Reflektierte (Medien-)bildung

Ein Blogbeitrag der anderen Art

Bei den Bestrebungen, die Kultur der Digitalität in die Schulen zu bringen, geht es meistens um Geräte und deren produktiven Umgang. Die Beurteilung medialer Produkte sowie deren Wirkungen und Entwicklungen werden bei Schülerinnen und Schülern noch zu wenig geschult. Lesen Sie hier, warum die Lernenden diese Art der reflektierten Medienbildung benötigen, um fit für die Welt des digitalen Wandels zu werden.

Ein Screenshot der Website: www.bobblume.de
Auf seinem Blog schreibt der StR Bob Blume über die Herausforderungen des Referendariats, die Chancen der Digitalisierung und politische Themen (www.bobblume.de). Foto: Free-Photos/pixabay.de

Wie digitale Nomaden ziehen die digitalaffinen Referenten durch das Land, um noch in der „analogen“ verhafteten Welt die Möglichkeiten „digitaler Bildung“ näherzubringen. Sie stoßen dabei häufig auf Ablehnung: Wo der „Mehrwert“ sei1, wird gefragt? Früher sei es doch auch gegangen. Für gute Bildung brauche man keine Digitalisierung.2

Digitalisierung ist ein Prozess

Dabei ist schon der Begriff problematisch. Genauso wenig wie es eine analoge Bildung gibt, gibt es eine digitale Bildung. Streng genommen ist das, was wir als gesellschaftlichen Wandel erleben, der alles zuvor als unverrückbar Angenommene umkrempelt, noch nicht einmal Digitalisierung. Digitalisierung ist ja zunächst nur der Prozess dieser Umformung. Da dies aber in verschiedensten Gebieten geschieht, spricht man auch dann von Digitalisierung, wenn nicht nur ein Gegenstand, sondern auch ein Prozess digitalisiert wird. 

Digitalisierung oder digitale Transformation?

Letztlich gibt es sehr verschiedene Entwicklungen, die unter dem Begriff der Digitalisierung geführt werden, die aber nur mehr lose mit der eigentlichen Digitalisierung zu tun haben: Automatisierung von Maschinen, künstliche Intelligenz, soziale Netzwerke und vieles mehr verändern die Gesellschaft. Aus diesem Grund sprechen viele nicht von der Digitalisierung (denn nicht alles wird digitalisiert), sondern von den Bedingungen der Digitalisierung. Oder von digitaler Transformation.1-5 Seitdem Felix Stadler sein Buch mit dem Titel „Kultur der Digitalität“ veröffentlicht hat, wird dieser Begriff zunehmend verwendet, um die Ganzheitlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung zu erfassen, die durch Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität charakterisiert wird. Das Wort „Digitalisierung“ hingegen wird gleichsam als Metapher verwendet, um die vielen Dimensionen der gesellschaftlichen Änderungsprozesse zu erfassen. 

Das sagt der Brockhaus

In der Brockhaus-Definition werden die hier angegebenen Dimensionen des Begriffes deutlich: 

Digitalisierung, im ursprünglichen Sinn die Umwandlung analoger Signale in digitale Daten, die mit einem Computer weiterverarbeitet werden können, in einem weiteren Sinn der Prozess einer alle Lebensbereiche umfassenden Transformation hin zu einem Dasein, dass von digitalen Daten bestimmt wird. Einige Schlagworte, die diesen komplexen Prozess illustrieren, sind Automatisierung, Industrie 4.0, Cloud-Computing, Vernetzung, Internet, Internet der Dinge, mobile Kommunikation (Informations- und Kommunikationstechnik, Mobiltelefon) und Big Data. 

Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung

Eine sehr gute Unterscheidung und Zuordnung des Begriffes leistet Prof. Beat Döbeli Honegger in seinem Standardwerk für die Schulbildung „Mehr als 0 und 1“, in dem er der Digitalisierung zwei weitere Begriffe gegenüberstellt: Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung (vgl. S.18 ff. und Abb. 1).

Diese Aufteilung zeigt eine Konsequenz der „Digitalisierung“, die, wie wir nun wissen, besser digitale Transformation heißen sollte, wenn sie viele verschiedene Prozesse beschreiben soll. Diese Prozesse müssen verstanden werden, um die heutige Welt zu verstehen. 

Es gibt weitere Konsequenzen, die auch auf einer Folie des exzellenten Buches Honeggers zu finden sind. Im Übrigen können Sie frei übermittelt werden, da der Autor sie dementsprechend lizensiert hat – auch eine Konsequenz der digitalen Transformation (Abb. 2).

Die grundlegenden Funktionen des Computers.
Abb. 1: Die grundlegenden Funktionen des Computers. Foto: Bob Blume
Auslöser, Konsequenzen und Herausforderungen des aktuellen Leitmedienwechsels.
Abb. 2: Auslöser, Konsequenzen und Herausforderungen des aktuellen Leitmedienwechsels. Foto: Bob Blume

Selbst wenn wir uns an einfache Beispiele halten, wird klar, inwiefern der digitale Wandel oder die digitale Transformation gesamtgesellschaftlich relevant wird. 

Gefährdet die Autmatisierung unsere Jobs?

Dies gilt insbesondere für das, was hier „Automatisierung des Automatisierbaren“ genannt wird. Alles, dessen Durchführung die stetig gleiche Tätigkeit erfordert, kann in Zukunft besser von einem Computer durchgeführt werden. Genau deshalb wird für jene Berufe Massenarbeitslosigkeit befürchtet, wenn sich nichts ändert. Automatisierung ist also nicht nur eine Erleichterung, die dafür sorgt, dass die Datenverarbeitung einfacher wird und bestimmte Güter schneller hergestellt werden, sondern auch eine Gefahr für bestimmte Berufe. Und die Gedanken daran sind noch nicht zu Ende gedacht. Man denke daran, was passiert, wenn 3D-Drucker zu einem Preis erworben werden können, der sie für den Normalverdiener erschwinglich macht. 

Individuell oder algorithmisches berechnet?

Schon jetzt bedeutet der digitale Wandel eine Revolution der Zugänglichkeit von Quellen, aber auch einen Kampf um Aufmerksamkeit, der durch die Personalisierbarkeit neue Dimensionen erreicht. Eine automatisierte, durch Algorithmen auf mich zugeschnittene Liste von Empfehlungen ist für eine erwachsene Person Grund zur Freude. Und auch das Angebot von Blogs und Websites, in denen Individuen frei von redaktionellen Zwängen Inhalte miteinander tauschen, ist durchaus begrüßenswert. Jedoch darf man bei all der Freude über diese positiven Entwicklungen nicht vergessen, dass die Entscheidung darüber, ob ein Angebot – sei es monetär oder nicht – immer nur auf der Grundlage einer sicheren, charakterlich gefestigten Haltung angenommen werden kann. 

Konsequenzen abschätzen dank reflektierter Bildung

Das Urteilsvermögen ist in Zeiten der Informationsflut wohl die wichtigste Kompetenz. Es wird in der Schule auf unterschiedliche Weise geschult – schon jetzt. Aber die Wirksamkeit digitaler Dynamiken – sei es bei Marketing-Aktionen bis hin zu Revolutionen – ist in der Schule noch zu wenig Thema. Insofern ist eine Bildung, die sich auf die Kompetenzen für das 21. Jahrhundert konzentriert, immer eine reflektierte Bildung. Das Wissen über Strukturen und Entwicklungen muss in eine Sicht auf die Welt und sich selbst überführt werden, die Handlungen erlaubt, deren Konsequenzen abgeschätzt werden können. Im Buch „Die vier Dimensionen der Bildung: Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert wissen müssen“ (Charles Fadel et al.) wird dies unter dem Begriff des Meta-Lernens zusammengefasst. Nur wenn ich das eigene Lernen unter den Bedingungen der Kultur der Digitalität erfassen kann, bin ich als Individuum in der Lage, die Wahl der Mittel und Methoden - seien sie analog oder physisch – produktiv zu nutzen. Dies ist eine schwierige Aufgabe… 

Prioriäten verschieben sich – auch in der Bildung

…, aber es ist eine dringende Aufgabe der Bildung! Diese Perspektive verschiebt die von vielen pauschal geäußerte Ablehnung gegenüber einer Bildung, die den digitalen Wandel ernst- und annimmt. Denn es geht nicht (mehr) darum, ob eine Schülerin oder ein Schüler ein iPad bedienen kann oder nicht (wenngleich ein solches Gerät Perspektiven und Möglichkeiten für die Kommunikation und Kollaboration eröffnet, die jedem zugänglich sein sollten). Vielmehr geht es um das Meta-Lernen, jenes Lernen also, das beim Gebrauch der Geräte, bei der Suche im Netz, bei der intensiven Recherche und dem abschließenden, abwägenden Urteil ausgebildet wird. Auch dies ist eine Dimension von Medienbildung3

Autonome und digitale Aufklärung

Jemand, der so lernt, immunisiert sich gegen die Überflutung. Er begreift die Algorithmisierung als eine Entwicklung, an der er teilhaben kann. Und mit dieser Teilnahme wird er zum Teilhaber an der gemeinsamen kulturellen Aushandlung, die sich über die gemeinschaftliche Produktion von Inhalten, Normen, Regeln und vielem mehr definiert. Er wird autonom und im wahrsten Sinne des Wortes digital aufgeklärt. Insofern ist reflektierte Bildung nötig – nicht nur um das Netz zu verstehen, sondern um die Zivilgesellschaft und die Demokratie zu stärken. 

Tipp zum Weiterlesen

In rasendem Tempo verändert die Digitalisierung unsere Gesellschaft. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Art und Weise, wie wir kommunizieren und uns informieren, grundlegend gewandelt. Der Computer hat das Buch als Leitmedium abgelöst. Dieser Leitmedienwechsel stellt die Schule vor große Herausforderungen: Welche Kompetenzen benötigen Schülerinnen und Schüler in einer digitalisierten, zunehmend automatisierten Welt? Wie wichtig ist das Wissen im Kopf, wenn mobile Geräte stets Antworten parat haben? Und weshalb gehören heute Medien und Informatik zu den zentralen Themen der Allgemeinbildung? Beat Döbeli Honegger analysiert den Leitmedienwechsel und zeigt auf, wie ihm eine zeitgemäße Schule begegnen kann: weder mit pauschaler Ablehnung noch mit naiver Euphorie, sondern mit informiertem Pragmatismus.

"Mehr als 0 und 1" von Beat Döbeli Honegger (2016), ISBN: 978-3035502008.