Medienabhängigkeit von Jugendlichen steigt

Außer Kontrolle?

Nicht nur Alkohol, Nikotin, Drogen und Glücksspiel können süchtig machen, sondern auch der exzessive Gebrauch von Computer(spielen) und Social Media. Im neuesten internationalen Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation, dem ICD 11, wird Computer- und Internetsucht offiziell als Sucht anerkannt. Doch während Eltern und Pädagogen Kinder und Jugendliche in der Regel von „klassischen“ Suchtmachern fernhalten, lautet bei Computer und Smartphone oft die Devise: je früher, desto besser.

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Medienkompetenz gilt vielen als vierte Kulturtechnik – neben Rechnen, Lesen und Schreiben. Um die Kleinen fit für die digitale Zukunft zu machen, spielen schon Kindergartenkinder mit dem Smartphone, in Grundschulen steht mitunter Programmieren auf dem Stundenplan. Statt in Büchern zu blättern, wischen Kinder auf dem Tablet, statt mit Stiften schreiben sie am Computer.

Das hält Prof. Dr. Christoph Möller für den falschen Weg. „Was man am Computer liest, wird nicht so gut behalten. Und beim Schreiben mit der Hand werden mehr Hirnareale aktiviert, als wenn man es in den Computer tippt. Die Inhalte bleiben dann besser im Gedächtnis“, sagt der Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. „Die Digitalisierung der Kindheit ist eine Katastrophe.“

Gesundheitsrisiko Medienkonsum

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Denn nicht nur der Lernerfolg durch digitale Medien lässt Studien zufolge zu wünschen übrig: Auch die gesundheitlichen Risiken durch zu hohen Medienkonsum sind groß, wie das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Projekt BLIKK Medien zeigt: Die Folgen reichen von Fütter- und Einschlafstörungen bei Babys über Sprachentwicklungsstörungen bei Kleinkindern bis zu Konzentrationsstörungen im Grundschulalter. Bei auffallend hohem Medienkonsum stellen Kinder- und Jugendärzte überdurchschnittlich oft Auffälligkeiten wie motorische Hyperaktivität, Konzentrationsschwäche und Unruhe fest. Die Kinder und Jugendlichen konsumieren außerdem mehr Süßigkeiten und süße Getränke, wenn sie zu lange am Computer sitzen, und sind häufig über­gewichtig. Viele der für die Studie befragten Jugendlichen geben zu, dass sie Pro­bleme haben, die eigene Internetnutzung selbstbestimmt zu kontrollieren, und berichten von negativen Konsequenzen ihrer Internetnutzung im Alltag.

Prof. Möller kennt die gesundheitlichen und psychischen Risiken allzu gut: Er leitet Teen Spirit Island, eine Therapie­station, in der auch Kinder und Jugendliche behandelt werden, die unter Computersucht leiden. Tablets und Smartphones gehören seiner Meinung nach nicht in Kinderhände.

„Kleine Kinder brauchen vielfältige Sinnes­erfahrungen. Sie sollen malen und basteln, sich draußen bewegen und auf Bäume klettern. Wischen und tippen reichen als sensomotorische Erfahrungen nicht aus.“ Kinder müssen zuerst Interesse für die rea­le Welt entwickeln – und erst dann den Umgang mit digitalen Medien lernen. „Wir brauchen nicht nur kompetente Nutzer, sondern vor allem kreative Menschen, die die gesellschaftlichen Veränderungen gestalten können.“

Wachsendes Problem

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Das Interesse an der realen Welt und den Kontakt zu ihren Mitmenschen haben die jungen Patienten längst verloren, wenn sie wegen Computersucht in Teen Spirit Island behandelt werden. Computer- und Internet­abhängige belegen dort 6 der insgesamt 18 Therapieplätze. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Etwa 600.000 Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland sollen Studien zufolge internetabhängig sein; hinzu kommen 2,5 Millionen sogenannte problematische Nutzer. Laut Studie „Drogenaffinität Jugendlicher“ sind 6,2 Prozent der 12- bis 17-jährigen Mädchen und 5,3 Prozent der Jungen vom Computer oder vom Internet – genauer gesagt von bestimmten Inhalten – abhängig. Mädchen nutzen meist Soziale Medien exzessiv, die Jungs eher Action-, Kampf- oder Strategiespiele. Auch Cybersex ist für Jungen ein Problem, meint Dietrich Riesen von return, einer Fachstelle für Mediensucht in Hannover. Ein oft unterschätztes Thema, weil es stark tabuisiert ist. „Die Jungen reden allenfalls mit Gleichaltrigen darüber, wenn sie sich pornografische Seiten im Internet ansehen. Sie sehen Inhalte, die nicht für sie bestimmt sind, und müssen allein damit klarkommen.“

Mädchen meiden Beratung

Obwohl laut Suchtstatistiken mehr Mädchen gefährdet bzw. süchtig sind als Jungen, suchen vor allem Jungen, junge Männer und deren Eltern bei return Rat und Hilfe. „Es wirkt offensichtlich bedrohlicher, wenn der Sohn sich in seinem Zimmer hinterm Computer verschanzt, als wenn die Tochter ständig auf dem Smartphone tippt“, sagt Dietrich Riesen.

Wann Leidenschaft aufhört und problematisches Verhalten beginnt, lässt sich nicht immer klar bestimmen. Lehrkräfte sollten jedoch aufmerksam werden und auch an zu hohen Medienkonsum denken, wenn ein Schüler oder eine Schülerin

  • schwänzt
  • ständig müde, unkonzentriert und abwesend wirkt
  • sich zurückzieht und zunehmend isoliert ist
  • Hobbys und andere Dingen, die früher wichtig waren, vernachlässigt
  • sich in der Schule verschlechtert.

Dies alles kann auch andere Ursachen haben. Doch es ist sinnvoll, in diesen Fällen mit den Eltern zu sprechen.

„Manche Patienten wünschen sich im Nachhinein, dass Eltern oder Lehrer früher eingegriffen und Maßnahmen ergriffen hätten“, weiß Prof. Christoph Möller aus Gesprächen mit den Patienten.

Erlebnisse live statt online

Mit Computern ist es, so seine Erfahrung, wie zum Beispiel mit Alkohol: Fast alle probieren es irgendwann aus, aber die meisten werden nicht abhängig. Gefährdet sind vor allem Kinder und Jugendliche, die an Grunderkrankungen wie Depression, Angststörungen und sozialen Phobien leiden, die labil, mit sich und/oder ihrem Umfeld unzufrieden sind, wenig Erfolge, Selbstvertrauen, An­erkennung und Freunde haben oder ausgegrenzt werden. Beim Computerspiel sind sie dann oft erfolgreich, in den Sozialen Medien finden sie die Anerkennung, die sie im Elternhaus, in der Schule und im sozialen Umfeld vermissen – und zwar rund um die Uhr, jederzeit.

„Die permanente Verfügbarkeit ist ein Risiko; sie übersteigt gerade bei Kindern und Jugendlichen oft ihren Reifegrad und die damit verbundene Fähigkeit zur Selbstregulation“, erklärt Dietrich Riesen. Jugendliche müssen den verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien erst lernen und eine Medien­mündigkeit erwerben. Dabei brauchen sie Unterstützung.

Auch wenn sich Eltern und Lehrer Sorgen machen, sollten sie das Verhalten des Jugendlichen nicht zu schnell pathologisieren, nicht dramatisieren und nicht abwerten, rät der Erzieher und systemische Berater. „Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben. Erwachsene, die nur über die ‚blöden Ballerspiele‘ schimpfen, verlieren ihre Glaubwürdigkeit, weil sie in den Augen der Jugendlichen offensichtlich keine Ahnung haben. Eine ehrliche, aber auch wertschätzende Kommunikation ist unverzichtbar, um die Beziehung zu halten.“

Problematisch ist es immer dann, wenn die Computer- und Internetaktivitäten Hobbys und Kontakte im „richtigen“ Leben nicht nur ergänzen, sondern ersetzen – wenn die Bedürfnisse nach Anerkennung, Liebe, Freundschaft, Abenteuer und Erlebnissen nicht im realen Umfeld, sondern nur noch am Computer gestillt werden.

Erlebnispädagogische Angebote wie Klettern und Bogenschießen sind, so Riesen, im Computer- und Internetzeitalter wichtiger denn je. „Die Jugendlichen müssen sich spüren und Dinge erleben, die richtigen Spaß machen – nicht nur einen kurzfristigen Kick bringen.“

Angebote von return

Deshalb berät return nicht nur betroffene Jugendliche, ihre Eltern und Lehrkräfte, sondern ermöglicht auch Erlebnisse, bei denen die Computerspieler ihren Körper und die eigenen Grenzen spüren. Klassen oder Schulen können bei return neben Bogenschießen zum Beispiel „Jugger“ kennenlernen – eine Kombination aus Rugby und Fechten. „Das Spiel ist quasi ein reales, handgreifliches Gegenstück zu den Erfahrungen, die Jugendliche in Computerspielen, vor allem in Online-Strategie-Spielen, machen“, erklärt Riesen.

Daneben bietet return Vorträge und Fortbildungen für Lehrkräfte und Eltern sowie medienpädagogische Unterrichtseinheiten und Workshops in Schulen. „Es ist nach unserer Erfahrung oft hilfreich, wenn die Präventiv­angebote nicht von den Lehrkräften selbst, sondern von externen Pädagogen durchgeführt werden. Die Jugendlichen sind in der Regel offener, weil wir im Gegensatz zu ihren Lehrern keine bewertende Rolle haben.“