Bricht die Coronakrise das etablierte System Schule auf? – Eine Zwischenbilanz

Schwieriger Spagat

Die Erwartungen an das Bildungssystem und den Unterricht haben sich in den letzten Wochen stark verändert. Welche langfristigen Veränderungen sich aus den gewonnenen Erfahrungen für Schulen ergeben, zeichnet sich noch nicht ab. Was die Schülerinnen und Schüler betrifft, so rücken in Zeiten von Online- und Präsenzunterricht die Selbstlernphasen stärker in den Fokus

Wird das Homeschooling gleichberechtigt neben den Präsenzunterricht treten? Schon jetzt legen Schulbuchverlage wie Klett neue Lehrwerke auf beiderseitige Nutzbarkeit aus © Gorodenkoff – stock.adobe.com

Wochenweiser Klassenwechsel, geteilter Präsenzunterricht, Homeschooling: Was auf längere Sicht Unterrichtsalltag bleiben wird, verlangt den Lernmethoden ein hohes Maß an Struktur und Flexibilität ab. Mit der schrittweisen Rückkehr zum Präsenzunterricht wurden Schulen vor die Aufgabe gestellt, den Online- und Präsenzunterricht stärker miteinander zu verknüpfen. Dem gemeinsamen Lernen in der Schule steht das individuelle Lernen zu Hause gegenüber. Dies digital zu verzahnen, ist naheliegend, jedoch sind die technischen Möglichkeiten der Schulen im Schnitt nicht sehr groß. Auch die Ausstattung bei den Schülerinnen und Schülern zu Hause ist höchst unterschiedlich.
Eltern schulpflichtiger Kinder haben in den letzten Wochen miterlebt, wie sich die Schüler zwischen Onlineunterricht und Arbeitsaufträgen selbst organisieren mussten. Sogenannte Selbstlernphasen waren vor Corona nur bestimmten Bildungsgängen und Klassen vorbehalten, in Gemeinschafts-schulen sind solche Lernansätze schon eher etabliert. Alle anderen Schülerinnen und Schüler mussten das eigenständige Organisieren des Lernens erst lernen, je nach Alter auch mit Unterstützung der Eltern.

Selbstlernphasen: Lern- und     Motivationspakete packen

„Als Gemeinschaftsschule ist das selbstständige Arbeiten eine wichtige Säule unseres Konzeptes und in ‚Lernzeiten‘ taten die Schüler bzw. Lernpartner, wie sie bei uns heißen, genau das: eigenverantwortliches Lernen und Üben anhand von Plänen, den ‚Lernpaketen‘“, so eine Lehrerin einer Gemeinschaftsschule im Landkreis Sigmaringen. Trotz guter Ausgangsvoraussetzung für den Spagat zwischen Online- und Präsenzunterricht musste wie an vielen Schulen zunächst die Frage gelöst werden, wie Aufgaben zeiteffektiv, sinnvoll und übersichtlich an die Schüler verteilt werden können. „Wir setzen derzeitig auf Vielfalt und Abwechslung: von den klassischen Aufgaben im Buch über Online-Übungen bis hin zu selbstgedrehten Videos ist alles dabei. Über diesen langen Zeitraum hinweg müssen Wege gefunden werden, die Motivation der Lernpartner weiterhin hoch zu halten“, ist sie sich sicher.
Je nach Fach gibt es unterschiedlich lange Input- und Lernphasen. In den Fremdsprachen etwa schließen sich oft gemeinsame, niveaudifferenzierte Übungsphasen an, bevor die Schüler in individuelle, selbstständige Arbeitsphasen übergehen können. Eine sich auf Selbstlernphasen konzentrierende Unterrichtsform bedarf einer guten Vorbereitung und Vermittlung von Kompetenzen zur Lernprozessgestaltung, denn insbesondere leistungsschwache Schülerinnen und Schüler sind mit dem Maß an Eigenverantwortung schnell überfordert.

Alle Lernwege müssen zum gemeinsamen Lernziel führen

Auch Frank Haß, Klett-Autor und Lehrer, hält nichts davon, zu viel Selbstverantwortung in die Hände der Schülerinnen und Schüler zu legen: „Einen guten Zwischenschritt zwischen starker Lehrersteuerung und vollständiger Lernerautonomie stellen meiner Erfahrung nach sogenannte Lernwegelisten dar.“ Lernwegelisten zeichnen im Prinzip den vom Lehrenden geplanten Lernweg vor und nutzen dafür primär die den Lernern sowieso zur Verfügung stehenden Materialien des Lehrwerks in analoger oder digitaler Form. „Wichtig ist, dass alle Lernwege zu einem gemeinsamen Lernziel führen, dessen Erreichung durch ein finales Produkt dokumentiert und dem Lehrer zur Überprüfung und Bewertung zugesandt werden kann.“ Zu den Klett-Lehrwerken Orange Line, Red Line und Blue Line sind solche Lernwegelisten bereits in Form adaptierbarer Lernpläne vorbereitet. „Da jede Unit des Schülerbuchs aus sechs kompetenzorientierten Unterrichtsvorhaben besteht, gibt es zu jeder Unit sechs Lernpläne. Jeder Lernplan enthält Übersichten über das empfohlene Material auf drei Niveaus, sodass leicht auch differenzierte Lernwegelisten erstellt werden können“, so Haß.

Präsenzunterricht: Lernen über Beziehung

Wäre eine stärkere Konzentration auf das Lernen zu Hause ein Zukunftsmodell für das System Schule? „Das gemeinsame Lernen bleibt weiterhin eine wichtige Stütze des Unterrichts, gerade in Phasen des Inputs, der Präsentation und Reflexion bleibt die Klasse im Verbund zusammen“, betont Marion Zimmer, Fachberaterin für Unterrichtsentwicklung am staatlichen Schulamt und Regierungspräsidium Karlsruhe, die Bedeutung des Präsenzunterrichts. Eine Lehrkraft aus Berlin meint dazu: „Wir versuchen, die neue Situation als Chance zu sehen, neue Formen des Lehrens und Lernens auszuprobieren.“
Die Coronakrise hat den klassischen Unterricht in vielen Punkten verändert. Ob sich dieser mit den gewonnenen Erfahrungen nachhaltig wandeln wird, davon kann man ausgehen, wenn auch nicht in allen Schulformen und in allen Fächern in gleicher Weise. Änderungen werden hauptsächlich die didaktischen Methoden betreffen, z. B. mit dem stärkeren Einsatz digitaler Lernmaterialien wie eBook pro oder eCourse von Klett. Diese orientieren sich schon heute an den unterschiedlichen Lernphasen, lassen sich inhaltlich an die Bedürfnisse der Klasse anpassen und unterstützen so das selbstgesteuerte Lernen.                  

AV / mho

Leopoldina fordert Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina beschreibt in ihrer Anfang August veröffentlichten Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Für ein krisenresistentes Bildungssystem“ Maßnahmen, die geeignet sind, das bestehende Bildungssystem unter Krisenbedingungen widerstandsfähiger und flexibler zu machen. Die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme aus den Fachgebieten Erziehungswissenschaften, Bildungsforschung, Fachdidaktik, Psychologie, Ökonomie, Soziologie, Theologie, Virologie und Medizin sehen sieben Handlungsfelder:

1. Aufrechterhaltung des Zugangs zu Bildungseinrichtungen
Empfohlen werden Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen, systematische Tests auf das Coronavirus und die Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von Risikogruppen unter den Kindern und dem pädagogischen Personal sowie unter den Angehörigen beider Gruppen. Um die vollständige Schließung einzelner Bildungseinrichtungen zu vermeiden, sollten überall, wo dies sinnvoll ist, feste Kontaktgruppen (zum Beispiel Klassen) eingerichtet werden, die zueinander möglichst wenige Berührungspunkte haben. Ziel ist es, den persönlichen Kontakt der Kinder und Jugendlichen einer solchen Gruppe, der Kohorte, untereinander und zu den Pädagoginnen und Pädagogen so lange wie möglich zu gewährleisten.

2. Entwicklung von Konzepten zur Verzahnung von Präsenz- und Distanzlernen
Lernen und Bildung zu ermöglichen, ist die zentrale Kompetenz pädagogischer Fachkräfte, auch in Zeiten des Distanzlernens. Eltern können hier lediglich unterstützen. Bund und Länder sollten nach Möglichkeit eine länderübergreifende Lösung für digitale und datenschutzrechtlich geprüfte Lernplattformen erarbeiten. Zudem empfiehlt die Stellungnahme länderübergreifende Rahmenregelungen, zum Beispiel für Prüfungen in Phasen des Distanzlernens. Die pädagogischen Fachkräfte sollen über die Plattformen qualitätsgesicherte Materialien und Inhalte teilen und mit den Kindern, Jugendlichen und deren Eltern in Phasen des Distanzlernens in Interaktion treten können.

3. Bereitstellung einer geeigneten, sicheren und datenschutzkonformen digitalen Infrastruktur 
Erste finanzielle Voraussetzungen wurden durch den „DigitalPakt Schule“ geschaffen. Die technische Ausstattung, Unterstützung, Wartung, Instandsetzung und Entwicklung von Bildungsmedien sollten durch einen länderübergreifenden Beirat unterstützt werden, in dem Fachleute aus der Bildungsadministration, der Bildungspraxis, der Bildungsforschung und dem Informations- und Wissensmanagement vertreten sind.

4. Unterstützung pädagogischer Fach- und Lehrkräfte beim professionellen Einsatz digitaler Medien
Notwendig sind Unterstützung im Hinblick auf die digitale Infrastruktur und technische Ausstattung, die Bereitstellung geeigneter digitaler Lehrmittel und Materialien sowie Fortbildungsangebote.

5. Stärkung der Kooperation und Kommunikation mit Eltern und Familien
Die Expertinnen und Experten empfehlen unter anderem regelmäßige (Video-)Sprechstunden, Coaching-angebote für Eltern sowie Materialien für altersgemäße Förderangebote.

6. Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lern- und Leistungsrückständen
Als Schwerpunkt wird die Förderung von mathematischen und sprachlichen Vorläufer- bzw. Basiskompetenzen empfohlen, die für das weitere Lernen grundlegend sind.

7. Stärkung der Wissens- und Informationsbasis
Forschung und Evaluation tragen dazu bei, Auswirkungen der Kita- und Schulschließungen und die Wirksamkeit der neu eingeführten Lehr- und Lernmethoden wissenschaftlich zu bewerten und aktuell dem Bedarf anzupassen.

Für die empfohlenen Schritte werden zusätzliche Ressourcen benötigt, so die Leopoldina-Fachleute: In den umfangreichen Maßnahmen zur Bewältigung der Folgen der Coronavirus-Pandemie seien bislang vergleichsweise geringe Investitionen in Bildung und die zukünftigen Chancen der jetzt betroffenen Generation enthalten gewesen.
Leopoldina / mho