Erfahrungen mit dem digitalen Unterricht von Sandro Degiorgi an der it.schule stuttgart

Online Unterricht - das interaktive Klassenzimmer

Es gibt nicht ‚das Tool‘ zur Gestaltung virtuellen Unterrichts. So wenig, wie es ‚den Lehrer‘ oder‚ die Schülerin‘ gibt. Ob nun Freizeitoptimierer oder proaktive Digital-Lehrkraft – die Corona-Krisenmonate März und April 2020 haben gezeigt, dass Unterricht im digitalen Klassenzimmer möglich ist. Unser Motto: Machen, machen, machen! Kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren! So weit, so gut – aber: Arbeitsblätter raushauen, Einsendedatum festlegen und benoten, dazwischen hier und da mal eine E-Mail schreiben – das kommt nicht infrage.

„Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde: ein Fortschritt der Menschheit.“ (E. Kästner)

Die Lehrkraft und der Schüler müssen ihre Rolle neu bestimmen. Von John Hattie bis Captain Peng wurde es uns schon oft gesagt: Lehrer müssen sich zurücknehmen und mehr die beratende, die Rolle des Mentors übernehmen. Schüler hingegen müssen ihre eigenen Lehrer werden. 
In Fächern, in denen es auf die aktive Zusammenarbeit mit den Schülern und der Schüler untereinander ankommt, wo Inhalte gemeinsam erarbeitet, geübt und vernetzt werden, ist die direkte Kommunikation und Interaktion unbedingt notwendig. Das gilt auch für den digitalen Unterricht. An die digitalen Tools müssen die Schüler herangeführt werden, aber davon einmal abgesehen: Ein solches Arbeiten entspricht voll und ganz den Wertemustern und Lernpräferenzen der Generation Z. Direkte Erreichbarkeit, kurze Wege zum nächsten Meilenstein, zeitnahes und motivierendes Feedback. Es kommt zu einer intensiveren Zusammenarbeit, gerade auch zwischen den Schülern. Und wir Lehrer werden mit tollen Ergebnissen belohnt.
Die neuen Möglichkeiten eröffnen auch einen neuen Handlungsspielraum. Durch die Virtualisierung des Unterrichts fühlt sich der Einsatz digitaler Tutorials, von Erklärfilmen oder Lernspielen ganz natürlich an.
Diese virtuelle Art der Zusammenarbeit, zur gleichen Zeit, jedoch nicht unbedingt am gleichen Ort, ist eine der Schlüsselkompetenzen im späteren Berufsleben unserer Schüler und wird in der aktuellen Situation aktiv eingeübt. Die bestehenden Hemmschwellen werden abgebaut. Einen Mentor auf Augenhöhe kann man leichter ansprechen, etwas fragen oder ihm sein Leid klagen. Man muss nicht vor einer Bürotüre „strammstehen“ und fragen, ob man kurz reindarf.

Abb. 1: SAMR-Modell nach Puentedura.

Die Bildungscloud, die uns digitales Unterrichten ermöglicht, heißt BigBlueButton, eine OpenSource-Lösung, die ursprünglich an der Carleton Universität, Ontario entwickelt wurde. Wir nutzen sie im Rahmen eines Pilotprojektes der CEMA AG aus Mannheim. An der it.schule haben in den vergangenen Wochen insgesamt sieben Kollegen mit etwa 200 Schülern mit der Lösung gearbeitet – hauptsächlich in den Fächern Mathematik, Physik, Informatik und Wirtschaft. Das Feedback seitens der Kollegen und Schüler ist durchweg positiv.
Wir sind in der Digitalisierung des Unterrichts einen großen Schritt vorangegangen und haben nicht nur Unterricht digital abgebildet, sondern haben Unterricht modifiziert. Unterricht kann virtuell gelingen. Ruben Puentedura hat bereits 2006 mit seinem SAMR- Modell (Abb. 1) eine Referenz geschaffen, um die technische Integration von digitalen Werkzeugen in den Schulunterricht einzuordnen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass wir hier dabei sind, die nächste Stufe des Modells zu erreichen. 

Konkrete Beispiele für die Reflektion nach Puentedura:

ERSETZUNG

Wir ersetzen unsere analogen Arbeitsmaterialien durch digitale Arbeitsmaterialien, z. B. Bereitstellung von PDF-Dateien; Aufgabenblätter, die nur mit einem Passwort bzw. dem Ergebnis der vorigen Aufgabe freigeschalten werden können; Ergänzung mit QR-Codes, die Lösungen oder Links zu weiteren Aufgaben und vertiefendem Material enthalten.

AUGMENTATION

Wir ergänzen unseren Unterricht durch z. B. Quizze, Formularabfragen; 
digitale Lerntagebücher und Ich-kann-Listen, wir lassen die Lernenden diese selbst erstellen und gestalten; 
nutzen Erinnerungssysteme, die uns an Arbeiten, Tests, die Wiederholung von Vokabeln erinnern; natürlich, wo möglich, auch Lernspiele.

MODIFIZIERUNG 

Gleichzeitigkeit, keine Vorlesung, keine YouTube Videos, sondern die gemeinsame Bearbeitung der Inhalte, ein direkter Austausch und – im besten Fall – gemeinsames Denken: wirklich kollaboratives Vorgehen!

NEUDEFINTION

Tja ... mal sehen.

Es geht also nicht darum, bestehenden Unterricht zu nehmen und sich zu überlegen, wie kann ich diesen digital abbilden, sondern wirklich zu schauen, was habe ich für digitale Möglichkeiten und wie kann ich damit den Unterricht gestalten. 

E-Mail ist Steinzeit


Unsere Schüler kommunizieren ständig und überall. Für eine gelingende Kommunikation sollten wir ihnen nicht von oben herab ein neues System aufzwingen – E-Mail ist für sie Steinzeit. Sie nutzen Systeme, in denen sie sich organisieren, schreiben, chatten und telefonieren – unsere Schüler sind also bereits „dort“, wo wir uns hinbewegen sollten. Lassen wir uns doch von unseren Schülern beibringen, wie man heutzutage im virtuellen Raum interaktiv kommuniziert. 
Im gewinnbringenden Unterricht wird interagiert und nicht passiv konsumiert. Es braucht direkten und unmittelbaren Austausch über Text, Sprache und Bild. Es muss auch die Ausdrucksmöglichkeit von Empfindungen möglich sein und die Schüler müssen jederzeit Rückmeldungen geben können – sei es nur über ein emoji oder einen „Daumen hoch“. Darüber hinaus ist die Möglichkeit zur kollaborativen Textarbeit und der Einsatz eines interaktiven Whiteboards, an dem die ganze Gruppe gleichzeitig arbeiten kann, eine feine Sache. Systeme, die ein virtuelles Klassenzimmer abbilden, sollten über diese Features verfügen. Dann bringt auch der virtuelle Unterricht allen Teilnehmern die für das Lernen notwendige Portion Spaß!

Die it.schule stuttgart

ist eine berufliche Schule in Stuttgart Möhringen. Etwa 80 Lehrer arbeiten mit rund 1700 Schülern am technischen Gymnasium und Berufskolleg, an der Technikerschule, sowie den IT-Berufen und der Mediengestaltung in der dualen Ausbildung zusammen.

Die technische Ausgangssituation der Schule ist luxuriös - eine sehr gute Infrastruktur und Internetanbindung,
E-Mail, extern erreichbare vir tuelle Laufwerke und eine etablier te Lernplattform. Eine serielle Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern, sowie der Austausch von Daten war und ist also gesichert. Auch sind unsere Schüler reif genug, um selbst für ihren Lernerfolg Verantwortung zu übernehmen. Sie sind in der Regel mit digitalen Endgeräten und einer Internetanbindung
ausgestattet, die für Online-Unterricht ausreicht.

Sie sind, durch Einsatz im regulären Unterricht, mit dem Nutzen kollaborativer und kooperativer Werkzeuge vertraut. Allerdings fehlen uns für eine Echtzeit-Interaktion und die aktive Zusammenarbeit noch die Systeme, die digitalen Unterricht abbilden können. Wir erproben und evaluieren an der it.schule daher aktuell unterschiedliche Systeme, darunter Moodle, Microsoft Teams, WebEx, zoom.us, BigBlueButton, alfaview und discord.

© Sandro Degiorgi

Fach und Unterrichtsziel

In welchem Fach wird mit welchem Ziel und welcher Methode unterrichtet? Aus solchen Überlegungen ergeben sich konkrete Anforderungen an die Systeme. Eventuell reicht der Austausch über Sprache und Chat. Vielleicht ist die gemeinsame Arbeit an einem Textdokument zentral. Werden, z.B. mit Bildern und Diagrammen, aufbereitete Dokumente eingesetzt, sollten diese den Schülern bereitgestellt oder, im Idealfall, an einer virtuellen Tafel zusammen bearbeitet werden können. Die Schüler erarbeiten die Inhalte gemeinsam, helfen sich, korrigieren sich und diskutieren das Ergebnis. Wieder andere Situationen, z. B. im Informatik­unterricht oder bei Präsentationen der Schüler, erfordern es, dass ein Teilnehmer seinen Bildschirm teilen kann, um so die Inhalte dem Plenum darzustellen. 
Eine gute Voraussetzung für digitalen Unterricht ist ein System, das Bild und Sprache, Text und Präsentation, Zusammenarbeit, Bildschirmfreigabe und interaktive Erarbeitung gleichzeitig ermöglicht!

Erstes Resümee bei der Suche nach geeigneten Tools 

Meine Gruppen und ich sind unterdessen bei einem sehr brauchbaren Tool angekommen (BigBlueButton), bei dem so weit alles passt. Sprache, Video, kollaborative Textarbeit, interaktives Whiteboard mit Präsentationen, Bildschirmfreigabe, keinerlei Installation nötig, nutzbar auf jedem Endgerät – und es funktioniert! „Können wir nicht immer so Unterricht machen?“ – die Schüler sind begeistert. Ich habe den Eindruck, die Schüler sind geradezu fokussierter bei der Sache als im Präsenzunterricht. Es braucht also nicht der regelmäßige „Präsenzunterrich“ zu sein – Kollegen bieten Sprech- und Be-Sprechstunden an, stellen regelmäßig Material und Aufgaben auf unserer Plattform zur Verfügung, korrigieren Schülerlösungen, geben Feedback an die Schüler! Ich erinnere mich: Man muss den Schülern auch den Raum und die Zeit für die sozialen Aspekte und das gemeinsame Arbeiten geben – auch im virtuellen Klassenzimmer.

Datenschutz

Eingesetzte Systeme müssen DSGVO-konform sein – auch wenn aus Richtung der Kultusministerien aktuell die Öffnung einer gewissen Grauzone zu bemerken ist. Keine Klarnamen, Serverstandort Deutschland, kein Abfischen und Vermarkten von Informationen und Daten. Hier sind offizielle Stellen, das Land und natürlich die seriösen Unternehmen gefragt, die Schulen bei der Bereitstellung einer DSGVO-konformen Infrastruktur zu unterstützen.

it.schule stuttgart © Sandro Degiorgi

Digitale Distanz und digitale Nähe

Unterricht lebt von Interaktion, Zusammenarbeit und Austausch – die aktuelle digi­tale und soziale Distanz steht dem entgegen –, Systeme müssen die für die soziale Bindung notwendige Nähe herstellen können, die für den Lernerfolg der Schüler so eminent wichtig ist. Schüler kommen nicht nur zum Lernen an die Schule. Die Schule ist ein Ort sozialen Austausches. Das virtuelle Klassenzimmer muss auch dieser Anforderung Rechnung tragen und die Lehrer den Schülern den Raum und die Zeit für diesen Austausch geben. 

Verfügbarkeit

Die stabile Bereitstellung und die Verfügbarkeit der Systeme ist kritisch. Ein System muss verlässlich funktionieren. Kommt es im digitalen Unterricht bei den Schülern und Lehrern wiederholt zu technischen Problemen, ist ein Unterricht nicht möglich. Ausfälle oder Abstürze verringern die Akzeptanz seitens der Teilnehmer solchen Angeboten gegenüber. Wir haben hier bewusst auf verlässliche externe Angebote gesetzt. Die Kernkompetenz einer Schule, selbst einer it.schule, ist nicht die Administration von interaktiven Mehrbenutzersystemen. Unter Umständen kann es auch notwendig sein, die „Stoßzeiten“ des Unterrichts zu vermeiden und Unterricht über den gesamten Tag zu verteilen, um einer Überlastung entgegenzuwirken.

Schwächere Schüler mitnehmen

Eine vor etwa einem Jahr veröffentlichte Studie der Universität Helsinki [1] wirft einen kritischen Blick auf die Digitalisierung der Schule. Ihre Resultate gehen – mit einer Prise Salz versehen – Hand in Hand mit den letzten PISA-Ergebnissen: Mit digitalen Ansätzen werden die Guten besser und die Schlechten schlechter. Das muss und darf im digitalen Unterricht aber so nicht sein! Denn zurückhaltende Schüler können sich im virtuellen Klassenzimmer leichter einbringen und die Lehrkraft hat einen direkteren Draht zu allen anwesenden Schülern. Die Lehrer müssen genau aufpassen, wie sich ihre Schüler verhalten und einbringen und bei manchen von ihnen eine Aktivierung einfordern. 

Terminliche Organisation

Es kommt zwangsläufig zu einer Loslösung von der starren Taktung eines Stundenplans. Zwar sollte es regelmäßige, terminlich verbindliche Treffen geben – aber auch die spontane Erreichbarkeit der Lehrer und Schüler ist ein Gewinn für beide Seiten. Ein Schüler kommt nicht weiter. Die Mitschüler können nicht helfen oder sind nicht parat. Eine zeitnahe Erreichbarkeit und Unterstützung durch die Lehrkraft hilft der Aufrecht­erhaltung der Motivation des Schülers - aber, um es mit Peter Lustig zu sagen, man muss auch mal „abschalten“.

Fazit

So verheerend die Corona-Krise auch ist, etwas kann man ihr zugutehalten. Sie treibt die lange vernachlässigte Digitalisierung im Bildungswesen voran. Oft hemdsärmelig und mit Mut zur Tat werden vielerorts intensiv unterschiedliche Ansätze implementiert und ausprobiert.
Sicher ist, die Schüler und die Lehrer sind nach den beiden ersten explorativen Monaten souveräner im E-Learning und für die weitere Digitalisierung um Längen besser vorbereitet.

[1] www.deutschlandfunk.de/schulstudie-aus-finnland-die-grenzen-des-digitalen.1773.de.html