Region Hannover

Therapiestation für Computersüchtige

Das Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover betreut seit 20 Jahren suchtkranke Kinder und Jugendliche. Auch Computer- und Internetsucht wird hier behandelt. Was sind die Anzeichen für eine Computersucht und welche Maßnahmen müssen im schlimmsten Fall ergriffen werden?

Mädchen sitz neben einer Steckdose, in der ihr Smartphone steckt.
Auf Onlinesüchtige üben Computer und Internet einen unwiderstehlichen Sog aus. Foto. rawpixel/Unsplash

Alkohol- und Drogensucht sind wohl die bekanntesten und am weitesten verbreiteten Süchte. Gleich dahinter kommen Magersucht und Spielsucht. Aber Computersucht? Wie kann man davon abhängig sein? Den Computer kann man doch jederzeit ausschalten – oder?

Heile Welt im Computerspiel

Computer- und Internetsucht ist keine stoffgebundene Sucht. Sie wird nicht durch die chemische Reaktion eines Betäubungsmittels ausgelöst. Bei vielen Leuten ist es eher das Bedürfnis, aus der eigenen Realität flüchten zu wollen, dem sie letzendlich verfallen. Im Videospielen erkunden Sie beeindruckende Fantasie-Welten, erfüllen erfolgreich wichtige Aufgaben oder rasen in den teuersten Sportwagen durch die Innenstadt. Vor allem bei Jugendlichen, die mit ihrem Äußeren oder ihrem sozialen Umfeld unzufrieden sind, kann sich der Wunsch äußern, in eine virtuelle Realität fliehen zu wollen.

Das Computerspiel kann in dieser Hinsicht auch mit dem Glücksspiel verglichen werden. Schnelle Gewinne, schnelle Verluste. Das Feedback zu ihrer Leistung erhalten die Jugendlichen unmittelbar nach der Fertigstellung der Aufgabe. Und das beste daran: egal, wie das Ergebnis ausfällt, die Möglichkeit von vorne zu starten, ist jederzeit gegeben.

Sozial Medien verstärken die Realitätsflucht

Die PINTA-Studie der Drogenbeauftragten des Bundes im Ministerium für Gesundheit geht davon aus, dass in Deutschland circa. 560.000 Menschen internetabhängig sind. Unter ihnen sind vor allem junge Erwachsene zwischen 14 und 24 Jahren. Viele Internetsüchtige haben psychische Probleme, sind depressiv oder haben Angstzustände. Die meisten sind generell unzufrieden mit ihrem Leben. Whatsapp, Instagram und co. verstärken diese Unzufriedenheit. Laut einer Studie der DAK verbringen Jugendliche durschnittlich rund zweieinhalb Stunden täglich mit sozialen Medien. Sie posten, liken und kommentieren von früh bis spät. Die Problematik ergibt sich schnell: zu wenig Schlaf, Realitätsflucht, mangelnde Kommunikation mit der Familie. Damit es den Jugendlichen gut geht, brauchen sie eine geregelte online-offline-Balance. Dies kann sich auch positiv auf die Gesundheit auswirken.

Symptome sind vergleichbar mit anderen Suchterkrankungen

Wie bei allen Suchterkrankungen zeigt sich bei den Betroffenen ein (nahezu) unkontrollierbares Verlangen nach dem Suchtgegenstand. Typischerweise weist der Betroffenen die folgenden Anzeichen auf:

  • hat den ständigen Drang, am Computer/ im Internet sein zu wollen
  • fühlt sich besser und wirkt entspannter, wenn er am Computer/ im Internet ist
  • hat keine Kontrolle über sein Computerverhalten/ Internetverhalten
  • in den Gesprächen dreht sich alles darum, was als nächstes am Computer/ im Internet erleidigt werden muss
  • isoliert sich
  • lügt in Bezug auf den Umfang seiner Tätigkeiten am Computer/ im Internet
  • erfindet Ausflüchte, um mal kurz an den Computer/ ins Internet/ gehen zu können
  • vernachlässigt die Schule, Hobbies, Familie und Freunde
  • lässt in seiner Leistung nach
  • reagiert gereizt, nervös, ist unruhig und schläft schlecht
  • ernährt sich mangelhaft und vernachlässigt seine Körperhygiene

Letzter Ausweg: Therapie

Mindestens ein halbes Jahr dauert die Behandlung in der Therapiestation der Kinderklinik auf der Bult in Hannover. In dieser Zeit werden die Kinder und Jugendlichen Schritt für Schritt auf ein sinnvolles Leben jenseits der Computersucht – ohne den exzessiven Gebrauch von Internet- und Computerspielen – hingeführt.

Zunächst müssen sich die Patienten wieder an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen und lernen, mit anderen – realen – Menschen zurechtzukommen. Die meisten Patienten leiden zusätzlich zu ihrer Suchterkrankung an psychischen Störungen wie Depression, Trauma­folgen, ADHS, Angst- oder Bindungsstörungen, die in Einzel- und Gruppentherapie aufge­arbeitet werden. Daneben finden regelmäßig familientherapeutische Gespräche statt, um die Kommunikation zwischen Kindern und Eltern zu verbessern. Körperliche Aktivitäten wie Schwimmen oder Klettern nehmen ebenfalls viel Raum ein: Sie stärken das Selbstwert­gefühl und zeigen, dass auch das Leben jenseits von Computer und Internet Spaß macht.

In der Krankenhausschule werden die Jugendlichen an einen adäquaten Umgang mit Computer und Internet herangeführt. Denn anders als bei Drogen, Alkohol oder Zigaretten lässt sich der Umgang mit digitalen Medien im Alltag kaum vermeiden. Die Jugendlichen müssen lernen, sie zum Beispiel als Arbeitsmittel, zur Informationssuche und zur Kommunikation zu nutzen, ohne sich im world wide web zu verlieren.