Kolumne

Irritationen aus der Vergangenheit als Impulse für die Zukunft der Schule

"Ich weiss natürlich, dass es in unserem Gemeinwesen als naiv gilt, Vorschläge zu machen. Die Vorstellung, dass irgendetwas anders sein könnte als es ist, wird von allen, die etwas zu sagen haben, für aberwitzig gehalten, was zur Folge hat, dass der Aberwitz unangefochten regieren kann."

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Gern würde ich die Urheberschaft für diese Feststellung beanspruchen, aber das Zitat stammt aus einem Essay von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1982 mit der Überschrift „Plädoyer für den Hauslehrer – Ein bisschen Bildungspolitik.“[1] Sollte ein Schulkollegium in den nächsten Wochen einen Pädagogischen Tag mit dem Ziel planen, die eigene Schule fit zu machen für Bildung in einer digitalen und komplexen Welt, dann empfehle ich, noch vor der Veranstaltung den fast 40 Jahre alten Text als einstimmende Inspiration zu lesen. Nicht, weil er Antworten liefert, sondern weil er geeignet ist, dabei zu helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Ich unterstütze die Forderung des Autors nach Hauslehrer*innen übrigens nicht, interessieren würde mich aber schon, ob die ideale Größe für eine „interaktionsfähige Gruppe“ bei fünf bis sieben Personen liegt – wie vom Autor unter Hinweis auf wissenschaftliche Quellen behauptet – oder, ob die Sozialwissenschaftler*innen zwischenzeitlich zu anderen Erkenntnissen gelangt sind. Wie sind denn Ihre Erfahrungen, ganz aktuell zum Beispiel der optimalen Anzahl von Schüler*innen in Videokonferenzen während des Corona-Lockdowns?

Dass Enzensberger die Sprengung der meisten Schulgebäude empfiehlt, ist naheliegend, beschreibt er sie doch wie folgt:

Die öffentliche Schule ist von jeher das Hoheitsgebiet einer fernen Verwaltung gewesen, ein Ort der Unterdrückung, der weder von Schülern noch von Lehrern erdacht worden ist, und an dem beide noch nie das Sagen hatten. Ihre Bauten waren und sind Herrschaftsarchitektur. … Zum Lernen sind diese in Beton gegossenen Technokratenräume vollkommen ungeeignet.

Wie eingangs erwähnt, der Text ist nahezu 40 Jahre alt. Ob die Zustandsbeschreibung noch einen Funken Aktualität beinhaltet, das können nur Sie als Insider beurteilen. In mir hat gerade dieser Passus eine Frage aufkeimen lassen, die auch Tage nach dem Lesen des Textes noch nicht verblasst ist: Wie würde eine Schule aussehen, die von Schüler*nnen und Lehrer*innen erdacht wurde und in der sie das Sagen haben? Ein naiver Gedanke, mit dem Potential zum Aberwitz. Aberwitzig auch einige andere Fantasien des mehrfach preisgekrönten Schriftstellers: Das Lerntempo ergibt sich ausschließlich aus den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Gruppe. Natürlich nicht größer als fünf bis sieben SchülerInnen! Oder an anderer Stelle lese ich: Die Ferien werden dann gemacht, wenn es allen Beteiligten passt. Oder ein Vorschlag zum Lernort: Es gibt kaum einen halböffentlichen Ort, zu dem sich fünf Kinder nicht Zutritt verschaffen könnten: Rundfunk, Bauernhof, Rechenzentrum, Gärtnerei, Flughafen, Rathaus, Filmstudio, Automobilfabrik … Genug zitiert. Noch Fragen? Ich hoffe ja. Und ich hoffe, dass sie aberwitzig sind. Ach ja, auch die Schulpflicht kommt in dem Essay nicht ungeschoren davon und wird, wen wundert es, in Frage gestellt.

Bei unseren Nachbarn, den Franzosen, gibt es übrigens keine Schulpflicht, Homeschooling ist unter bestimmten Voraussetzungen eine Alternative zum Schulbesuch. Die Unterrichtsinhalte sind für alle öffentlich und online zugänglich über die staatliche Webschule CNED (Centre national de l’Enseignement à distance). 120.000 Schüler*innen lernten bereits vor Corona mit dem Online-Unterrichtsangebot, entweder weil sie chronisch krank sind, an  weit von Schulen entfernten Orten leben oder weil sie aufgrund sportlicher oder künstlerischer Aktivitäten keine Zeit für einen Regelschulbesuch haben. Der französische Zentralismus kommt ihnen in diesem Fall zugute: Das Unterrichtsprogramm ist im ganzen Land identisch, ob auf der Karibikinsel Martinique oder in einem Alpendorf in den Savoyen. Deshalb kann die Webschule die Kinder auch auf das Zentralabitur vorbereiten.[2] Über die Webschule CNED stellt das Bildungsministerium auch virtuelle Klassenzimmer zur Verfügung. Bis zu sechs Millionen Lernende können sich täglich in ihre virtuelle Klasse über ihren heimischen Computer zuschalten, wenn es die Corona-Krise erfordert.

Was Hans Magnus Enzensberger noch in den Sinn gekommen wäre, hätte es 1982 schon schnelles Internet, Smartphones und Lernplattformen gegeben, das wissen wir nicht. Sicherlich hat der heute 90-jährige auch dazu eine Meinung, aber viel spannender wäre es doch, den eigenen aberwitzigen Ideen nachzuspüren und ihnen im Jahr 2020 ein paar neue, unter den Bedingungen der Digitalität, hinzuzufügen.

P.S. Der Duden beschreibt die Bedeutung von aberwitzig mit „unsinnig; wahnwitzig“ und listet folgende Synonyme auf: „absurd, abwegig, irrwitzig“.

 

 

[1] Hans Magnus Enzensberger, Politische Brosamen, Suhrkamp Verlag, 1982

[2] Quelle: www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/coronavirus-in-frankreich-unterricht-im-virtuellen-klassenzimmer-16664893.html