So macht der MakerSpace Digitalisierung in deutschen Schulen erlebbar

Co-kreatives Lernen im MakerSpace: Die Praxis

Der theoretische Rahmen des MakerSpace verspricht Innovation und einen Weg, die Schule ins digitale Zeitalter zu führen. Erfahren Sie hier, wie Schulen in Deutschland das Konzept erfolgreich anwenden.

Schülerinnen und Schüler arbeiten gemeinsam im kreativen MakerSpace
Schülerinnen und Schüler arbeiten gemeinsam im kreativen MakerSpace: So wird Schule erfolgreich ins digitale Zeitalter geführt. Foto: © Hohenloher

Die Praxis

Die Ernst-Reuter Schule in Karlsruhe hat schon einen MakerSpace, die Karlsschule in Hamm bekommt einen, die Stadt Hamm dazu noch ein FabLab, das hat die Hochschule Ruhr West in Bottrop auch … und dort treffe ich Marc. Als ich Marc, 17 Jahre alt und Schüler am Josef-Albers-Gymnasium, Mitte Februar an der Hochschule Ruhr West in Bottrop treffe, steckt er mitten in den Abiturvorbereitungen. Den Kontakt zu Marc hat eine Freundin, die an der Hochschule arbeitet, vermittelt – ich hatte ein Problem und Marc bereits die Lösung.

Möglichkeit für kreatives Arbeiten 

In Vorbereitung eines Workshops wollte ich ein LEGO-Technics-Fahrzeug mit dem Mikrocontroller Calliope steuern und suchte nun nach einer passenden Halterung. Marc hatte zu diesem Zweck ein Modell mit dem CAD-Programm Autodesk konstruiert, mit LEGO-Noppen an der unteren Seite und einer Aussparung für den Mini-Controller an der Oberseite. Mittels 3D-Drucker produzierte Marc ein Exemplar für mich und löste damit mein Problem. Damit war nicht nur mein Interesse am 3DDruck geweckt, sondern auch an Marc. Und so erfuhr ich, dass Marc 2016 das FabLab der Hochschule im Rahmen eines schulischen Projektes kennenlernte und seitdem regelmäßig an den öffentlichen Tagen das FabLab besucht, um eigene Ideen zu realisieren. Wie es dazu kam:

„Ich habe früher mit Lego gespielt … die ganzen Sets aufgebaut, in einer rasenden Geschwindigkeit, dann wieder zerlegt und dann wieder neu aufgebaut usw. Als Jugendlicher habe ich dann im Internet 3D-Zeichnungen gefunden und war total fasziniert. Mit elf oder zwölf habe ich dann angefangen, CAD-Modelle zu zeichnen und wollte die natürlich auch produzieren, z. B. mit einer CNC-Fräse. Es ist total faszinierend, in einem Video zu sehen, wie jemand am PC eine Zeichnung erstellt und dann über ein Werkzeug verfügt, mit dem man das Ding dann 1:1, mit einer unglaublichen Genauigkeit, anfertigen kann. Basteln, bauen, konstruieren …das ist schon immer meine Welt gewesen.“

Förderung durch MakerSpaces

Ich will wissen, ob ihm Schule dabei geholfen hat und ob es keinen 3D-Drucker in seiner Schule gibt. „Ich glaube, es gibt mittlerweile drei oder vier 3D-Drucker an unserer Schule, sogar dieselben, wie hier am FabLab. Aber die werden halt nur im Rahmen des Unterrichts benutzt. Wenn ich so ein Gerät in der Schule privat nutzen könnte, z. B. in einem speziellen Raum dafür, fände ich das ziemlich attraktiv.“

Ein Schüler arbeitet an einem 3D-Drucker
Während der offenen Abende kann Marc im FabLab der Hochschule Ruhr West seine CAD/3D-Druck-Projekte realisieren Foto: © Jürgen Luga

MakerSpace in Hamm bereitet auf digitalisierte Zukunft vor

Ortswechsel. Die westfälische Stadt Hamm am Nordrand des Ruhrgebiets. Peter Hillebrand leitet hier eine Hauptschule. Die Karlschule ist eine der ersten Schulen Deutschlands, die einen schulischen MakerSpace realisiert. Ich frage den Schulleiter, wie die Idee dazu entstand.

„Die Herausforderungen der Schule, die Schülerinnen und Schüler auf eine technisierte und digitalisierte Zukunft vorzubereiten, verlangen nach innovativen Unterrichtsmodellen. Die Karlschule entwickelte in den vergangenen Jahren ein Unterrichtsmodell in Anlehnung an die Dalton-Pädagogik. Diese Form des selbstgesteuerten Lernens benannten wir in Anlehnung an unseren Schulnamen ,KARLTON‘. Im Rahmen der weiteren Unterrichtsentwicklung wollen wir nun die projektorientierte Arbeit weiter ausbauen. Schülerinnen und Schüler sollen ein Thema nicht nur aus der Perspektive eines Unterrichtsfaches beleuchten, sondern alle Aspekte sollen betrachtet werden. Diese Arbeitsweise ist notwendig, da unsere Welt immer komplexer wird und sich damit auch Entscheidungsprozesse verkomplizieren. Derartige pädagogische Herangehensweisen sind aber nur sehr schlecht mit bestehenden Schulraumkonzepten umsetzbar. Vielmehr werden flexible Raumkonzepte benötigt, die multifunktional nutzbar sind. Auch kann durch die voranschreitende Digitalisierung jederzeit an jedem Ort gelernt werden. Warum also nicht Flure, Mensa und das Schulgebäude als Lernort nutzen? Im Rahmen dieser Modernisierung soll auch der MINT-Bereich neugestaltet werden. Wir begnügen uns jedoch nicht damit, bestehende Räume zu modernisieren, sondern wir werden ‚Wände einreißen‘. Es wird keine getrennten NaWi-, Technik- und Informatikräume mehr geben. Vielmehr soll ein großer Bereich gestaltet werden, in dem fächerübergreifend gearbeitet werden kann. Dieser MINT-Bereich soll nicht nur während des jeweiligen Fach- und Projektunterrichts genutzt werden, sondern soll den Lernenden auch während des Ganztagsangebotes als MakerSpace zur Verfügung stehen.“

Schüler arbeiten gemeinsam im kreativen MakerSpace ihrer Schule
Die Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule im Karlsruher Stadtteil Waldstadt hat im März 2019 einen neuen MakerSpace in Betrieb genommen. Hier können Schüler mit digitaler Technik selbstständig kreativ sein. Foto: © Hohenloher

Innovative Raumkonzepte für den MakerSpace

Frau Kühlmann-Rakers steht als planungsbegleitende Bauherrenvertreterin einer neuen innovativen Raumkonzeption grundsätzlich sehr positiv gegenüber:

„Gerade durch die intensive Bearbeitung in Form von Workshops in der Phase 0 des Planungsprozesses, konnten viele Einblicke auch in den täglichen Arbeitsablauf von Pädagogen bzw. die Belange des Schulträgers gegeben werden. Somit konnten Lösungsansätze gemeinsam erarbeitet werden, die die Belange aller einzelnen Projektteilnehmer zufriedenstellen lässt. Als eine besondere Herausforderung rückt für uns als Planungsabteilung natürlich auch der Umgang mit dem Thema ‚Brandschutz‘ stark in den Fokus, den es gilt, in ein Konzept zur Gestaltung einer offenen Lernlandschaft zu integrieren.“

Neue Bildungslandschaften entstehen

Unterstützung findet die Karlschule durch den Schulträger, die Stadt Hamm, die Schulen nicht (mehr) als isolierte „Biotope“, sondern als Teil einer Bildungslandschaft begreift. Der Verein FabLab Hamm-Westfalen e.V. hat im April 2019 mit dem FabLab einen MakerSpce geschaffen, der in der Kommune als außerschulischer Lernort dienen kann und das Medienzentrum der Stadt Hamm wurde aktuell zu einem MediaLab umgestaltet. Dazu die Leiterin des Schulamtes, Karin Diebäcker:

„Sowohl das FabLab als auch das MediaLab stehen für eine Öffnung von Schule und neue Räume des Lernens. Die Verknüpfung von theoretischem mit praktischem Wissen und die Einbindung von außerschulischen Akteuren bietet eine unendliche große Palette von Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, sich auszuprobieren und gleichzeitig auch ‚über den Tellerrand‘ hinaus zu schauen. Ich weiß nicht, wie Lernen in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, aber ich glaube, dass es wichtig ist, die heutige Schülergeneration auf eine Zukunft vorzubereiten, von der wir jetzt noch gar nicht wissen, wie sie tatsächlich sein wird. Es geht darum, ihnen die Kompetenz zur Problemlösung und Erschließung von Informationen und Ressourcen zu vermitteln. Daher halte ich es für wichtig, MakerSpaces anzubieten, in denen sie sich ausprobieren und kreativ sein können. Der Lehrkraft kommt hier aus meiner Sicht – neben der klassischen Rolle des Vermittlers von Wissen – auch die Rolle des Moderators zu. Hierfür müssen wir im besten Sinne die ‚Räume‘ schaffen.“

Neue Denkweisen fördern eine 'neue' Art von Schule

Die Einrichtung schulischer MakerSpaces ist eine noch recht junge Bewegung. Marc ist sicher kein typischer Schüler, Peter Hillebrand kein typischer Schulleiter und die Stadt Hamm kein typischer Schulträger. Was sie eint, ist der Wunsch nach einer neuartigen Form von Schule. Marc formuliert das in seinen Worten so:

„Das aktuelle Konzept Schule ist für mich generell überholt, das klappt heutzutage nicht mehr. Das hat vielleicht früher funktioniert, als man Schule einfach nur als wirkliches Basic- Training gesehen hat, um auf einen Beruf vorzubereiten. Aber in unserer Gesellschaft, die ist mittlerweile so hoch entwickelt, es gibt so  viele verschiedene Berufe, da funktioniert dieses starre System, das sich halt nur auf das Reinpressen fokussiert, nicht. Man müsste Schüler halt wirklich individuell fördern, den Lehrplan individuell an Schüler anpassen, weil jeder verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten hat.“

Das gegenwärtige Schulsystem zu verändern, bedeutet, dicke Bretter bohren, ein MakerSpace könnte dafür die passende Werkstatt sein.

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