Das Schweigen der Länder

„Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist Alles.“ Das Zitat stammt aus der Dankesrede von Robert Koch bei der Entgegennahme des Nobelpreises. Ich behaupte mal, diese Aussage gilt auch für einen Virus. Das Corona-Virus befällt den menschlichen Organismus und gefährdet insbesondere die Immunschwachen – Auswirkungen hat es aber nicht nur auf das menschliche System, denn in einem metaphorischen Sinne prüft es auch das Immunsystem unseres Bildungssystems.

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So stellt sich nach nun sechswöchiger Quarantäne die Frage: Welchen Befund können wir treffen? Und weiterhin: Handelt es sich bei unserem Schulsystem um einen agilen oder fragilen Organismus?

Bevor wir zur Diagnose kommen, ein Zeitsprung zurück ins Jahr 2012. Unter dem Titel „Lernlust statt Schulfrust – Wie wir unsere Kinder neu begeistern“ findet in der Zeit vom 19.01. bis 28.01.2013 eine bundesweite Roadshow der Initiativen „Schule im Aufbruch“ und „Bildungsstifter“ statt. Einer der Initiatoren ist Prof. Gerald Hüther, er sinniert in seinem Impulsvertrag bei der Veranstaltung in Dortmund darüber, um welches System es in Deutschland wohl schlechter bestellt ist, um das Bildungs- oder das Gesundheitswesen. Und er prognostiziert, dass mindestens eines von beiden in den folgenden 5-6 Jahren zusammenbrechen wird, er wolle aber nicht darauf wetten, welches zuerst. Als Bildungsredakteur beschäftigt mich seit nahezu 25 Jahren das Thema Digitalisierung und Schule, anfangs mit dem Fokus „Digitale Medien in der Schule“.Vor etwa fünf Jahren begann ich, die Perspektive zu ändern und die Frage nach der Rolle von Schule in einer digitalen Welt zu fokussieren. Will sagen: Seit 25 Jahren sammelt das System Schule Erfahrungen mit der Digitalisierung, ausreichend Zeit, sich für das digitale Zeitalter zu rüsten, oder? Das Zeitalter für das Schule ursprünglich entwickelt wurde, – das Industriezeitalter – das ist mittlerweile Geschichte. Vielleicht hat mich der Vortrag von Gerald Hüther so berührt, weil der Zusammenbruch des alten Schulsystems sowohl das Potential für eine Utopie als auch Dystopie enthält.

Wir schreiben das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie ist der Stresstest schlechthin für unser Gesundheits- und Bildungswesen. Stand Ende April 2020 hat das Gesundheitswesen die größte Herausforderung seit der Gründung der Bundesrepublik gemeistert:

Es gibt ausreichend Intensivbetten, Anerkennung in Form von Prämien für das Pflegepersonal, Schutzkleidung, Beatmungsgeräte … Der Bund kümmert sich.

Aber wie fällt der Befund für unser Schulsystem aus?

Am 13.03.2020 wurden die Schulen ins künstliche Koma versetzt, an die Erfüllung des Bildungsauftrags in der Corona-Krise ist nicht zu denken. Wochenlang werden Placebos in hohen Dosen verteilt mit der Aufschrift ‚Arbeitsblätter’. In der Packungsbeilage (MSB NRW Umgang mit dem Corona-Virus an Schulen – 9. Mail) heißt es dazu, Zitat: „... Aufgrund von vermehrten Nachfragen stelle ich klar, dass es sich bei den nun bis zum Beginn der Osterferien von Lehrerinnen und Lehrern zur Verfügung gestellten Materialien und Aufgaben ...  nicht um Inhalte von Prüfungsrelevanz handeln kann. ... Eine Leistungskontrolle oder Leistungsbewertung ist damit nicht verbunden.“

In den Krankenhäusern wird bei Ausbruch der Pandemie sehr schnell klar, wir brauchen Beatmungsgeräte, Intensivbetten, Schutzmasken und -kleidung.

In den Schulen ist die Liste des Krisenbedarfs nicht wesentlich länger.

Die Must-haves:

  • Messenger (ähnlich WhatsApp oder SchoolFox für die Kommunikation in Gruppen mit Schülern, Eltern und Kollegium)
  • Cloud-basiertes Medienmanagement für Lern-Content (ähnlich lo.net, itslearning oder MSNpro)
  • Videokonferenz-Tool zur Online-Kommunikation (ähnlich Microsoft Teams, Zoom oder Webex)

Das Ganze bitte in einer einzigen Anwendung, einer DSGVO konformen Cloud und mit einer integrierten App, die die Basisfunktionen auch via Smartphone ermöglicht.UND: in Trägerschaft und Kooperation der Länder und des Bundes!

Nice-to-haves:

  • Kollaborations-Tools (ähnlich Breakrooms und Whiteboard in Zoom, bitpaper.io oder Padlet)
  • Mehrsprachigkeit
  • Integration digitaler Lehrwerke von Schulbuchverlagen und externen Anbietern
  • Video-Upload und Streaming-Plattform für Flipped Classroom und Schüler-Videos

Könnte die mit Mitteln des Bundes finanzierte Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts die Lösung sein?

In einem offenen Brief vom 16.04.2020 an die Bundesbildungsministerin Karliczek von fünf Anbietern kommerzieller Lösungen heißt es unter anderem:

„Das Projekt HPI Schul-Cloud zögert die Digitalisierung von Schule weiter hinaus. Anstatt auf funktionierende Lösungen am Markt zu setzen, warten Schulen und Träger auf das vermeintlich kostenlose Allheilmittel vom Bund. Die Folgekosten und konzeptionellen Einschränkungen, wie die Ausrichtung des Produktes auf wenige Kernfunktionen für den Unterricht, werden dabei verschwiegen.

Mit der rein singulären Förderung von einzelnen, prominenten Institutionen verletzt das BMBF das Subsidiaritätsprinzip und fügt den mittelständischen Anbietern erhebliche finanzielle Schäden zu. Diese Mittel fehlen bei der Weiterentwicklung der etablierten Lösungen.“

Die Unterzeichner: AixConcept GmbH DigiOnline GmbH, H+H Software GmbH, IServ GmbH, itslearning GmbH und SBE network solutions GmbH.

Soweit die Meinung kommerzieller Anbieter. Mir liegt es fern, in diesem Konflikt Partei zu ergreifen. Ich bin ein Freund von sportlichem Wettbewerb, aber wer spielt denn da gegeneinander auf dem Feld? Das Team „Kommerz“ steht auf der einen Seite. Einige Spieler wurden bereits oben erwähnt und wer steht ihnen als Team „Länderauswahl“ gegenüber? Ella aus BaWü musste als Sportinvalidin die Kariere schon sehr früh an den Nagel hängen, die Musterlösung ist in den Amateursport gewechselt und Logineo befindet sich weiterhin im Dauertrainingslager, mebis ist nach einem brutalen Foul noch verletzt, soll aber wieder spielfähig sein - die Schul-Cloud wird auf dem Transfermarkt heiß gehandelt, noch ist allerdings unklar, ob die Spiellizenz erteilt wird und wer das Gehalt zahlt. Moodle bleibt ein ewiges Talent und spielt wohl weiter in der zweiten Mannschaft. Das nennt man dann wohl Geisterspiel.

Meine ganz persönliche Meinung: Wenn Bildung auch nur annähernd so etwas wie „systemrelevant“ ist, dann sollte eine digitale Infrastruktur von Bund und Ländern neben der Hardware auch die Clouddienste mit den bereits genannten Must-haves zur Verfügung stellen. Aber auch nicht mehr.

Für die Nice-to-haves (zusätzliche Funktionen) und Integration von Lernmedien (kommerziell und freiverfügbar) sollten Schnittstellen geschaffen werden, so dass Schulen oder Schulträger nach ihren Bedürfnissen „aufrüsten“ können.

Bedauerlicherweise fehlt mir selbst für die Realisierung eines solch „niederschwelligen“ Angebots seitens der Länder der Glaube, so dass die Schulträger, also die Kommunen, einspringen müssen, wenn sie die Schulen nicht völlig allein im Regen stehen lassen wollen, denn die haben aktuell nur drei Möglichkeiten:

  • Behördenerlasse von oben befolgen, die die Probleme an die Schulen delegieren und nicht selten behindern … sich ansonsten dem Schweigen und Aussitzen anschließen, und natürlich: Placebos verteilen, sprich Arbeitsblätter streuen und so tun, als ob das „digitaler Unterricht“ wäre.
  • freie Tools nutzen, den Datenschutz ausblenden, sich über Twitter und in den gescholtenen sozialen Medien gegenseitig unterstützen und helfen, die vielen vorübergehend kostenlosen aber ansonsten kostenpflichtigen Angebote nutzen, um ein Mindestmaß an Bildungs- und Erziehungsauftrag in Eigenverantwortung zu stemmen.
  • das Thema „Schule in der digitalen Welt“ strukturiert und nachhaltig anpacken und klären: Was brauchen wir auch nach Corona an digitaler Infrastruktur im erweiterten Sinne (s.o.), wer kann uns dabei professionell unterstützen und wie können die Ressourcen dafür dauerhaft zur Verfügung gestellt werden? Corona als Kick-Off für eine agile Schule.

Was mich zuversichtlich macht: Immer mehr Schulen entwickeln sich Woche für Woche weiter in Sachen „Digitaler Unterricht“, arbeiten zunehmend kollaborativ, eignen sich neue Kompetenzen in Eigenverantwortung an, oft in o.g. Reihenfolge. Je länger Corona die Schulen zu digitalen Hilfskonstrukten zwingt, umso mehr können Schulträger, Bund und Länder auf diese neu gewonnene Expertise der Schulen aufbauen – oder müssen sie fürchten.