Schüler und Eltern vergeben insgesamt mittelmäßige Noten für das Homeschooling

Noch viel Luft nach oben

Zwei neue Studien haben untersucht, wie für Schüler und Eltern in den letzten Monaten das Homeschooling gelaufen ist. Die Ergebnisse überraschen nicht wirklich: Es herrscht viel Unzufriedenheit – besonders in Regionen, die digital ohnehin im Abseits stehen

Herausforderung Homeschooling: Wo Schulen und Familien technisch gut aufgestellt sind, lief es weitgehend gut. Doch unterm Strich ist die Anzahl unzufriedener Schüler und Eltern noch groß – insbesondere in östlichen Bundesländern © MT-R – stock.adobe.com ©MT-R - stock.adobe.com

Für ihre Jugend-Digitalstudie 2020 hatte die Postbank im April und Mai 2020 1.000 jugendliche Deutsche zwischen 16 und 18 Jahren repräsentativ befragt. In der Coronakrise stellen sie ihren Schulen ein uneinheitliches Zeugnis aus. Während jeder dritte Teenager mit den Online-Lernangeboten seiner Schule unzufrieden ist, schauen 59 Prozent der 16- bis 18-Jährigen positiv auf die digitalen Lernangebote ihrer Schulen. 
Während der Coronakrise zeigen sich die Defizite in Sachen Digitalisierung in Deutschland deutlich: Homeschooling ist für viele Schulen noch Neuland und vielerorts wird improvisiert. Das spüren auch die Schüler. Ihre Bilanz nach Monaten des Onlineunterrichts: Nur 13 Prozent der Jugendlichen sind sehr zufrieden.
„Auch wenn die Mehrzahl der Jugendlichen den digitalen Bildungsinhalten ihrer Schule positiv gegenübersteht, herrscht noch Handlungs- und Entwicklungsbedarf. Kindern und Jugendlichen in ihren Schulen zeitgemäße digitale Lernangebote machen zu können, ist essenziell für die Zukunft der jungen Generation. Das hat uns die Pandemie deutlich gemacht“, sagt Thomas Brosch, Chief Digital Officer der Postbank. „Schulen müssen offen sein für den digitalen Wandel, sie müssen über entsprechende Kompetenzen und Mittel verfügen. Nur dann können sie ihren Auftrag auch wirklich erfüllen. Dass Bildung in Krisenzeiten ausfällt, können wir uns als Gesellschaft nicht leisten.“

Große regionale Unterschiede

Schule ist Ländersache und der Fernunterricht je nach Bundesland recht unterschiedlich ausgefallen. Das zeigen auch die regional unterschiedlichen Ergebnisse der Studie. In den östlichen Bundesländern blieben die Schulen besonders weit hinter den Erwartungen der Schüler zurück. Knapp die Hälfte der Schüler ist mit den Homeschooling-Angeboten nicht zufrieden. Etwas besser versorgt fühlen sich die Jugendlichen in Süddeutschland. 64 Prozent der Schüler sind dort mit den Online-Lernangeboten gut gefahren.

Mehr Kritik von den Eltern

Eine Kurzstudie, die das Befragungsinstitut Civey mit dem Verein Digitale Bildung für Alle realisiert hatte, konzentrierte sich auf die Eltern. Auffälligstes Ergebnis: Nicht mal jede fünfte Person mit schulpflichtigen Kindern (19 Prozent) bewertet das digitale Bildungsangebot als gut, das die Kinder während der Coronapandemie genutzt haben. Rund 60 Prozent sind hingegen unzufrieden. Damit stellen Eltern den Schulen im Land ein schlechtes Zeugnis über das digitale Angebot aus.

Bremen ist Spitzenreiter

Auch in der Elternstudie zeigen sich regionale Unterschiede. So wird das digitale Angebot an Schulen in Bremen am positivsten eingeschätzt. Hier bezeichnen fast 30 Prozent der Befragten mit schulpflichtigen Kindern das digitale Angebot an Schulen als gut. Auch andere Länder wie Bayern (22,5 Prozent), Niedersachsen und Schleswig-Holstein (jeweils ca. 21 Prozent) weisen überdurchschnittlich mehr zufriedene Eltern auf als andere Bundesländer. Die größte Unzufriedenheit gibt es – analog zur Jugendstudie der Postbank – in den östlichen Bundesländern. In Sachsen-Anhalt etwa stuft nur jeder Zehnte das System als gut ein. „Hier ist eine genaue Analyse der Ländererfahrungen über die Sommerferien notwendig, um positive Konzepte zu stärken und Probleme dringend zu beheben. Nur so kann das neue Schuljahr mit Erfolg statt neuem Chaos starten“, sagt Janina Mütze, Gründerin und Geschäftsführerin von Civey, die die Daten erhoben haben.

Corona war der Startpunkt

Aus Sicht der Befragten darf die Zeit der Pandemie nicht nur mit digitalem Lernen überbrückt werden. Rund 72 Prozent der Personen mit schulpflichtigen Kindern fordern die Möglichkeit zu digitalem Unterricht auch über die Pandemie hinaus. Eine Rückkehr zum Status quo vor der Pandemie wird somit abgelehnt. Drei Viertel (77 Prozent) sind der Überzeugung, dass digitale Bildung langfristig eine stärkere Beachtung finden wird.
„Mit der Coronakrise haben wir ein nationales Bildungsexperiment durchlebt, das einhergeht mit rasantem Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn. Jetzt müssen wir schnell und unbürokratisch die digitale Infrastruktur an den Schulen schaffen, um überhaupt eine Grundlage für digitale Bildung zu haben. Und dann braucht es konkrete Positiv-Listen der Kultusministerien, welche Software, Plattformen und digitalen Inhalte die Schulen nutzen dürfen“, betont Verena Pausder, Gründerin von Digitale Bildung für Alle e. V.

Eltern erwarten Kompetenz und Computer

Wie die Erhebungen von Civey zeigen, erwarten Eltern vor allem, dass digitale Kompetenzen der Lehrkräfte gestärkt und die technischen Ausstattungen für Schüler und Lehrer verbessert werden. Rund 45 Prozent der Personen mit schulpflichtigen Kindern wünscht sich zudem, dass organisatorische Absprachen mit Lehrkräften einfacher funktionieren. 
Eine Herausforderung stellen auch die Datenschutzrichtlinien für Videokonferenzen dar. Tatsächlich sprechen sich rund 44 Prozent der Personen mit Kindern im Haushalt für eine Lockerung der Datenschutzrichtlinien aus, um mehr Hilfestellung beim Homeschooling möglich zu machen.
mho