Von kostenlosen und freien Lehr- und Lernmaterialien

Was Sie über OER wissen sollten

Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte tut es: Sie bereiten ihren Unterricht (auch) mit frei und kostenlos verfügbaren Materialen aus dem Internet vor oder setzen sie im Unterricht ein. Doch viele haben dabei ein ungutes Gefühl. Der folgende Beitrag erklärt den Unterschied zwischen „nur kostenlosen“ sowie „freien und offenen“ Lernmaterialien – und was Lehrer beachten sollten.

Die meisten Lehrkräfte setzen bei der Unterrichtsvorbereitung auch auf Materialien aus dem Internet © Picture-Factory - stock.adobe.com

Kostenlose Materialien aus dem Internet werden bei der Unterrichtsvorbereitung immer wichtiger. Sie ergänzen traditionelle Schulbücher und kopierte Arbeitsblätter oder ersetzen sie mitunter ganz.

Laut Monitor digitale Bildung nutzen 60 Prozent der Lehrkräfte Videoangebote, zum Beispiel YouTube, zur Unterrichtsvorbereitung, 72 Prozent setzen sie im Unterricht ein. Bei elektronischen Texten wie E-Books oder PDFs sind es immerhin 59 bzw. 57 Prozent.

Zwar meinen mehr als die Hälfte der Befragten, dass die Materialien ihren Unterricht bereichern; fast ebenso viele sehen den Nutzen vor allem in der Unterrichtsvorbereitung. Doch jeder Zweite hält die Suche für zu zeitaufwendig; etwa jeder Dritte hat der Studie zufolge Schwierigkeiten, die Qualität der Materialien zu beurteilen. Noch größer ist die Verunsicherung in Sachen Urheberrecht, weiß der Diplom-Pädagoge Jöran Muuß-­Merholz aus zahlreichen Fortbildungen. Viele Lehrkräfte wissen nicht, welche Materialien sie wie nutzen dürfen. Verständlicherweise. Denn das Verwenden, Kopieren und Verbreiten von Materialien ist eine rechtliche Grauzone.

Kostenfrei vs. frei verwendbar

Generell gilt: Jedes Werk, ob einzelnes Arbeitsblatt, ganzes Buch oder Video, ist urheberrechtlich geschützt. Der Urheber entscheidet, was damit geschieht. Er kann es im Netz veröffentlichen, sodass jeder es kostenlos einsehen kann. Er kann anderen auch erlauben, sein Werk zu kopieren, zu verändern oder weiter zu verbreiten, ohne dass sie ihn um Erlaubnis fragen müssen.

Kostenlos zugänglich bedeutet aber nicht automatisch frei verwendbar. Im Gegenteil: „Ich darf mit Materialien nicht machen, was ich will, sondern nur das, was der Urheber mir explizit erlaubt hat“, stellt OER-Experte Muuß-­Merholz klar.

Bücher oder Internet – kein Gegensatz © vectorfusionart - stock.adobe.com

Was sind OER?

Der Begriff Open Educational Resources (OER) – auf Deutsch: freie Lernmateria­lien – wurde 2002 von der UNESCO geprägt, die darin ein „gewaltiges Potenzial zur Verbesserung der Qualität und Effektivität von Bildung“ sieht. Die UNESCO definiert OER als ur­heberrechtlich freigegebene Bildungs­materialien. Das heißt, jeder kann sie frei verwenden, bearbeiten und – selbst in der bearbeiteten Form – weitergeben. OER können beispielsweise einzelne Arbeitsblätter, aber auch komplette Kurse, Bücher, Pod­casts oder Multi­mediaanwendungen sein.

CC und Co

„Mit OER mit offener Lizenz kann ich machen, was ich will, ohne dass ich den Urheber fragen muss – solange ich mich an die Bedingungen der Lizenz halte“, erklärt Jöran Muuß-Merholz. Die urheberrechtliche Freigabe geschieht bei OER oft durch sogenannte Creative-Common-Lizenzen, kurz CC. Weit verbreitet sind folgende Ergänzungen und damit verbundene Einschränkungen der allgemeinen Verwendbarkeit:

  • BY: Der Name des Urhebers muss genannt werden.
  • NC (Non-Commercial): Das Werk darf nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden.
  • SA (Share alike): Das Werk muss unter der gleichen Lizenz weitergegeben werden, wenn es verändert wurde.

Daneben gibt es noch weitere Einschränkungen. Mit ND (No Derivatives) gekennzeichnete Materialien dürfen zum Beispiel nicht verändert werden – sie sind daher keine OER im eigentlichen Sinne.

Urheber, die ihr Werk mit CC0 kennzeichnen, verzichten auf alle Ansprüche. Das Material ist gemeinfrei (Public Domain) und kann von allen ohne Auflagen genutzt werden.

Allerdings sind freie Lizenzen und OER keine Allheilmittel gegen Rechtsstress. „Sie schaffen nicht alle rechtlichen Widersprüche und Komplikationen aus der Welt. Freie Lizenzen sind, wenn man so will, nur eine Krücke, um das Vorankommen im widrigen Feld des Urheberrechts ein Stück weit zu erleichtern“, erklärt Jöran Muuß-Merholz.

Quellen …

Wie kann ich sicher sein, dass die Qualität des verwendeten Materials stimmt? Diese Frage stellen sich viele Lehrkräfte. Ihnen fehlt im Alltag oft die Zeit, externe Materialien zu prüfen und aus dem riesigen Angebot qualitativ hochwertige herauszufiltern. Sie wünschen sich daher fest definierte Qualitätsstandards und/oder (freiwillige) Güte­siegel für digitale Lerninhalte, die ihnen die Auswahl erleichtern.

Zentrale Plattformen und einheitliche Kriterien sind jedoch kaum zu verwirklichen und lassen zudem zu wenig Spielraum für die Weiterentwicklung, meint der OER-Experte: „Verschiedene Lehrer beurteilen die Qualität ein und desselben Materials sehr unterschiedlich. Es kommt zum Beispiel darauf an, was zur Klasse und zum Unterricht passt.“

Ein wichtiges Qualitätskriterium ist die Herkunft: Materialien von seriösen Websites wie der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) oder von Plattformen wie ZUM.de, Elixier oder meinUnterricht.de sind vertrauenswürdiger als Materialien aus unbekannten Quellen. Jöran Muuß-Merholz nennt in seinem Buch „Freie Unterrichtsmaterialien finden“ zahlreiche Suchmaschinen, Sammlungen, Kataloge sowie Plattformen, auf denen Lehrer kostenlose und kostenpflichtige OER für verschiedene Fächer finden.

… und andere Qualitätskriterien

Einen Anhaltspunkt zur Beurteilung der Qualität bieten beispielsweise die vom Deutschen Bildungsserver erarbeiteten Kriterien. Identität und Reputation des Anbieters spielen danach für die Bewertung ebenso eine Rolle wie die inhaltliche Qualität, die Aktualität, der einfache Zugang – zum Beispiel durch gebräuchliche Medienformate – sowie rechtliche Aspekte wie Lizenzbedingungen, Beachtung von Urheber-, Persönlichkeitsrechten und Datenschutz ( www.bildungsserver.de).

Die Redaktion der werkstatt.bpb.de hat – basierend auf den Ergebnissen eines Workshops – Checklisten erarbeitet. Mit ihrer Hilfe können Lehrkräfte die Kriterien, die ihnen wichtig sind, selbst zusammenstellen und die Qualität von gefundenen oder selbst erstellten Materialien damit überprüfen.

Mögliche Kriterien sind unter anderem die Übersichtlichkeit des Materials, die fachliche Richtigkeit und Aktualität der Inhalte, die Transparenz und Verlässlichkeit der Quellen und die Nutzbarkeit der Dateiformate. Auch ob das Mate­rial schon häufig genutzt und gegebenenfalls positiv bewertet wurde, kann in die Bewertung einfließen.

Die Checklisten gibt es lizenzfrei als Download unter www.bpb.de/. Weitere Informationen finden sich unter: https://open-educational-resources.de/