Virtuelle Meetings erfordern mehr Kommunikationskompetenz denn je

„Affenfelsen hat ausgedient“

In den letzten Monaten waren Videochats an die Stelle von Konferenz und Meeting im Lehrerzimmer getreten. Für viele Lehrende eine enorme Umstellung – folgt eine solche Kommunikation doch mitunter ganz anderen Regeln, wie Wissenschaftler Johannes Bauer nachweist

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In Coronazeiten haben viele Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und eben auch Schulen ihre Kommunikation mehr als je zuvor auf digitale Kanäle umgestellt. Das gilt vor dem Hintergrund des coronabedingten Abstandhaltens vor allem für Sitzungen und Teambesprechungen. Diese funktionieren dank spezifischer Apps und mit einem technikaffinen Team insgesamt recht gut. Dieser Effizienzsteigerung einerseits steht jedoch andererseits eine höhere Anforderung an die Kommunikationsfähigkeit aller gegenüber. „Denn virtuelle Besprechungen bestehen nicht nur aus verbaler Kommunikation und dem Abarbeiten einer straffen Agenda, sondern auch aus komplexem sozialem Miteinander“, ist Prof. Dr. Matthias Johannes Bauer überzeugt. Der Studiengangsleiter für Kommunikationsmanagement an der IST-Hochschule in Düsseldorf und sein Co-Autor, der Diplomjournalist Tim Müßle, widmen sich diesen Themen in ihrem aktuellen Buch „Psychologie der digitalen Kommunikation“. Selbst wenn nonverbale Aspekte im Videostream von Meetings in Ansätzen übertragen werden: „In digitalen Kanälen fallen immer auch Informationen weg: Körpersprache, Mimik, Gestik – das fängt die beste App nicht auf“, erläutert Bauer. Unter anderem die sogenannte Media-Richness-Theorie erklärt dieses Phänomen wissenschaftlich. Die damit verbundenen Effekte haben weitreichende Konsequenzen für die Kommunikation und das Miteinander. Das stellt insbesondere Leitungspersonen vor Herausforderungen.

Lesetipp

Matthias Johannes Bauer, Tim Müßle: Psychologie der digitalen Kommunikation. Broschiert, 172 Seiten. ISBN 978-3-8316-4836-8, Preis: 39,99 EUR. E-Book: ISBN 978-3-8316-7559-3, Preis: 27,99 EUR.

Etablierte Systeme funktionieren nicht mehr

„Analoge Meetings strotzen vor symbolischer Kommunikation“, so Bauer. „Denken Sie beispielsweise an die Bedeutung, wer wo und neben wem sitzt.“ Das löst sich in der Videokonferenz völlig auf. Etablierte Hierarchie- und Machtsysteme können auf diese Weise ins Wanken geraten. „Platzhirschgehabe beim Betreten des Raums gibt es nicht mehr. Auch das breitbeinige Sitzen als nonverbaler Akt von Territorialverhalten fällt bei einer Videokonferenz weg. Mit Blick auf die Anforderungen neuer Führungskultur in Zeiten digitaler Transformation ist das sicherlich ein großer Gewinn. Die metaphorischen Affenfelsen haben letztlich ausgedient.“
Bauer sieht in den Kommunikationsstarken die Gewinner dieser Entwicklung. „Eine angespannte Situation mit einem Scherz oder Ironie aufzulösen, erfordert im Video-Call deutlich mehr Kommunikationskompetenz. Genauso braucht das Soziale und Gesellige neue Formate, wenn man sich beispielsweise nicht mehr zufällig beim Kaffeeholen trifft.“ Diese Aspekte sind jedoch für eine gesunde Organisation und das Netzwerken untereinander immens wichtig. „Gespräche am Rande einer Sitzung unter vier Augen sind virtuell kaum möglich. Ebenso der Blickkontakt oder das gemeinsame Augenrollen, wenn wieder jemand ungefragt zum Co-Referat ansetzt.“

Technische Komponente ist wichtig

Hier ist der versierte Umgang mit den Feinheiten von Video-Conferencing-Apps und digitaler Kommunikation gefragt: Gibt es die Möglichkeit zum privaten Chat? Gibt es Applaus- oder Zustimmungsfunktionen? Wie setze ich Emojis und Emoticons unterstützend ein? „Insbesondere leitende Personen müssen hier noch stärker als zuvor die Rolle des Moderators einnehmen –
und auch dies erfordert in hohem Maß digitale Kommunikationskompetenz“, so der Professor. „Diese Fähigkeiten werden damit zum absoluten Musthave für alle Führungskräfte. Aber keine Sorge: Das kann man lernen.“
Utz-Verlag / mho