Beeinträchtigungen kompensieren

Medien zur assistiven Unterstützung im Unterricht

Assistive Funktionen kompensieren Beeinträchtigungen, die sich für Lernende als hinderlich erweisen könnten. Welches Medium bei welcher Einschränkung hilft, erfahren Sie in diesem Artikel.

Foto: Kaufdex/pixabay.com

Auf der Ebene des Individuums versprechen digitale Medien die Kompensation etwaiger Beeinträchtigungen wie Sehen, Hören, Mobilität oder Lesen. Sie verhelfen den Lernern, an Unterrichtsprozessen teilzunehmen, die ihnen aufgrund ihrer Beeinträchtigung verwehrt bleiben könnten. Durch digitale Schulbücher lassen sich Grafiken und Texte zoomen, um beispielsweise eine Sehbeeinträchtigung auszugleichen. Gleichfalls existieren Programme, die beim Lesen und Schreiben unterstützen oder auch eine Hilfe bei der Kommunikation darstellen. Solche Applikationen ermöglichen oft erst die Kommunikation zwischen dem Lerner, der Lehrkraft und seinen Klassenkameraden. Auch Flipped-Classroom-Konzepte, bei denen Schüler durch eine Übertragungstechnik außerhalb des Klassenraums am Unterricht teilnehmen können, gehören zu den assistiven Technologien.

Welweites Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

Bereits in Artikel 4 der UN-Behindertenrechtskonvention (2009) wird beschrieben, dass sich die Vertragsstaaten dazu verpflichten

[…] für Menschen mit Behinderungen zugängliche Informationen über Mobilitätshilfen, Geräte und unterstützende Technologien, einschließlich neuer Technologien, sowie andere Formen von Hilfe, Unterstützungsdiensten und Einrichtungen zur Verfügung zu stellen (Artikel 4 – Allgemeine Verpflichtungen).

Dies beschreibt die Unerlässlichkeit der Verwendung digitaler Medien zur assistiven Unterstützung oder Kompensation von Beeinträchtigungen im inklusiven Unterricht. Assistive Technologien verhelfen den Schülerinnen und Schülern (vgl. Fisseler 2012, S. 87):

  • sich im Gebäude zu bewegen,
  • Lernmaterialien zu nutzen,
  • zu lesen, schreiben und rechnen,
  • zu kommunizieren, sich mitzuteilen,
  • Ideen auszudrücken,
  • am Unterricht und am sozialen Leben der Schule teilzuhaben.

Die folgende Auflistung zeigt einige Beispiele digitaler Medien mit assistiver Funktion mit Sicht auf spezifische Einschränkungen des Lernens im inklusiven Unterricht (Quelle: www.inklusive-medienarbeit.de, Capovilla & Gebhardt 2016, S. 8 ff.; Kamin & Hester 2015, S. 191 f.).

Motorische/Sensorische Einschänkungen

Bei motorischen oder sensorischen Einschränkungen eignen sich Hilfsmittel, die über die übliche manuelle Bedienung hinausgehen. Dazu gehören Fuß- oder Mundmaus-Tastaturen mit Anschlagsverzögerung und besonders leichtgängigen Tasten, Augensteuerung, Sprachsteuerung, oder Diktiersoftware.

Beeinträchtigungen des Sehens

Sehbeinträchtigungen können Sie im Unterricht mit diesen Hilfsmitteln entgegen wirken:

  • Software für vergrößerte Darstellungen oder stärkere Kontraste
  • Kameralesesysteme zur Vergrößerung
  • Sprachausgabe zum Vorlesen von Texten
  • Tastaturen mit größeren Tasten
  • digitale Screenreader
  • Texteingabe über Buchstabensprachausgabe
  • tastaturbasierte Maussteuerung über Tastenkombinationen
  • Braillezellen
  • taktile Displays
  • Tafellesesysteme
  • erweiterte Audiosysteme zur Computersteuerung

Beeinträchtigungen des Sprechens und der Kommunikation

Fällt es den Lernenden schwer, sich zu artikulieren, kann eine Softwarte zur unterstützten Kommunikation (UK) und/oder die Eingabe über Touch- oder Augensteuerung das gegenseitige Verständnis ermöglichen.

Beeinträchtigungen des Lernens

Bei Beeinträchtigungen des Lernens eignen sich zur Kompensation:

  • Sprachausgabetechnologien (z. B. Anybook-Reader zum Besprechen durch die Lehrkraft)
  • Textverarbeitung mit Rechtschreibkorrektur
  • Lerntastaturen
  • Eingabehilfen, z. B. Wortvervollständigungsprogramme oder Diktierfunktionen
  • reduzierte Software oder E-Mail-Programme

Soziale Beeinträchtigungen

Besonders vielversprechend für die Arbeit mit sozial beeinträchtigten Lernern sind Apps, die soziale Funktionen fördern oder Apps, die speziell für autistische Kinder entwickelt wurden. Dazu gehören z. B. die Apps Droidtism oder LetMeTalk.

Neue Technologien zielführend einsetzen

Beim Einsatz assistiver Technologien insistieren Dell und Newton (2014, S. 707), diese nicht als Selbstzweck zu sehen: „Tools alone are not adequate.” Sie verweisen darauf, dass neben dem Vorhandensein von digitalen Unterstützungshilfen die genaue Prüfung und Bewertung der unterschiedlichen Technologien, Implementation der digitalen Medien, dessen Support, deren beständige Evaluation auf Effektivität sowie die Schulung der einsetzenden Lehrpersonen notwendig ist.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Fachbuch: Basiswissen Lehrerbildung: Inklusion in Schule und Unterricht

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Der Artikel wurde in Teilen redaktionell bearbeitet von der Redaktion bildung+ Online, 21.01.2020, Hannover.

Literatur

Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung (2009). Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. (https://www.behindertenbeauftragte.de/SharedDocs/Publikationen/UN_Konvention_deutsch.pdf, Zugriff: 20.11.2017)

Capovilla, D. & Gebhardt, M. (2016). Assistive Technologien für Menschen mit Sehschädigung im inklusiven Unterricht. In: Zeitschrift für Heilpädagogik, 67, S. 4–15.

Dell, A. G. & Newton, D. A. (2014). Assistive Technology to Provide Access to the Curriculum and Increase Independence. In: L. Florian (Ed.), The SAGE Handbook of Special Education – Volume 2. London: SAGE.

Fisseler, B. (2012). Assistive und Unterstützende Technologien in Förderschule und inklusivem Unterricht. In: I. Bosse (Hrsg.), Medienbildung im Zeitalter der Inklusion. LfM-Dokumentation, Band 45. Düsseldorf: LfM. S. 87–91.

Kamin, A.-M. & Hester, T. (2015). Medien – Behinderung – Inklusion. Ein Plädoyer für eine Inklusive Medienbildung. In: R. Arnold (Hrsg.), Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung. Band 82: Lehrer. Bildung. Medien. Herausforderungen für die Entwicklung und Gestaltung von Schule. Hohengehren: Schneider, S. 185–194.