Spielerisches Lernen mit Minecraft

Sind Sie schon einmal von Ihren Schülerinnen oder Schülern zum Mathematikunterricht
abgeholt worden, weil Sie sich verspätet hatten? An einem Freitagmittag zur 6. Schulstunde? Und das Ganze nicht, weil es gerade einen Konflikt in der Klasse gab oder das Klassenzimmer noch abgeschlossen war?

Fotos: Tilo Bödigheimer

Mir ist genau das passiert. Mit leicht vorwurfsvollem Blick standen zwei Schülerinnen der 9. Klasse kurz nach Stundenbeginn im Lehrerzimmer vor mir und sagten, dass ich mich doch bitte beeilen solle, weil sie sonst weniger Zeit für Mathe hätten.
Was bringt Teenager dazu, Ihre verspätete Lehrkraft an einem Freitagmittag in der letzten Unterrichtsstunde der Woche, und das auch noch Mathematik, freiwillig vom Lehrerzimmer abzuholen? Die Antwort ist so einfach wie kurz: nur sie selbst. In dieser letzten Schulstunde der Woche wurde nämlich Mathematik mit dem Spiel Minecraft unterrichtet. Und eine Sache, die ich immer wieder als Lehrer lernen und erfahren durfte ist, dass die Motivation der Schülerinnen und Schüler der Schlüssel zu erfolgreichem Lernen ist.

Gamifcation vs Game-BasedLearning

Zunächst ist es aber wichtig, die zwei Begriffe, die beim Einsatz von Spielen im Unterricht häufig genannt werden, kurz zu beschreiben. Der Begriff Gamification wird häufig als der Einsatz von Spielmechaniken in einem spielfremden Kontext beschrieben. Das bedeutet nicht, dass die Lernenden zwingend ein Spiel spielen müssen, sondern dass Spielmechaniken wie zum Beispiel das Sammeln von Punkten oder Badges verwendet werden, um ein gewünschtes Verhalten zu verstärken. Im Grunde ist jedes Verstärkersystem in den Klassen, bei dem Sterne oder Sonnen durch gewünschtes Verhalten gesammelt werden können, bereits Gamification.
Game-based-Learning auf der anderen Seite bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler durch das Spielen eines Spiels etwas lernen oder das Lernen hierdurch unterstützt wird. Dabei ist es egal, ob es sich um analoge oder digitale Spiele handelt. Das Spiel Minecraft ist dabei nur ein Beispiel von vielen weiteren Spielen, die von Lehrkräften im Unterricht eingesetzt werden können.

Auf das Warum kommt es an

Kennen Sie das auch? Sie bereiten eine Unterrichtsstunde intensiv vor, Sie machen sich Gedanken, wie Sie die Stunde strukturieren und die Arbeitsmaterialien aufbereiten und dennoch sitzen die Schülerinnen und Schüler dann gelangweilt in der Klasse und sind kaum zur aktiven Mitarbeit zu bewegen? Mir ist das leider ein paar Mal so gegangen und immer wieder habe ich mich gefragt, warum diese so akribisch vorbereitete Stunde nicht so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt hatte. Hatte ich mir doch intensiv Gedanken darüber gemacht, „was“ die einzelnen Lernziele in dieser Unterrichtsstunde sind und „wie“ die Lernenden diese Lernziele am besten erreichen könnten. Was mir aber bei diesen Stunden oft gefehlt hat war das „warum“!1 Warum sind diese Lernziele für die Schülerinnen und Schüler wichtig? Warum sollten Sie Anstrengungen auf sich nehmen, um diese Lernziele zu erreichen? Und von diesem „Warum“ ausgehend bereite ich seitdem meine Unterrichtsstunden vor.

Noch bevor ich mich damit beschäftige, was genau die Lernziele sein sollen und wie diese Ziele erreicht werden könnten, kläre ich, warum diese Stunde, bzw. dieses Thema für die Schülerinnen und Schüler von Bedeutung sein könnte. Stichworte wie Lebensweltbezug und die persönliche Relevanz spielen dabei eine große Rolle. Und wenn die Lernenden das Thema für sich als persönlich bedeutsam erachten, dann sitze ich keinen Schülerinnen und Schülern mehr gegenüber, sondern dann befinde ich mich unter jungen Menschen, mit denen ich gemeinsam etwas Wichtiges und Neues erfahre, erforsche und kennenlerne. Nun gibt es leider nicht nur Exkursionen im Fach Geschichte oder effektreiche Experimente im Fach Chemie, sondern auch so etwas wie die binomischen Formeln in der Mathematik, bei denen sich die persönliche Relevanz meist mit der nächsten Klassenarbeit verabschiedet. Aber auch für diese Themen kann ich meinen Schülerinnen und Schülern ein für sie bedeutsames „warum“ liefern: weil auch diese Unterrichtsstunden Spaß machen können. Zum Beispiel durch den Einsatz von Spielen oder spielerischen Elementen.
 

Das erste Ziel meiner Unterrichtsvorbereitung lautet also eigentlich, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren oder besser noch, Bedingungen zu schaffen, in denen sie sich selbst für das Thema und damit den Unterricht motivieren werden. Und diese intrinsische Motivation führt meiner Erfahrung nach dann dazu, dass es zu einem Mehr an Aktivität und zu einem Weniger an Fehlzeiten und Unterrichtsstörungen kommt und man auch mal an einem Freitagmittag von den Lernenden zum Mathematikunterricht abgeholt wird, wenn man sich verspätet hat. Der Einsatz von Minecraft als Spiel im Unterricht kann genau diese Motivation bieten, gerade auch dann, wenn das Unterrichtsthema selbst kaum persönliche Relevanz für die Lernenden aufweist.

Minecraft – die Eierlegende Wollmichsau?

Egal, welches Thema. Mit Minecraft wird jeder Unterricht zum motivationalen Feuerwerk und der Lernerfolg ist garantiert? Wohl kaum. Eine der schlechtesten Unterrichtsstunden die ich je „gehalten“ habe, war eine Stunde, in der ich Minecraft eingesetzt habe. Schlechter Unterricht – in diesem Fall wegen mangelhafter Vorbereitung – bleibt schlecht, auch wenn er das Spielen von Computerspielen beinhaltet. Gute Unterrichtsvorbereitung vorausgesetzt, bietet Minecraft allerdings in erstaunlich vielen Fachbereichen Einsatzmöglichkeiten auf ganz unterschiedlichen Niveaus. Aber was ist Minecraft denn überhaupt? Minecraft ist ein sogenanntes Open-World-Spiel, bei dem der Spielende während des Spielens sehr viele Freiheiten hat. In Minecraft bedeutet dies, dass man sich als Spieler in einer virtuellen Welt frei bewegen und (im Kreativmodus) mit ganz unterschiedlichen vorhandenen Baumaterialien Gebäude bauen kann. Die Blöcke, mit denen man diese Gebäude erschafft, sind dabei in der Regel würfelförmig und gleich groß.

Aber Minecraft bietet noch viel mehr als das. In Minecraft können zum Beispiel auch mehrere Spieler gleichzeitig an ihren Projekten kollaborativ bauen, komplexe Stromkreise erstellen oder auch Experimente mit chemischen Elementen durchführen. Für das Fach Geschichte bietet Minecraft die Möglichkeit, historische Gebäude durch Schülergruppen nachbauen zu lassen. So habe ich zum Beispiel als Abschluss einer Einheit Teile der Limes-Grenzverteidigung aus der Römerzeit oder unterschiedliche Mittelalterburgen kollaborativ nachbauen lassen. Die Schülerinnen und Schüler bewiesen durch den Bau ihre Kenntnisse in Bezug auf Struktur, Funktion und Materialbeschaffenheit dieser Einrichtungen. In vorangestellten Lernwerkstätten und Exkursionen zu den entsprechenden Museen und Burgruinen erarbeiteten sich die Schülerinnen und Schüler das nötige Fachwissen, um den abschließenden Bauauftrag mit Minecraft durchführen zu können. Im Fach Mathematik lässt sich neben der Konstruktion von geometrischen Figuren zum Beispiel auch der Themenbereich Längenmaße und Maßeinheiten gut als Aufgabe in Minecraft abbilden. Konkret hatten die Lernenden die Aufgabe in Kleingruppen kollaborativ das eigene Schulhaus zu vermessen und in einem passenden Maßstab in Minecraft nachzubauen. Dieses Einsatzbeispiel werde ich am Ende dieses Artikels nochmals ausführlich beschreiben.

Aber auch im Fach Deutsch und im Fremdsprachenunterricht habe ich schon interessante Einsatzmöglichkeiten kennengelernt, in denen durch Minecraft die Methode des Storytellings eingesetzt wurde. In einem Beispiel erzählten die Lernenden so die fiktive Geschichte eines Flüchtlingspaares und deren Erfahrungen nach Ankunft in Deutschland nach.2 Im naturwissenschaftlichen Bereich und hier vor allem im Fach Chemie lassen sich mittlerweile auch komplexe Experimente durchführen, bei denen die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen über den Aufbau von Elementen und die Zusammensetzung von unterschiedlichen Stoffen beweisen können. Richtig zusammengebaut entstehen so zum Beispiel Helium Moleküle, mit deren Hilfe man dann Luftballons bauen kann, die Tiere – und auch Mitspieler – in die Luft fliegen lassen.3 Mit der Minecraft Education Version, die auch für iPads erhältlich ist, lässt sich auch das Programmieren in spielerischer Weise erlernen.

Mit dem „Code-Builder“ lassen sich dann entweder mit dem eigenen Minecraft Code oder wahlweise auch mit Tynker Tutorials auf unterschiedlichem Niveau durchführen, mit denen das Coden erlernt werden kann. Natürlich kann man auch ohne Tutorials frei und ohne Vorgaben eigene Programme erstellen. So bietet Minecreaft sowohl für die ersten Schritte beim Programmieren bis hin zu komplexen Codingaufträgen für alle Schularten und alle Schulstufen geeignete Einsatzmöglichkeiten. Aber Minecraft lässt sich nicht nur fachbezogen einsetzen. Im Stil von BreakoutEdu oder Escape-Rooms lassen sich mit Minecraft auch AbschlussQuests bauen, bei denen die Lernenden kollaborativ unterschiedliche Aufgaben lösen müssen, um zum Beispiel dem Level zu entfliehen oder eine bestimmte Zahlenkombination für ein Schloss im Klassenzimmer zu erspielen. Die zu lösenden Aufgaben erfordern dabei nicht nur Teamwork und Problemlösekompetenz, sondern können auch fachliche Inhalte abfragen, in dem z.B. eine bestimmte Kombination von Schaltern umgelegt werden muss.

Eine Aufgabe eines solchen AbschlussQuests bestand zum Beispiel im Fach Chemie darin, die vier häufigsten Elemente der Luft zu kennen und die mit den unterschiedlichen Elementen beschrifteten Schalter in der richtigen Kombination zu betätigen. Nur so ließ sich eine Tür öffnen, hinter der sich die letzte Zahl einer Zahlenkombination verbarg. Ebenfalls denkbar wäre, dass die Schülerinnen und Schüler als Abschluss einer Einheit selbst einen solchen Abschluss-Quest in Minecraft bauen und die Mitschülerinnen und Mitschüler die Rätsel im Anschluss lösen müssen.

Ja, ich will! Aber was brauche ich für Minecraft im Unterricht?

Minecraft ist das meistverkaufte Spiel der Welt und ist auf vielen verschiedenen Plattformen spielbar. Für den Einsatz im Unterricht haben sich für mich iPads bewährt. Ich muss nicht in den Computerraum wechseln, die Geräte sind sofort startklar und ohne technische Kenntnisse können sofort über das lokale Wlan maximal 5 Spieler auch ohne Internetverbindung gemeinsam in einer Welt spielen. Die normale Minecraftversion ist unter anderem auf Windows, MacOS, iOS und Android Geräten spielbar. Die Education-Version, die den Code-Builder und auch einen Classroom Mode beinhaltet, ist auf Windows, MacOS und auf iPads verwendbar. Hierfür ist allerdings ein Abonnement von derzeit 5$ pro User und Jahr notwendig. Zum Testen der Education Version gibt es aber auch eine kostenlose Lizenz, die eine begrenzte Anzahl an Logins kostenlos gestattet.

3D-Druck – zurück in die Realität

Nichts ist motivierender für die Schülerinnen und Schüler, wenn sie ihre mit Minecraft erstellten Gebäude oder Körper mit einem 3DDrucker zurück in die Realität holen können. Leider ist das Ganze noch nicht so einfach, wie man sich das gern wünschen würde. Während man bei der Windows10-Version von Minecraft in-Game mit einem sogenannten „structure-block“ kleinere Bereiche direkt als druckbare Datei exportieren kann, ist man derzeit noch für die anderen Plattformen und für größere Modelle auf den Einsatz der Zusatzprogramme „MCedit“4 und „Mineways“5 angewiesen. Auf den iPads benötigt man zusätzlich noch ein Programm zum Export der Welt vom iPad zum Mac oder zu einem Windows Rechner. Hat man aber den Export geschafft, lassen sich die Gebäude sowohl einfarbig als .stl Datei drucken, als auch mehrfarbig durch den Export als .obj Datei mit einem 3D-Farbdrucker zurück in die Realität holen. Die gedruckten Objekte lassen sich dann anschließend bei Interesse noch mit Acrylfarben kolorieren.

Wir bauen uns ein Schulhaus

Im bereits erwähnten Mathematikunterricht hatte ich als Fachlehrer die Aufgabe, die Themenbereiche Längenmaße und Maßstäbe nochmals mit der Klasse zu wiederholen. Die praktische Arbeit mit unterschiedlichen Messinstrumenten steht dabei bei unserer Schulart (Sonderpädagogisches Bildungsund Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Lernen) im Vordergrund. Mit dem Arbeitsauftrag, das komplette Schulhaus in Minecraft kollaborativ und maßstabsgetreu nachzubauen, hatte ich bereits durch die bloße Ankündigung die volle Motivation der Schülerinnen und Schüler geweckt. Nachdem wir uns gemeinsam über die notwendigen Arbeitsschritte zum Erreichen unseres Ziels ausgetauscht hatten, begannen die Lernenden in Kleingruppen und mit unterschiedlichen Messinstrumenten (Meterstäbe, Maßbänder, Lasermessgeräte, Schrittlänge als grobes Schätzmaß) das Schulhaus zu vermessen und die erhobenen Daten auf einem Grundriss des Schulgebäudes einzutragen. Anschließend wurden mehrere Maßstabsberechnungen durchgeführt, um einen sinnvollen Maßstab für den Nachbau in Minecraft bestimmen zu können.

Tilo Bödigheimer

ist Sonderpädagoge und stellvertretender Schulleiter der Hardbergschule in Mosbach. Neben seiner schulischen Tätigkeit bietet er Workshops und Vorträge zum Einsatz von digitalen Medien im Unterricht an.

Nach kurzen Einführungs- und Übungsaufgaben, um sich mit der Steuerung und dem Bauen in Minecraft vertraut machen zu können, starteten die Kleingruppen mit dem eigentlichen Nachbau in ihrer eigenen Minecraft-Welt. Den Abschluss des Projekts bildete der Ausdruck der besten Schulhausmodelle mit einem 3D-Drucker. Ein ausführlicher Projektentwurf mit Stundenbeschreibungen ist auf den Seiten des Projekts „3D-erleben“ des Kultusministeriums BadenWürttemberg herunterladbar.6 Das Besondere an dieser Unterrichtseinheit war rückblickend aber nicht nur die enorme Motivation und das Durchhaltevermögen der Schülerinnen und Schüler bei den einzelnen Arbeitsschritten, sondern vor allem auch die fachunabhängigen Kompetenzen, welche sie in diesem Projekt trainieren und zeigen konnten. Gemeinsam ein Gebäude maßstabsgetreu in Minecraft nachzubauen erfordert nicht nur intensive Kollaboration, sondern ebenso ein hohes Maß an Kommunikationskompetenz und die Fähigkeit, mit Rückschlägen klar zu kommen und Kompromisse zu schließen.

Fazit

Das Spiel Minecraft bietet eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten in den unterschiedlichsten Fächern und ich kann nur jede interessierte Kollegin und jeden interessierten Kollegen dazu ermutigen, Minecraft einmal im Unterricht auszuprobieren. Das passende Thema und eine gute Unterrichtsvorbereitung vorausgesetzt, stellt Minecraft eine motivierende und vielfältig ansprechende Möglichkeit dar, mein eigenes MethodenRepertoire als Lehrkraft zu erweitern. Und dabei ist es auch gar nicht notwendig, den Schülerinnen und Schülern in Bezug auf die Technik und die Bedienung in Minecraft immer einen Schritt voraus zu sein. Für meine Lernenden und auch für mich sind es immer auch besonders gewinnbringende Momente, wenn sich die klassische Rollenverteilung mal auflöst und der Lernende auch mal zum Lehrenden wird oder man gemeinsam neue Funktionen und Möglichkeiten beim Einsatz von Minecraft entdeckt.