STEP-Studie zeigt Defizite beim Schreiben mit der Hand auf

Das Gehirn schreibt mit

Schreiben mit der Hand oder Tippen? Das ist für die meisten Lehrkräfte in Deutschland keine Frage: 99 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer im Primar- und 98 Prozent im Sekundarbereich halten das Erlernen der Handschrift auch im Zeitalter der Digitalisierung für (sehr) wichtig. Das zeigt eine Online-Befragung, die das Schreibmotorik Institut e.V. gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) durchführte.

Drei Kinder machen zusammen Hausaufgaben
STEP-Studie zeigt Defizite beim Schreiben mit der Hand auf © Imgorthand - istockphoto.com

Schreiben mit der Hand ist keine veraltete Kulturtechnik – kein Relikt aus prä-digitalen Zeiten, das dank neuer Medien und Technologien früher oder später überflüssig wird. „Es ist genauso wichtig wie das Lesen und die Rechtschreibung“, sagt Dr. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Schreibmotorik Instituts. Mehr noch: Schreiben mit der Hand unterstützt das Lesen- und Schreibenlernen nachhaltig. Denn Handschreiben ist ein sehr komplexer Vorgang, bei dem zwölf Hirnareale aktiv sind, mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke zusammenwirken und von den Schreibenden – unbewusst – koordiniert werden. „Von Hand zu schreiben bedeutet, dass wir charakteristische Buchstabenformen schreiben. Der damit verbundene Bewegungsablauf wird im Gehirn verarbeitet. Schreibanfänger können etwa Buchstaben, die sie mit der Hand zu schreiben gelernt haben, besser erkennen. Beim Tippen handelt es sich dagegen immer um die gleiche Bewegung, egal, ob ich ein A, ein S oder ein B drücke“, erklärt die SchreibmotorikExpertin.

Schreiben macht schlau

„Zahlreiche neurowissenschaftliche Studien bestätigen, dass bei Kindern motorische und kognitive Entwicklung zusammenhängen – und dass sich das Schreiben mit der Hand positiv auf die Entwicklung der motorischen und geistigen Fähigkeiten auswirkt. Außerdem werden Merkfähigkeit, das inhaltliche Verständnis und die Kreativität gefördert“, weiß Dr. Marianela Diaz Meyer.
Die praktischen Erfahrungen der Lehrkräfte bestätigen dies: Dass sich Handschreiben positiv auf die Rechtschreibung auswirkt, meinen laut STEP-Studie 84 Prozent der Befragten, positive Auswirkungen auf die Fähigkeiten, Texte zu verfassen, sehen 77 Prozent, auf die schulischen Leistungen insgesamt 74 Prozent. Das ist nicht verwunderlich: Denn wer flüssig oder – wie es in der Fachsprache heißt – automatisiert schreibt, braucht sich über den Schreibvorgang selbst keine Gedanken zu machen. Er (oder sie) entlastet sein „Arbeitsgedächtnis“, dessen Kapazität begrenzt ist, und kann die freien Ressourcen für die wesentlichen Inhalte verwenden, sich also auf Rechtschreibung, Zeichensetzung, die Formulierung des Textes und die Beantwortung der Fragen konzentrieren.

Defizite bei Schreibmotorik und Schreibfähigkeiten

Umso problematischer ist es, dass fast neun von zehn Lehrkräften meinen, dass sich die Schreibmotorik und Schreibfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler bzw. die dazu nötigen Kompetenzen in den vergangenen Jahren weiter verschlechtert haben. „Immer mehr Kinder können nicht richtig mit einem Stift umgehen, wenn sie in die Schule kommen. Sie haben deshalb gravierende Nachteile beim Schreibenlernen“, weiß Karin Krieg, Vorstand des Schreibmotorik Instituts, aus Gesprächen mit Lehrkräften. So könnten auch Eltern z. B. täglich Schreibanlässe für ihre Kinder schaffen. Im Primarbereich sind immerhin noch 18 Prozent der Lehrkräfte mit der Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler zufrieden, im Sekundarbereich sind es dagegen nur noch 4 Prozent. Das Lernziel, am Ende der vierten Klasse gut lesbar und flüssig zu schreiben, erreicht nach Aussagen der Grundschullehrkräfte mehr als ein Drittel der Kinder (37 Prozent) nicht. An weiterführenden Schulen sind es sogar 43 Prozent. 70 Prozent der befragten Lehrkräfte haben im vergangenen Schuljahr häufig oder sehr häufig beobachtet, dass ihre Schülerinnen und Schüler unleserlich schreiben; dass sie

Kritzelpaten helfen

„Unternehmen gehen im Rahmen von Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten in Kindergärten und Kindertagesstätten, ‚kritzeln‘ gezielt mit Kindern, wecken durch spielerische und motivierende Übungen Freude und Spaß am Umgang mit Stift und Papier – und machen ihnen nebenbei Lust aufs Schreiben- und Lesenlernen“, beschreibt Karin Krieg die Initiative „Kritzelpaten“ des Schreibmotorik Instituts. So führt z. B. das schnelle Zeichnen von vielen Ostereiern in ein Osternest zur Automatisierung der Bewegung – eine gute und einfache motorische Vorübung für das perfekte „O“, das die Kinder dann in der Schule schreiben sollen.

zu langsam schreiben, stellen 65 Prozent der Lehrkräfte fest. Nur zwei von fünf Jugendlichen in der Sekundarstufe sind in der Lage, 30 Minuten und länger beschwerdefrei zu schreiben – schlechte Voraussetzungen für Klassenarbeiten, die im Sekundarbereich in der Regel mindestens eine oder gar zwei Unterrichtsstunden dauern, aber auch für zeitaufwändigere Hausaufgaben.

Lage, 30 Minuten und länger beschwerdefrei zu schreiben – schlechte Voraussetzungen für Klassenarbeiten, die im Sekundarbereich in der Regel mindestens eine oder gar zwei Unterrichtsstunden dauern, aber auch für zeitaufwändigere Hausaufgaben.

STEP

Mehr als 2.000 Lehrkräfte von Grundund weiterführenden Schulen aus ganz Deutschland beteiligten sich an der „Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben“ – kurz STEP 2019.

Üben hilft

Dass sich Schülerinnen und Schüler beim Schreiben schwer tun, liegt nach Einschätzung der Lehrkräfte vor allem an der zu geringen Routine, schlechter Motorik und Koordination sowie an Konzentrationsschwierigkeiten. Aber auch die fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation und den zu starken Medienkonsum halten mindestens der Hälfte der befragten Lehrerinnen und Lehrer für problematisch. Mehr feinmotorische Aktivitäten wie Basteln, Malen, Kochen, aber auch mehr schreibmotorisches Training, individuelle Förderung von der KiTa bis in die höheren Klassen hinein und mehr Üben – zu Hause und in der Schule – könnten Abhilfe schaffen. Doch dazu fehlt im Schulalltag oft die Zeit. Dabei ist der Zeitaufwand relativ gering. „Eine Studie des Schreibmotorik Instituts in Zusammenarbeit mit der Universität Saarbrücken (2017) zeigt, dass schon eine Unterrichtsstunde schreibmotorisches Training pro Woche dazu führt, dass die Kinder deutlich besser und schneller schreiben“, sagt Karin Krieg. Eine solche Veränderung des Schreibunterrichts führt zu signifikant besseren Ergebnissen. Das belegen auch die vielfältigen Studien des Motorikforschers Dr. Christian Marquardt.

Jungs schreiben schlechter

Vor allem Jungen fällt das Schreiben mit der Hand schwer. Laut STEP-Studie haben in der Grundschule 45 Prozent der Jungen, aber nur 29 Prozent der Mädchen Probleme mit dem Handschreiben: In den Sekundarschulen sind es sogar mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Jungen und nur ein Drittel der Mädchen.
Umso wichtiger erscheint es vor diesem Hintergrund, spielerische und motivierende Schreibmotorikübungen auch für Jungen anzubieten, z. B. Rennbahn fahren.

Stift und Papier sind erste Wahl

Dass die Integration digitaler Medien die Probleme der Schülerinnen und Schüler mit dem Schreiben von Hand lösen könnten, glauben nur wenige Lehrkräfte. Beim Schreibenlernen setzen nur drei Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und -lehrer digitale Schreibmedien (sehr) häufig ein. Stift und Papier sind für 90 Prozent von ihnen im Primarbereich die geeignetsten Medien, um Schreiben zu lernen. Computer und Tastatur halten nur 22 Prozent für (sehr) gut geeignet, Tablet und Stift 18 Prozent, Tablet und Finger 14 Prozent. Das Smartphone fällt dagegen durch: 58 Prozent der Lehrkräfte sind überzeugt, dass es als Schreibmedium für den Unterricht an Grundschulen schlecht oder sehr schlecht geeignet ist.

Weniger verbunden schreibt es sich flüssiger

In der Studie „Handschrift und Automatisierung des Handschreibens“ analysierte Dr. Eva Odersky (LMU München) die Schriften von 336 Schülerinnen und Schülern aus 23 Klassen in Bayern. Alle Kinder hatten zunächst die unverbundene Druckschrift und dann die (verbundene) Vereinfachte Ausgangsschrift gelernt.
Am schnellsten schrieben die Kinder, die – wie die meisten routiniert schreibenden Erwachsenen – eine teilverbundene Schrift hatten, am langsamsten waren die Kinder mit ganz verbundenen Schriften. Die unverbundenen und teilverbundenen Schriften waren im Durchschnitt schneller, automatisierter und flüssiger. Bei ihnen werden die Verbindungen, so Eva Odersky, nicht auf dem Papier, sondern (teilweise) in der Luft ausgeführt. Dies bewirkt eine regelmäßige Muskelentlastung und damit unverkrampfteres, flüssigeres Schreiben.

… auch für Erwachsene

Übrigens: Nicht nur bei Kindern wirkt sich Handschreiben aus: Eine Studie von Pam Mueller und Daniel Oppenheimer (2014) belegt, dass Studierende Inhalte von Vorlesungen besser behalten, wenn sie handschriftliche Notizen machen. Auch bei Verständnisfragen schnitt die Handschrift-Gruppe besser ab als die Kommilitoninnen und Kommilitonen, die mit dem Laptop mitschrieben.
Das liegt nach Einschätzung der Wissenschaftler daran, dass das niedrige Schreibtempo mit der Hand dazu zwingt, sich schon beim Notieren Gedanken über das Gehörte zu machen und es in eigenen Worten wiederzugeben. Das schnellere Tippen verleitet dagegen dazu, das Gehörte einfach niederzuschreiben.
„Stift und Block sind keine Auslaufmodelle, sondern Teil der modernen Arbeitswelt“, davon ist Karin Krieg überzeugt. Moderne Unternehmen mit hochtechnischen Produkten, die nach agilen Projektmethoden arbeiten, verwenden handgeschriebene Post-it®, entwickeln mit Stift am aktiven Board etc. „Man denkt mit der Hand“, sagt sie. „Der geübte Umgang mit dem Stift und die Handschrift sind Werkzeuge, die man in der Arbeitswelt mitbringen und beherrschen muss.“ Die Schule vermittelt die Grundlagen dafür.

Literatur
Müller, P.; Oppenheimer, D. (2014):The Pen Is Mightier Than the Keyboard: Advantages of Longhand Over Laptop Note Taking, Psychological Science 25/16, S. 1159 – 1168

Diaz Meyer, M; Schneider, M; Marquardt, M.; Knopf, J.; Luptowicz, C. (2017): Schreibmotorische Förderung bei Erstklässlern: Ergebnisse einer Interventionsstudie, in: Didaktik Deutsch 43/2017, S. 33 – 56