Transformation des analogen Mathematikübungsheftes hin zu einer digitalen Lernplattform (Abb. 1): Das Prinzip zur Lösung einer Aufgabe wird dabei so lange vorgemacht, bis der Schüler es nachmachen kann. Vor hundert Jahren geschah dies durch den Lehrer an der Kreidetafel, heute, im digitalen Zeitalter, über adaptive Lernsysteme oder über Erklärvideos. 
Auf YouTube stehen zahlreiche Filme zur Verfügung, bei denen engagierte Lehrerinnen und Lehrer z. B. am Whiteboard frontal das Lösungsprinzip einer Mathematikaufgabe nach der anderen erklären. Methodisch verknüpft werden solch traditionelle Lehrformen dann auch noch mit Konzepten wie „Flipped-Classroom“. Egal ob analog oder digital: Die wesentliche Methode bleibt das stumpfe Üben. Zahlreiche prozessbezogene Kompetenzen und das Verständnis bleiben auf der Strecke. Mit solch traditionellen Zugängen kann das Potenzial von digitalen Medien im Unterricht nicht ausgeschöpft werden. 

Statt zur Reproduktion von Wissen sollten digitale Medien im MINT-Unterricht vor allem zur Förderung und zur Stärkung von Kompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken (4K) eingesetzt werden (Abb. 2). Hierzu ist eine Verknüpfung von mobilen Endgeräten mit individuellen, forschenden, kreativen und projektartigen Arbeitsaufträgen ein gangbarer Weg. 
Durch eine offen formulierte und digital angereicherte Aufgabenstellung können in heterogenen Lerngruppen sowohl leistungsschwache als auch leistungsstarke Lernende entsprechend ihrem Vorwissen und ihrem Leistungsvermögen gefördert werden. Schülerinnen und Schüler erleben dabei einen hohen Grad an Handlungsorientierung, Kreativität und Selbstbestimmung. Die Verbindung von digitalen Medien mit offenen, kreativen und forschenden Aufgaben leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Individualisierung, Selbstdifferenzierung und fördert zahlreiche prozessbezogene Kompetenzen. 

2. Kompetenzorientierte Beispiele aus dem MINT-Unterricht

Abb. 2: Vier Kompetenzen für die Bildung im 21. Jahrhundert (CC BY SA).

Eine kompetenzorientierte digitale Aufgabenstellung muss zeitlich flexibel in den Unterricht integrierbar sein. Im Folgenden werden Beispiele aus dem Mathematik- und Physikunterricht des Autors im zeitlichen Umfang von einer Schulstunde (Kapitel 2.1 und 2.2), über mehrere Stunden (Kapitel 2.3) bis hin zu mehreren Wochen (Kapitel 2.4) erläutert. Die zugrundeliegenden Überlegungen können auch im Unterricht anderer Fächer Anwendung finden. 

 

2. 1 Stumme Videos nachvertonen 

Eine Methode, die vor allem die Kommunikation und viele weitere prozessbezogene Kompetenzen fördert, ist das Üben durch die Nachvertonung eines stummen Videos [1]. Vor dem Unterricht nimmt der Lehrer 
z. B. eine Erklärung oder ein Messverfahren als Film auf und löscht die Tonspur. Das fertige stumme Video wird den Schülerinnen und Schülern über die Schul-Cloud zur Verfügung gestellt. Zur Nachvertonung müssen die Lernenden zunächst in Partnerarbeit ein Redemanuskript handschriftlich verfassen. Im Anschluss wird der Text z. B. innerhalb der App iMovie im Team passend zum Video eingesprochen (Abb. 3). Falls die Text­länge zeitlich nicht passend ist, kann die Geschwindigkeit des stummen Filmes an das Redemanuskript beliebig angepasst werden. 

Abb. 3: Schüler beim Nachvertonen eines stummen Videos zur Bestimmung der Leistung P

Stumme Videos dienen vor allem zur Übung der Unterscheidung von Alltags- und Fachsprache. Zur Förderung der Bewertungskompetenz können die fertigen Videos mit Methoden der Fremd- und Selbstbewertung durch die Lernenden gegenseitig beurteilt werden. Ein Beispiel aus dem Physikunterricht des Autors ist die Nachvertonung eines Videos zur Bestimmung der elektrischen Leistung P (https://youtu.be/2lcIH7eAEGI). Sehr leistungsfähige Schülerinnen und Schüler können das Video über die Plattform h5p um interaktive Elemente erweitern (Beispiel: http://bit.ly/2M9n7XW). 

2.2 Apps zur Förderung des Verständnisses

Eine andere Methode zur Förderung von Kompetenzen mit digitalen Medien sind „Apps for understanding“. Dabei handelt es sich um digitale Werkzeuge, die auf das Verständnis sowie die kognitive Aktivierung setzen und dadurch dynamisches Lernen ermöglichen [2]. Ein Beispiel für den Mathematikunterricht ist die webbasierte „W-Baum-App“ (http://bit.ly/2LvwyAm) von Timo Leuders. Schülerinnen und Schüler können innerhalb der Anwendung mehrstufige Zufallsexperimente durch Wahrscheinlichkeitsbäume visualisieren, diese beliebig miteinander kombinieren und dadurch völlig neue Situationen konstruieren (Abb. 4). In Abhängigkeit von der Aufgabenstellung ist es möglich, Häufigkeiten, totale Wahrscheinlichkeiten und Erwartungswerte einzublenden. Als zusätzliche Lernhilfe ist neben dem Baumdiagramm auch ein Flächendiagramm des konstruierten Zufallsexperimentes verfügbar. Die App kann z. B. im Mathematikunterricht der 8. Klassenstufe lernbegleitend während der gesamten Unterrichtseinheit zur Wahrscheinlichkeitsrechnung eingesetzt werden. Sinnvoll ist eine Kombination der App mit offenen und kreativen Aufgabenstellungen aus dem Alltag der Schülerinnen und Schüler [3]. 

 

Abb. 4: App zur kognitiven Aktivierung in der Wahrscheinlichkeitsrechnung

2.3 Forschendes Lernen mit digitalen Endgeräten

Forschendes Lernen ist ein Lernkonzept, bei dem sich Schülerinnen und Schüler durch eine aktive und kreative Auseinandersetzung mit offenen naturwissenschaftlichen Fragestellungen selbstständig Wissen erarbeiten und dabei zahlreiche prozessbezogene Kompetenzen erwerben [4]. Die Formulierung der Aufgabenstellung sollte möglichst offen erfolgen und forschendes Lernen anregen: Schülerinnen und Schüler stellen eigene Fragen, formulieren Hypothesen, planen Versuche, führen diese durch, finden Erklärungen und kommunizieren die Ergebnisse (Abb. 5). Ein solcher Arbeitsauftrag kann mit mobilen Endgeräten nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch im Alltag der Lernenden und zu Hause durchgeführt werden [5].

Bei Schülerinnen und Schülern erzeugt das Konzept des forschend-entdeckenden Lernens aufgrund des hohen Grades an Handlungsorientierung und Selbstbestimmung eine hohe Motivation. In Konsequenz haben Lehrende bei einem solchen Unterricht nicht mehr die Aufgabe, nur Wissen zu vermitteln, sondern die Schülerinnen und Schüler zu motivieren und als kooperativer Lernberater zu unterstützen. 
 

Abb. 5: Forschungskreislauf zur Orientierung in den Naturwissenschaften

Ein offener, forschend-entdeckender und kreativer Arbeitsauftrag für Schülerinnen und Schüler der 9. Klassenstufe im Physikunterricht wäre z. B. die Erforschung der Eigenschaften von Wärmestrahlung und der direkte Vergleich mit der optischen Strahlung [6]. Gute Wärmebildkameras für Smartphones und Tablets sind bereits zu einem Preis von ca. 250 € von mehreren Herstellern verfügbar. Für Schulen ist es im Rahmen des verfügbaren Finanzbudgets für die Naturwissenschaften möglich, ein 15er-Set an Wärmebildkameras für Schülerexperimente zu erwerben. Im Rahmen der Bearbeitung des Arbeitsauftrags haben die Lernenden die Möglichkeit, die Kamera zur Erforschung der Wärmestrahlung nach Hause mitzunehmen. Die Ergebnissicherung erfolgt mit einem selbst erstellten Erklärvideo. Im Film dürfen nur eigene Wärmebilder und Wärmevideos eingesetzt werden. Zur Binnendifferenzierung kann das fachliche Niveau des Erklärvideos frei gewählt werden: Einfach: Beitrag für „Sendung mit der Maus, WDR“, Mittel: Beitrag für „Galileo, Pro7“, Schwer: Beitrag für „[W] wie Wissen, ARD“.

2.4 Fächerverbindende Projektarbeiten mit digitalen Medien

Im Rahmen von mehrwöchigen fächerverbindenden Projektarbeiten kann das Tablet z. B. zur Dokumentation und gleichzeitig zur Erarbeitung von neuem Wissen eingesetzt werden. Ein Beispiel ist die Herstellung einer Schokokuss-Wurfmaschine. Im Technikunterricht geht es um die genaue Planung mit 3D-CAD-Programmen und um die Erstellung von Bauteilen mit der Stichsäge oder auch am 3D-Drucker. Im Physik- und Mathematikunterricht wird zum Projekt die Modellierung der Flugbahn des Schokokusses u. a. durch eine Videoanalyse am Tablet erarbeitet. Eine andere fächerübergreifende Projekt­arbeit für den MINT-Unterricht mit kleinerem zeitlichem Umfang wäre beispielsweise in der 8. Klassenstufe das Verlöten von Leitungen und Glühbirnen zur Erstellung einer kreativen Traumwohnung inkl. Beleuchtung mit Reihen-, Parallel- und Wechselschaltung. 

3. Kompetenzorientierung alleine macht noch keinen guten Unterricht

Das Ziel von zeitgemäßer Bildung sollte vermehrt der Erwerb von Zukunftskompetenzen durch vielfältige Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten sein [7].  Doch vor allem leistungsmäßig schwache Schülerinnen und Schüler sind mit den erforderlichen offenen und kompetenzorientierten Aufgabenstellungen schnell überfordert (Kapitel 3.1). In einem guten Unterricht haben auch bestehende Konzepte wie eine Übungsplattform zum „stumpfen“ Üben (Kapitel 3.2) sowie lehrerzentrierte Erklärvideos (Kapitel 3.3) bei sinnvollem Einsatz durchaus ihre Berechtigung. 

3.1 Gefahr der Überforderung von Schülerinnen und Schülern

Im Klassenzimmer ergeben sich durch die neuen technologisch-methodischen Ansätze Möglichkeiten, die es bisher in dieser Form nicht gab. Wichtig ist dabei, die Schülerinnen und Schüler mit kompetenzorientierten Aufgaben nicht zu überfordern. Vor allem bei schwachen Lernenden wirkt sich eine Überforderung negativ auf ihre Motivation und ihr Selbstkonzept aus. Die Öffnung des Unterrichts von eng geführten geschlossenen Aufgaben hin zu mehrwöchigen digi­talen Projektarbeiten sollte sowohl im zeitlichen Umfang wie auch im Grad der Offenheit der Aufgaben schrittweise erfolgen. Auch die traditionelle Leistungsbewertung am Ende einer solchen Unterrichtseinheit muss überdacht werden: Die Abfrage bzw. Reproduktion von Wissen in Form einer Klassenarbeit ergibt hier nur noch wenig Sinn. Im Idealfall sollte die Leistungsbewertung durch eine lernbegleitende, flexible und kompetenzorientierte Form erfolgen [8]. 

3.2 Sinnvoller Einsatz von Lernplattformen

Mithilfe von Mathematik-Lernplattformen wie z. B. Bettermarks oder MatheBattle können Lehrerinnen und Lehrer allen Schülerinnen und Schülern einer Klasse Übungsaufgaben in Form von Arbeitsblättern digital zuweisen. Der Lernprozess wird bei jeder Aufgabe durch gestufte Hilfen und diagnostische Rückmeldungen konstruktiv unterstützt. Die Lehrperson sieht auf dem Endgerät, mit welchem Erfolg die einzelnen Schülerinnen und Schüler das Arbeitsblatt bearbeitet und wie zielführend die ganze Klasse einzelne Aufgaben gelöst hat. Im Modus „Test“ können die erstellten Arbeitsblätter auch zum Diagnostizieren des Leistungsstandes der Klasse eingesetzt werden (Abb. 6).

Abb. 6: Lernplattform: Lerndiagnose und Aufgaben zur individuellen Förderung.

Der Vorteil von Mathematik-Lernplattformen ist vor allem die zeitliche Effizienz bei der Lernprozessdiagnose sowie die schnelle Erstellung und Verteilung von binnendifferenzierten Arbeitsblättern. Durch den Ansatz der „Gamification“ mit dem Sammeln von Sternen und Münzen können einige Lernende zusätzlich motiviert werden. 
Der Nachteil einer solchen Lernplattform ist das „stumpfe“ Üben mit vorgefertigten Aufgabenblättern. Es handelt sich hier ausschließlich um eine mehrfache Wiederholung geschlossener Aufgaben des gleichen Typs mit einer ganz konkreten Lösung. In den digitalen Hilfestellungen zu den Aufgaben geht es weniger um das mathematische Verständnis, sondern viel mehr um das Auswendiglernen von formalen Arbeitsweisen. Prozessbezogene Kompetenzen können mit dieser Art von Lernplattform nur bedingt gefördert werden. Auf keinen Fall dürfen die genannten Mathematik-Lernplattformen aufgrund ihrer umfänglichen Möglichkeiten zum alleinigen Fundament des Mathematikunterrichtes gemacht werden.
Sinnvoll einsetzen lassen sich Mathematik-Lernplattformen nur in einem abwechslungsreichen Unterricht, der aus einer ausgewogenen Mischung von kompetenzorientierten Aufgabenstellungen und klassischen Übungsaufgaben besteht. Wichtig ist es dabei, nicht die vorgefertigten Aufgabenblätter aus den „Büchern“ einzusetzen, sondern eigene digitale Arbeitsblätter mit abwechslungsreichen Aufgaben zu erstellen. Im Unterricht des Autors wird die Lernplattform Bettermarks nur zeitlich begrenzt, in Partnerarbeit und ohne Leistungsdruck verwendet. 

3.3 Einsatz von Erklärvideos mit Mehrwert

Die meisten Erklärvideos werden für das Prinzip: „Lehrer macht etwas vor – Schüler machen es nach“ produziert. Mit dem Konzept „Flipped-Classroom“ werden die aufwendig produzierten Filme dann auch noch als zeitgemäße digitale Bildung verkauft. Durch die Methode des umgedrehten Unterrichts erfolgt die Reproduktion des Wissens passiv zu Hause. Viel sinnvoller wäre es, die mathematischen Inhalte kollaborativ, kompetenzorientiert und entdeckend im Klassenzimmer zu erarbeiten und – wie bisher – die Zeit zu Hause zum Üben zu verwenden. 
Erklärvideos lassen sich aber auch sinnvoll in den Unterricht integrieren, so z. B. zur methodischen Variation im Rahmen eines Lehrervortrags im Unterricht oder zur Wiederholung der entdeckend erarbeiteten Inhalte. Gute Dienste leisten Erklärvideos auch im Rahmen von Mathematik-Vertretungsstunden durch fachfremde Lehrer. Eine weitere Möglichkeit zum sinnvollen und aktiven Einsatz von Erklärvideos ist deren Anreicherung durch interaktive Elemente. Schülerinnen und Schüler müssen innerhalb eines solchen Videos Fragen zum Themengebiet beantworten und sehen am Ende das Ergebnis ihres Lernerfolgs. Zum Erstellen von interaktiven Lerninhalten ist die freie und quelloffene Software h5p geeignet, die mit jedem beliebigen YouTube-Video verknüpft werden kann. Ein Beispiel aus dem Physikunterricht des Autors ist ein interaktives Erklärvideo zur Messung der Schallgeschwindigkeit (Abb. 7), das auf dem deutschen h5p Portal der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet (ZUM e. V.) veröffentlicht wurde (http://bit.ly/2vQ7L5h).

Abb.7: Interaktives h5p Erklärvideo zur Bestimmung der Schallgeschwindigkeit

4. Digitale Schulentwicklung

Digitale Medien dürfen im Klassenzimmer nur zeitlich begrenzt und vor allem nur dort eingesetzt werden, wo für die Lehr- und Lernaufgabe ein inhaltlicher und methodischer Mehrwert entsteht [9]. Um diesem Anspruch gerecht zu werden muss die Lehrerfortbildung eine tragende Säule der digitalen Schulentwicklung darstellen (Kapitel 4.1). Durch Unterrichtserfahrungen mit kompetenzorientierten Aufgabenstellungen wird sehr schnell der Bedarf nach neuen Lernräumen sichtbar (Kapitel 3.2). Sowohl die Kompetenzorientierung als auch die neuen Lernräume sollten von Anfang an im Medienkonzept berücksichtigt werden (Kapitel 3.3).   

4.1 Lehrerfortbildungen als Fundament 

Durch den Einsatz von Apps, Live-Feedback-Systemen, Sensoren und Erklärvideos in Verknüpfung mit zeitgemäßen methodischen Ansätzen kann der Unterricht emotional anregender, effizienter und wirkungsvoller gestaltet werden. Der Schlüssel zum erfolgreichen Unterricht ist und bleibt auch im digitalen Zeitalter der engagierte und motivierte Lehrer. Die Digitalisierung des Unterrichts fordert die Lehrerinnen und Lehrer nicht nur, sondern kann diese aufgrund der hohen technologischen und methodischen Komplexität schnell überfordern. Viele Lehrerinnen und Lehrer müssen zunächst in kleinen Schritten vom Mehrwert des digitalen Unterrichts überzeugt werden. Für diese Aufgabe sind weder medienpädagogische Theorien noch das Aufzeigen der digitalen Transformation der Gesellschaft hilfreich. Überzeugen lassen sich die Kolleginnen und Kollegen vor allem durch ganz konkrete und einfache Beispiele aus der täglichen Unterrichtspraxis. Am Anfang ist es durchaus ein großer Erfolg, wenn der Übergang vom analogen Mathematik-Übungsheft zu einer digitalen Lernplattform gelingt. Wichtig ist, möglichst das gesamte Kollegium auf den Weg ins digitale Zeitalter mitzunehmen und zum Durchhalten zu motivieren.  
Die traditionellen Formate der Lehrerfortbildung sind für die fast täglichen Neuerungen in der digitalen Bildungswelt zu langsam und unflexibel. Aufgrund der individuellen Medienkonzepte ergibt es auch nur wenig Sinn, die Lehrerinnen und Lehrer auf externe Fortbildungsveranstaltungen zu schicken. Sinnvoll sind schulinterne und agile Fortbildungsformate wie Barcamps, die Integration von Twitter, beispielsweise durch eine wöchentliche Lehrer-Rundmail mit „Twitter-News“ oder Mini-Fortbildungen z. B. bei jeder Lehrerkonferenz. Mit solchen Formaten können sich die Kolleginnen und Kollegen gegenseitig gelungene Beispiele aus der digitalen Unterrichtspraxis mit den im Schulgebäude zur Verfügung stehenden Möglichkeiten vorstellen.

4.2 Transformation des Klassenzimmers zum Lernraum

Bei der Durchführung von zeitgemäßen Unterrichtsszenarien mit digitalen Medien wird sehr schnell deutlich, dass der traditionelle Lernort Klassenzimmer (Abb. 8_a) für das mobile Lernen nicht mehr stimmig ist. Der Bedarf nach Lernräumen zum Kommunizieren, kreativen Arbeiten und Forschen wird immer sichtbarer und auch von den Schülerinnen und Schülern eingefordert. Ein einfaches Beispiel wäre die Auflösung des veralteten Computerraums der Schule. Statt fest installierter PC-Zeilen könnte der Raum mit flexiblen Arbeitsinseln, mobilen Endgeräten und einer Green-Screen-Ecke für 
Videoproduktionen ausgestattet werden (Abb. 8b). Ein weiteres Beispiel wäre die Verwandlung der alten Hausmeisterwerkstatt im Keller der Schule zum innovativen Makers-Space. Aber auch hier gilt: in kleinen Schritten vorgehen, erste Ansätze im Schulalltag erproben und immer wieder an die Bedürfnisse des Unterrichts anpassen.

 

Abb. 8: Vergleich von Lernräumen: "Die Mischung macht's! a) traditioneller Lernraum Klassenzimmer
b) erste zeitgemäße Ansätze: Offener Lernraum zum kollaborativen und eigenständigen Arbeiten

4.3 Kompetenzorientierung im Medienkonzept berücksichtigen 

Eine Auseinandersetzung mit der pädagogisch-didaktischen Dimension des Unterrichts ist die Voraussetzung dafür, beim Lernen durch Digitalisierung einen Mehrwert zu erzielen. Daher ist die gemeinsame Diskussion und Abstimmung über das schulinterne Medienkonzept durch Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern ein wichtiger Teil der digitalen Schulentwicklung.
Aber woher sollen die Schulen bei der Erarbeitung ihres Medienkonzeptes wissen, welche Chancen digitale Medien für den kompetenzorientierten Unterricht bieten? Wie kann dabei der Bedarf nach zeitgemäßen Lernräumen für das digitale Arbeiten vermittelt und berücksichtigt werden? 
Derzeit wird bei der Entwicklung der Medienkonzepte an vielen Schulen oft nur debattiert, wie die neuen digitalen Möglichkeiten möglichst passend in die vorhandenen Strukturen integriert werden können. Von großem Mehrwert wäre es, wenn die Schulen z. B. im Rahmen von pädagogischen Tagen von den neuen technisch-methodischen Anforderungen in Verknüpfung mit zeitgemäßen Lernräumen überzeugt werden. Nur dann können die neuen räumlichen Anforderungen bei der Planung eines Medienkonzeptes berücksichtigt werden. 

5. Humanistische Bildung – auch mit digitalen Medien

Auch mit mobilen Endgeräten darf die schulische Bildung nicht für die Zwecke der Arbeits- und Berufswelt 4.0 instrumentalisiert werden. Das Bildungsziel muss die umfassende Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler zu selbstständigen, kritikfähigen, wertebewussten, verantwortungsvollen und medienmündigen jungen Menschen bleiben. An jeder Schule muss es deshalb jenseits der digitalen Lernräume und des täglichen Pflichtprogramms ein umfangreiches Angebot an sportlichen, musikalischen und kulturellen Aktivitäten geben.

Zeitgemäßer Unterricht sollte dabei immer ein ausgewogenes Zusammenspiel von digital & analog, von Lernraum & Klassenzimmer, von Kompetenzorientierung & Übungsaufgabe sowie von Tablet & Kreidetafel sein. Lernen kann nur dann gut funktionieren, wenn ein respektvolles Lehrer-Schüler-Verhältnis vorhanden ist – digitale Medien sind dabei nur als Hilfsmittel im Lernprozess zu sehen. Es zeigt sich ganz deutlich, dass es auch im digitalen Zeitalter auf den kompetenten, begeisterten, empatischen und motivierten Lehrer bzw. Lernbegleiter ankommt.

Die digitale Transformation von Schule und Unterricht sollte nur in kleinen, über mehrere Jahre verteilten Schritten erfolgen [10]. Wichtig ist es, dabei Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrende immer wieder in die erforderlichen Schulentwicklungsprozesse einzubeziehen. Nur durch einen stetigen Austausch von Informationen und konkreten Unterrichtserfahrungen ist es möglich, Vorbehalte auf allen Ebenen langsam abzubauen. Schulische Veränderungsprozesse für zeitgemäße Bildung können nur mit viel Geduld sinnvoll angeregt, in einzelnen Schritten gestaltet und damit nachhaltig umgesetzt werden. Der Weg ist steinig – aber er lohnt sich!

Literatur:

 [1] Schweinberger, M., Watzka, B. & Girwitz, R. (2019). Üben mit „stummen“ Videos. Unterricht Physik, 5/173, S. 28-30.
[2] Leuders, T. (2019). Apps for Understanding – Verstehensförderndes Wiederholen mit digitalen Werkzeugen zur Problemlöseunterstützung. Mathematik lehren (215), S. 44-45.
[3] Leuders, T., Holzäpfel, L. & Storz, R. (2017). Verteilung von Jungen und Mädchen – Wahrscheinlichkeiten vorhersagen. In S. Hußmann, T. Leuders, S. Prediger  & B. Barzel (Eds.), mathewerkstatt 10 (S. 5-25). Berlin: Cornelsen.
[4] P. Bronner, K. Reitz-Koncebovski, K. Maaß. Sechsteilige Artikelreihe zum forschenden Lernen. MINT-Zirkel, Ausgaben (5-12/2015) und (1-4/2016).
[5] Bronner, P. (2017). Individualisierung & Differenzierung im Unterricht mit mobilen Endgeräten. Schul-Verwaltung spezial (01/17), S. 35-38.
[6] Bronner, P. (2020). Mit Wärmebildkameras für MINT begeistern. Magazin Exciting Education, Klett-Verlag, Ausgabe 02/2020.
[7] Schleicher, A. (2013). Vortrag: 21st Century Skills. Re:publica 2013.  https://youtu.be/Ibb5KE6Cl_w
[8] Reitz-Koncebovski, K., Bronner, P. & Maaß, K. (2015). Leistungsbewertung bei offenen Aufgaben und forschendem Lernen. MINT Zirkel, 4, S. 10-11.
[9] Hillmayr, D., Reinhold, F., Ziernwald, L., Reiss, K. (2017). Digitale Medien im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht der Sekundarstufe: Einsatzmöglichkeiten, Umsetzung und Wirksamkeit. Waxmann-Verlag, Münster. 
[10] Bronner, P. (2019). Vom BYOD-Projekt zur 1:1-Ausstattung – Digitalisierung in kleinen Schritten am Friedrich-Gymnasium Freiburg. Computer und Unterricht, Friedrich-Verlag, Ausgabe 113/2019.
 

Dr. Patrick Bronner erhielt für den methodisch sinnvollen Einsatz von Smartphones und Tablets im Klassenzimmer den Deutschen Lehrerpreis 2016. Er unterrichtet am Friedrich-Gymnasium Freiburg die Fächer Mathematik und Physik, bildet Referendare aus und hält Vorträge & Fortbildungen zur zeitgemäßnen digitalen Bildung. Weitere Informationen unter www.PatrickBronner.de


Hinweis:

Der Autor bietet zum Thema des Artikels einen Vortrag mit anschließendem Workshop an. Das Handout des Vortrags kann auf der Homepage des Autors https://patrickbronner.de/fortbildung (s. QR-Code) zum Selbststudium kostenlos heruntergeladen werden.