Wie digitale Schule an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule gelebt wird

Digitale Schule: Wir lassen niemand zurück

iPad und Inklusion – das passt gut zusammen. Denn mit digitalen Medien kann der Unterricht individueller auf die Fähigkeiten der einzelnen Schülerinnen und Schüler abgestimmt werden. Wie es geht, zeigt die Bertolt-Brecht-Gesamtschule in Seelze

Zwei Schüler lernen am iPad
iPads gehören an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule zum Schulalltag. Brian (re.) und Justin gehen kompetent damit um © Walitzek

Als die Planungsgruppe um Regina Schlossarek-Aselmeyer vor einigen Jahren das Konzept für eine neue Gesamtschule in Seelze bei Hannover entwickelte, war klar: Digitale Medien sollten an der neuen Schule einen hohen Stellenwert haben. „Alle Kinder müssen lernen, sinnvoll und verantwortlich mit Informations- und Kommunikationstechnologien umzugehen und damit zu arbeiten. Aufgabe der Schule ist es, die nötigen Grundkenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln“, sagt Regina Schlossarek-Aselmeyer. Sie leitet die Bertolt-Brecht-Gesamtschule (BBG), die im Schuljahr 2017/18 mit fünf fünften Klassen begonnen hat. 

iPads für alle Kinder

Das ursprüngliche Konzept, je Jahrgang eine iPad-Klasse einzurichten, war schnell überholt: iPads sind an der ganzen Schule das zentrale Medium im Unterricht. Alle Schülerinnen und Schüler bekommen bei der Einschulung ein Tablet. Wenn nötig, berät das Team der Bertolt-Brecht-Gesamtschule die Eltern bei der Finanzierung. Außerdem erhalten die Eltern eine Art „Erstschulung“ für das iPad: Sie erfahren zum Beispiel, was zu tun ist, wenn ihr Kind das Passwort vergisst oder mehrmals falsch eingibt, wie sie die Kindersicherung aktivieren oder was sie generell beim Umgang ihres Kindes mit den neuen Medien beachten sollten. Besondere Kenntnisse brauchen Eltern und Kinder nicht. „Die Geräte werden zentral über den Server der Schule eingerichtet“, sagt Martin Hohmeister, Lehrer für Englisch und Spanisch und im vergangenen Schuljahr Klassenlehrer des sechsten Jahrgangs.

Lehrerin kontrolliert das Heft eines Schülers
Jessica Hackbarth, verantwortlich für das Lernbüro Gemeinschaftskunde, kontrolliert Arnauds Logbuch © Walitzek

Digitale Unterrichtsmaterialien

Mit AirDrop können Lehrkräfte und Schüler Dokumente, Fotos und Videos teilen; auch die sogenannten iBooks bekommen die Kinder über AirDrop „zugeschickt“. Die von den Fachlehrerinnen und -lehrern erstellten Unterrichtsmaterialien und Arbeitsanweisungen gibt es zu allen im Unterricht behandelten Themen – und zwar für verschiedene Lernniveaus. Schulbücher kaufen die Kinder als E-Books und laden sie herunter. So haben sie immer alle benötigten Materialien dabei – ohne schwere Ranzen schleppen zu müssen.

Klare Regeln

Das Mobile Device Management (MDM) ermöglicht die Fernwartung der Geräte, die Installation von Updates, die Vergabe von Rechten und Einschränkungen, zum Beispiel für die WLAN-Nutzung. So ist gewährleistet, dass die Kinder nur im Internet surfen, wenn die Lehrkräfte es erlauben. Mit dem MDM können die Lehrkräfte die Aktivitäten der Schüler und Schülerinnen am iPad kontrollieren und z. B. erkennen, welche Apps die Kinder in der Schule öffnen. Das funktioniert derzeit noch nicht immer reibungslos – „aber man merkt schnell, wenn einzelne Kinder mal am iPad spielen, statt zu arbeiten“, sagt Jessica Hackbarth, Lehrerin für Geschichte und Französisch. Verstöße gegen die iPad-Regeln werden geahndet: Bei fünf Verstößen wird ein Gespräch mit den Eltern geführt. Auch für die Nutzung der Smartphones gibt es an der Schule klare Regeln: Sie müssen während des Unterrichts ausgeschaltet sein und in der Schul- oder Jackentasche verwahrt werden. Nur in den Pausen dürfen die Kinder und Jugendlichen sie nutzen.

Keine Berührungsängste

Berührungsängste mit digitalen Medien gibt es im Kollegium der Bertolt-Brecht-Gesamtschule nicht. Die Lehrerinnen und Lehrer aus der Planungsgruppe, die das Medien- und das pädagogische Konzept mit erarbeitet haben, bildeten das erste Kollegium – hinzu kamen junge Lehrkräfte wie Martin Hohmeister und Jessica Hackbarth. Beide haben sich nach dem Referendariat bewusst für die iPad-Schule entschieden. Im Studium und im Referendariat wurden sie auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht kaum vorbereitet. „Das Thema computer assisted language learning wurde einmal kurz angesprochen. Aber das Interesse war gering, denn in vielen Schulen ist die Digitalisierung noch nicht angekommen“, erinnert sich Martin Hohmeister. „An meiner ersten Schule gab es nur zwei Smartboards.“ Ähnliche Erfahrungen hat auch Jessica Hackbarth im Referendariat gemacht. „Wer einen der beiden Räume mit Smartboards nutzen wollte, musste sich lange vorher anmelden“, berichtet sie. Digitale Medien in den Unterricht einzubauen, war daher kaum möglich.

Zwei Schüler sitzen vor einem Beamer, der das Fach Cybermobbing anlündigt
Medienkunde steht ab der fünften Klasse auf dem Stundenplan. Justin (li.) und Adrien präsentieren ihre Arbeitsergebnisse zum Thema Cybermobbing © Walitzek

Gute Ausstattung ermöglicht Differenzierung

Das ist an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule anders: Alle Klassenräume sind mit Visuboards ausgestattet. Überall in der Schule gibt es WLAN. Bei technischen Problemen werden die Lehrkräfte von einem Administrator unterstützt, der beim Schulträger, der Stadt Seelze, arbeitet. Von solchen Verhältnissen können die Kolleginnen und Kollegen an vielen anderen Schulen nur träumen. Jessica Hackbarth möchte iPad und Co. bei der Unterrichtsvorbereitung und im Unterricht selbst nicht mehr missen. „Man kann den Unterricht viel individueller gestalten und differenzierter auf die Bedürfnisse und die Fähigkeiten der einzelnen Kinder eingehen“, so ihre Erfahrung. In ihrer sechsten Klasse sind sieben Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf, fünf von ihnen bekommen andere Materialien als ihre Klassenkameradinnen und -kameraden. Dem gemeinsamen Lernen tut das keinen Abbruch. „Sie sitzen alle im gleichen Klassenzimmer und merken oft gar nicht, dass sie an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten. Und sie akzeptieren sich so, wie sie sind.“

Für alle offen

Integration und individuelle Förderung werden an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule großgeschrieben. „Unsere Schule ist für alle Schülerinnen und Schüler offen – unabhängig von ihren Fähigkeiten und ihren Lernvoraussetzungen. Wir lassen kein Kind zurück; alle sollen den angestrebten Schulabschluss erreichen“, betont Schulleiterin Regina Schlossarek-Aselmeyer. Die Stärken, Schwächen und das individuelle Lerntempo werden im Unterricht berücksichtigt – hochbegabte Kinder werden ebenso gefördert und gefordert wie beispielsweise Kinder mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen, mit Dyskalkulie, Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder mit Förderbedarf im Bereich soziale und emotionale Entwicklung. Verschiedene Studien zeigen, dass vor allem leistungsschwächere Schüler vom Einsatz digitaler Medien profitieren.

Schüler zeigt seine Mappe
iPads sind ein wichtiges, aber nicht das einzige Medium. Mappen und Logbuch werden ganz klassisch analog geführt © Walitzek

Auf Stärken bauen

Das bestätigt auch Jessica Hackbarth. Gerade Kinder mit Förderschwerpunkt Lernen, so ihre Erfahrung, verstehen Inhalte besser, wenn im Unterricht beispielsweise Videos oder Lernspiele eingesetzt werden. Und eher schüchternen Kindern fällt es manchmal leichter, ihre Arbeitsergebnisse vorzustellen, wenn sie sich auf Präsentationen stützen können, die sie zuvor am iPad erstellt haben. Mediengestützte Präsentationsverfahren lernen die Schülerinnen und Schüler im Unterricht ebenso kennen wie Textverarbeitungs-, Tabellenkalkulations- und andere nützliche Programme. Künftig sollen im Fach Informatik auch Programmierkenntnisse vermittelt werden. Weil die neuen Medien nicht nur Chancen, sondern auch Risiken haben, steht von Anfang an – ab der fünften Klasse – Medienkunde auf dem Stundenplan. Was beim Surfen im Internet oder auf Plattformen wie Instagram oder WhatsApp zu beachten ist, ist ebenso Unterrichtsthema wie Cybermobbing.

Keine Noten, kein Sitzenbleiben

Noten gibt es in der Bertolt-Brecht-Gesamtschule erst ab der achten Klasse. Die Kinder sollen ohne Angst vor schlechten Zeugnissen lernen. Zertifikate bescheinigen den Schülerinnen und Schülern nach den einzelnen Lerneinheiten, welche Kompetenzen sie erworben haben. Auch die Arbeitsweise im Lernbüro und die Mappen, die die Kinder für die einzelnen Unterrichtseinheiten anlegen, werden bewertet – schriftlich und in wöchentlichen Feedbackgesprächen mit den beiden Klassenlehrern, die die Klassen im Team leiten. Die Feedbackgespräche sollen die Stärken der Schülerinnen und Schüler fördern – und sie ermutigen, Schwächen abzubauen. Am Ende des Halbjahrs und des Schuljahrs erhalten sie sogenannte Lernentwicklungsberichte (LEB). Zeugnisse mit Noten wird es erst in der neunten und zehnten Klasse geben. „Dies ist für die qualifizierten Abschlüsse nötig“, erklärt die Schulleiterin. An der Bertolt-Brecht-Gesamtschule können die Schülerinnen und Schüler drei Abschlüsse erwerben, und zwar

  • den Hauptschulabschluss nach Klasse 9
  • den Realschulabschluss nach Klasse 10 und
  • den erweiterten Realschulabschluss nach Klasse 10, der zum Übergang in die Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II berechtigt.

Wenn die ersten Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2022/23 die Sekundarstufe I abschließen, soll es an der Schule auch eine gymnasiale Oberstufe geben, an der sie das Abitur machen können. Sitzenbleiben können die Kinder und Jugendlichen auf dem Weg zum Abschluss nicht. „Niemand wird zurückgelassen. Kein Kind wird abgeschult“, so der Leitgedanke.

Bewegte Schule

Sitzenbleiben ist an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule übrigens nicht nur im übertragenen Sinne verpönt. „Wir sind eine bewegte Schule“, erklärt Martin Hohmeister. Er beginnt den Englisch-Unterricht oft mit einer Bewegungseinheit und lässt die Kinder auf einem Bein stehen oder durch die Klasse hüpfen. In den beiden großen Pausen ist die Sporthalle geöffnet, sodass die Schülerinnen und Schüler sich austoben können. Die Kinder nutzen das gern – und die Lehrkräfte sehen es lieber als die Dauernutzung der Smartphones.

Quelle: "Wir lassen niemand zurück" von Eva Walitzek, bildung spezial 2/2019, S. 18-21.