Kolumne

Erziehung zur Freiheit

Ein Bildungssystem, das Lernen als einen zutiefst selbstgesteuerten Prozess und Bildung im Jugend- und Erwachsenenalter als Selbst-Bildung begreift, kann nur als lebendiger, offener, neugieriger, forschender, tastender, achtsamer, aufmerksamer, kommunikativer, emphatischer Organismus wirken. Sind unsere Schulen Orte, auf die diese Umschreibungen zutreffen?

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Erziehung zur Freiheit lautet eine Prämisse der Waldorfpädagogik. Aber, wie entsteht Freiheit und wie können Freiheit und Bildung in Einklang kommen? Streng genommen lässt sich Bildung nur als Selbst-Bildung mit dem Gedanken der Freiheit verbinden. „Ich allein kann mich bilden, aber mich bilden kann ich nicht allein.“ Das Zitat stammt von Stefan Brotbeck und ich habe es einem Beitrag der Erziehungskunst entnommen.* Nein, ich bin kein Anthroposoph, dafür verstehe ich viel  zu wenig von der Lehre Rudolf Steiners – und ehrlich gesagt, erscheint mir einiges aus dem Steiner‘schen Kosmos nicht mehr zeitgemäß. Dagegen ist vieles aus der Waldorfpädagogik vortrefflich geeignet, um über Bildung im digitalen Zeitalter zu streiten. Und nein, ich ziele jetzt nicht auf die Zurückhaltung vieler „Anthros“, digitale Medien in der Schule zu nutzen. Ich suche nicht das Trennende, sondern das Verbindende. Erziehung zur Freiheit … ist das nicht ein Bildungsziel oder gar Bildungsauftrag, wie er, vielleicht jeweils etwas anders umschrieben, in den meisten Schulgesetzen der Bundesländer verankert ist?

Achtung! Es folgt ein heftiger Gedankensprung: Wenn Freiheit das Bildungsziel und IT-Infrastruktur nur Werkzeuge zur Erfüllung des Bildungsauftrags sind, warum diskutieren wir dann soviel über Digitalisierung und so wenig über Freiheit? Mit Begeisterung könnte ich mit Pädagog*innen, Bildungsforscher*innen, Soziolog*innen oder Schulleiter*innen über das obige Zitat von Stefan Brotbeck diskutieren, streiten, … und noch besser: Konsequenzen für schulische Praxis ausloten. Das würde ich mit Lust und Freude tun – und wo ich kann, zettele ich auch den Diskurs über gelingende Bildung an. Ehrlich gesagt: im Gegensatz dazu langweilt mich mittlerweile die Diskussion über den DigitalPakt. Mit einem Bildhauer möchte ich doch nicht über Hammer und Meißel reden, sondern über sein Werk und wie es in mir Resonanz erzeugt, wie es mich berührt. Die fast wöchentlichen Bildungsgipfel, mal informell, mal mit großem Popanz, verkünden am Ende zumeist doch nur eines: mehr Digitalisierung, mehr Hardware, mehr Software und vor allem mehr Geld. Aktuell sind 6,5 Milliarden Euro im Jackpot. Ist es das, was unser Bildungssystem braucht? Ja, leider braucht das Bildungssystem auch Geld, sogar viel Geld, aber erst in zweiter Linie. In erster Linie braucht es frische Luft, weil die Freiheit die Bildung erstickt und die Erziehung zur Freiheit nicht mit Glasfaser und iPad automatisiert werden kann. ABER … die Digitalisierung könnte uns beim Lüften helfen, könnte uns neuen Spielraum verschaffen, uns in der Kommunikation unterstützen, das Lehren im Team verbessern, uns ermächtigen, neue Wege in der Bildung zu erkunden.

„Ich allein kann mich bilden.“ Ein Bildungssystem, das Lernen als einen zutiefst selbstgesteuerten Prozess und Bildung im Jugend- und Erwachsenenalter als Selbst-Bildung begreift, kann nur als lebendiger, offener, neugieriger, forschender, tastender, achtsamer, aufmerksamer, kommunikativer, emphatischer Organismus wirken. Sind unsere Schulen Orte, auf die diese Umschreibungen zutreffen? Bei einigen ja, bei vielen nicht. Letzteres nicht aus Unwilligkeit, sondern weil Schule vor allem eines ist: ein selbsterhaltendes und selbstreproduzierendes System von Unfreiheit, Gängelung, verstaubten Curricula, zwanghaften Zeitintervallen, Kontrollen, Bewertungen … muss ich die Liste noch fortschreiben? Ich glaube nicht. Neulich sprach ich mit einem jungen Dozenten, der an der Uni Technik-Lehrende ausbildet und ich verwies an einer Stelle auf die REFA. Er kannte die Organisation gar nicht, welch ein Glück. Die Abkürzung REFA leitet sich ab von Reichsausschuss für Arbeitszeitermittlung. Die Organisation entstand 1924 im aufstrebenden Industriezeitalter und hat sich zum Ziel gesetzt, Methoden zu entwickeln, mit denen sich Abläufe (Prozesse) branchenunabhängig gestalten, messen, kontrollieren und bewerten lassen. „Abläufe“ umschreibt im Klartext das Verhältnis Mensch-Maschine. Am Fließband wird der Mensch zum Zahnrad einer Maschinerie, REFA-Ingenieure waren (und sind es zum Teil noch) dafür zuständig, die Abläufe zu optimieren. Mit dem Ende des Industriezeitalters wurde die REFA-Methodik bedeutungslos. Allerdings, jetzt wo ich noch einmal darüber nachdenke, beschleicht mich das ungute Gefühl, dass ein REFA-Geheimbund im Schulsystem untergetaucht ist, dort weiterwirkt und an Methoden festhält,  mit denen sich Lernprozesse gestalten, messen, kontrollieren und bewerten lassen. Es wird Zeit, gründlich zu lüften! Erst wenn unsere Köpfe frei sind, erst dann können wir über Bildung und auch Digitalisierung wieder ganz frei nachdenken und das Lernen von Fremdsteuerung auf Selbststeuerung umschalten.

 

*Quelle: www.erziehungskunst.de/artikel/serie/ohne-vorbild-geht-es-nicht-die-erziehung-zur-freiheit-setzt-orientierung-voraus/