Neue Perspektiven für die Digitalisierung der Schule?

Bildungsort Schule stärken

Wird Hybridunterricht ein vorübergehendes Phänomen sein oder eine Option für zukünftiges Lehren und Lernen? Erleben wir aktuell einen nachhaltigen Schub für die Digitalisierung und wird er die Rolle von Schule als Ort des Lernens verändern? bildungSPEZIAL fragte nach – bei Sandy Jahn von der Initiative D21, Hannes Schwaderer, Country Manager der Intel Deutschland GmbH und Dr. David Klett von der Klett Lernen und Information GmbH.

Homeschooling im Garten. Nicht alle Schülerinnen und Schüler haben zu Hause die nötige Unterstützung und so gute Lernbedingungen. © stock.adobe.com/spass

bSP: Welche Kompetenzen benötigen wir zukünftig mehr, welche weniger? 

Jahn: Um dies zu beantworten, müssen wir uns zunächst die Frage stellen, wie die Welt, in der wir lernen, arbeiten und leben, sich in den nächsten Jahren verändern wird. Betrachtet man die Entwicklungen der letzten 20 Jahre, ist es sehr wahrscheinlich, dass 

  • wir in Zukunft noch stärker miteinander vernetzt sein werden, und zwar in allen Lebensbereichen,
  • die Menge an Informationen und die Geschwindigkeit, mit der diese auf uns treffen, weiter zunehmen wird,
  • die Arbeitswelt sich weiter im Wandel befinden wird und Jobs und Branchen verschwinden werden, während stetig neue entstehen,
  • wir noch stärker in diversen Teams arbeiten werden, die verschiedenste Sprachen, kulturelle, soziale und fachliche Hintergründe, Arbeitsorte und Zeitzonen abbilden.

Wir benötigen zukünftig mehr Kompetenzen, die uns helfen, diesen Herausforderungen und Umständen auch gerecht werden zu können. Es gibt mittlerweile zahlreiche Abhandlungen und Frameworks dazu, welche Kompetenzen im 21. Jahrhundert essenziell sind. Dazu gehören Modelle wie das 4K-­Modell, der Europäische Rahmenplan zu digitalen Kompetenzen von Bürgerinnen und Bürgern, das Framework des World Economic Forums zu den acht digitalen Kompetenzen oder auch das Future-Skills-Framework, welches im Hochschul-Bildungs-Report 2020 formuliert wurde. All diese Modelle greifen einige oder alle der sogenannten 21st Century Skills auf. Diese umfassen zumeist Kompetenzen aus den Bereichen Lernen und Innovation (kritisches Denken und Problemlösen, Kreativität und Innovation, Zusammenarbeit und Kommunikation), Digitalisierung (Informationskompetenz, Medienkompetenz, Technologiekompetenz) sowie Berufs- und Lebenskompetenzen (Anpassungsfähigkeit, Führungskompetenz und Verantwortungsbewusstsein, Selbststeuerung, Zuverlässigkeit, soziale und interkulturelle Kompetenzen).

Die Welt von heute ist eine andere als noch vor 50 Jahren – vor allem im Arbeitsleben wird dies deutlich. Nach dem Ende der schulischen und beruflichen Ausbildung einen Job zu finden, den man bis ans Ende seines Arbeitslebens ausübt, erscheint heutzutage den meisten Menschen völlig unvorstellbar. Fähigkeiten wie Adaptionsfähigkeit, Selbststeuerung, Kreativität oder Problemlöse­fähigkeiten ermöglichen es, sich in dieser zum Teil volatilen Arbeitswelt zu behaupten. Vor allem dann, wenn sie Hand in Hand gehen mit der Fähigkeit, etablierte und neue Technologien zu nutzen und sich die Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung zu eigen zu machen.  

Schwaderer: Um eine digitale Lernkultur in Deutschland zu etablieren und auch auf zukünftige Ausnahmesituationen vorbereitet zu sein, ist eines besonders wichtig: Lehrkräfte sollten offen für Neues sein und die Chancen nutzen, die moderne Technologien bieten.

Herr Dr. Klett, Stichwort „digitale Lernkultur“, Corona wird vermutlich noch länger die Gestaltung von Schule und Unterricht beeinflussen. Drei Szenarien stehen dabei aktuell im Fokus:

  • zurück zum Präsenzunterricht 
  • zwischen Präsenz- und Fernunterricht wechseln
  • Fernunterricht als Regelfall, falls es zu einer zweiten Infektionswelle kommt.

Klett: Diese oft genannten Szenarien erzeugen nach meiner Ansicht eher eine Scheinklarheit. Sie legen nahe, dass wir uns in einem dieser drei Szenarien wiederfinden und dann entsprechend handeln. Ausgehend von den Erfahrungen der letzten Monate werden die meisten Schulen versuchen, sich als Bildungsort flott zu halten und möglichst viele Schülerinnen und Schüler möglichst lange in die Schule zu bringen. Gleichzeitig müssen wir damit rechnen, dass lokale Ausbrüche dafür sorgen, dass Schulen ganz unerwartet schließen müssen. Aus dieser Perspektive gibt es eben nicht die Variante 1, 2 oder 3, vielleicht eher Phasen der Hoffnung, in 1 bleiben zu können, während man sich gezwungen sieht, in 2 zu gehen, um dann für eine längere Zeit in 3 zu landen. Und wieder zurück. Da das lokale Infektionsgeschehen nicht planbar ist, sieht sich die Schule gezwungen, zwischen Zuständen zu oszillieren. Ich glaube, das wird für viele Schulen die Realität sein und dieses Oszillieren bedeutet die eigentliche Schwierigkeit: das schnelle Wechseln, das unerwartete Wechseln. Zudem rechne ich damit, dass Schulen in der zweiten Jahreshälfte mit ganz vielen Problemen zu kämpfen haben werden, die wir zum Teil noch nicht kennen und die sich nicht unter dieses 123-Schema bringen lassen.

Brauchen wir eine neue Lernkultur, die die Schülerinnen und Schüler stärker in den Mittelpunkt stellt?

Klett: Ihr Hinweis auf Schülerzentrierung und neue Lernkultur zielt vermutlich auf die Hoffnung, dass Schülerinnen und Schüler mit den aktuellen Herausforderungen besser zurechtkommen, wenn sie über hohe Selbststeuerungskompetenz und Eigenständigkeit im Lernprozess verfügen.

Der Vorwurf einer zu großen Lehrerzentrierung dürfte fast so alt sein wie die Schule selbst. Und auch die Forderung nach einer Lernkultur, in der der Schüler als Agent seines Lernprozesses mehr begleitet als beschult wird, ist nicht neu. Sollte das eine Lösung für die Probleme sein, die wir aktuell haben, dann wird sie sich nicht schnell genug umsetzen lassen. Vorwurf und Forderung in die genannte Richtung scheinen mir an den sehr konkreten und zum Teil existenziellen Fragestellungen, die Lehrerinnen und Lehrer gerade täglich bewältigen müssen, eher vorbeizugehen.  
Ich meine, die aktuelle Zeit lehrt uns weniger die Wichtigkeit einer stärkeren Schülerzentrierung oder auch die großen Chancen der digitalen Bildung. Was wir erkennen, ist die Bedeutung des Bildungsorts Schule. Ich glaube, wir lernen gerade, wie unglaublich wichtig dieser Ort ist, ganz besonders mit Blick auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Es gibt Eltern mit einem breiten Bildungs­hintergrund, die sich Zeit nehmen für ihre Kinder und sie unterstützen, deren Kinder ein eigenes Zimmer, einen eigenen Schreibtisch und ein digitales Endgerät haben. Aber wenn sich drei, vier Kinder eine Küche zum Lernen teilen müssen, es keine Computer gibt und die Eltern vielleicht keinen solchen Bildungshintergrund oder einfach keine Zeit haben, dann bleiben diese Kinder auf der Strecke.

Der Bildungsort Schule ist genau der Ort, der diesen Unterschied ausgleichen muss und ausgleichen kann. Für mich bringt diese Krise zunächst einmal die Botschaft, dass wir die Schule als Bildungsort stark machen müssen, wenn wir es mit der Bildungs­gerechtigkeit ernst meinen. Wenn wir mit der Erkenntnis aus der Krise herausgehen, dass Kinder auch an vier Tagen zur Schule gehen und am fünften zu Hause am Computer arbeiten, dann machen wir etwas falsch. Damit sage ich mitnichten etwas gegen mehr Computereinsatz in der Schule oder zu Hause. Ich sage nur: Der Bildungsort Schule muss gestärkt werden, das ist mir das größte Anliegen zurzeit.

Medienmix: Schulbücher können als klassisches Buch oder als E-Book im Unterricht eingesetzt werden – neben­einander oder alternativ. © Ernst Klett Verlag

Unabhängig von der Corona-Krise wird Technik in der Bildung zunehmend eine Rolle spielen, aber welche? Stichwort: Technikfortschritt oder künstliche Intelligenz …

Jahn: Bei dieser Frage müssen zwei verschiedene Perspektiven eingenommen werden. Zum einen müssen wir uns die Frage stellen, wie sich Bildungsinhalte durch technologischen Fortschritt verändern werden. Für die zukünftige ökonomische wie auch gesellschaftliche Teilhabe wird es unerlässlich sein, Kompetenzen im Umgang mit Technologie und einer digitalisierten Welt zu erwerben. Am Arbeitsmarkt sind zunehmend Fähig­keiten gefragt, die für die Gestaltung und den Umgang mit transformativen Technologien (künstliche Intelligenz, Blockchain, Quantencomputing) notwendig sind. Aber auch für die gesellschaftliche Teilhabe wird es zunehmend wichtiger, sich Wissen digital erschließen zu können oder He­rausforderungen durch digitale Tools und Anwendungen zu lösen. Die Bedeutsamkeit von Technologie und Digitalisierung als Bildungsinhalt nimmt stetig zu, vor allem im Hochschulbereich.

Aber auch in der schulischen und beruflichen Bildung nehmen diese Inhalte eine immer wichtigere Rolle ein. So hat die Kultusministerkonferenz bereits 2016 mit ihrem Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ einen Grundstein für die Vermittlung von Kompetenzen für ein Leben in der digitalen Welt gelegt. Nichtsdestotrotz bleibt es eine wichtige Aufgabe unseres Bildungs­systems, jetzige und zukünftige Generationen zu befähigen, sich sicher und selbstbestimmt in der digitalisierten Welt zu bewegen und neue Technologien mit all ihren Möglichkeiten und auch Risiken zu verstehen.

Zum anderen müssen wir uns aber auch damit auseinandersetzen, wie Technologie die Vermittlung von Bildungsinhalten verändert. Durch Möglichkeiten adaptiver Lernsysteme und Methoden künstlicher Intelligenz verändert sich, wie wir in Zukunft lernen. Es wird dadurch möglich, Schüler sehr viel individualisierter mit ihren Fähigkeiten, Lerngeschwindigkeiten, Präferenzen und auch Interessen anzusprechen. Derzeit ist es häufig so, dass Lehrkräfte einen Lernbereich, z. B. Bruchrechnen, mit einer bis zu 30 Kopf starken Klasse besprechen. Nach einigen Stunden hat eine Hälfte der Klasse verstanden, wie Bruchrechnen funktioniert, und könnte weitergehen im Stoff. Doch die andere Hälfte hat es noch nicht verstanden. Wie soll die Lehrkraft vorgehen? Entweder sie riskiert, dass eine Hälfte der Klasse sich langweilt und nicht gefordert wird. Oder sie verliert die andere Hälfte, die nicht angemessen gefördert wird.

Hier können neue Technologien unterstützen, indem sie individualisierte Lernpläne erstellen, Lernstände regelmäßig standardisiert erfassen und der Lehrkraft wichtige Hinweise geben, welche Schüler besondere Unterstützung brauchen. Auch können sie eine Entlastung der Lehrkraft darstellen, sodass diese sich stärker der Förderung und Forderung einzelner Schüler widmen kann. Derzeit ist die Bedeutsamkeit dieser Entwicklung in Deutschland leider noch viel zu gering. Andere Länder sind schon sehr viel weiter, wenn es darum geht, entsprechende Technologien (Hard- und Software) in ganzheitliche Lehr- und Lernkonzepte sowie Raumkonzepte einzubetten. Diese Länder hatten entsprechend auch besserer Voraussetzungen, um auf die Corona-Krise und die damit verbundenen Herausforderungen für das Bildungssystem zu reagieren.

Eine fundierte und gut aufbereitete Orientierung auch für deutsche Bildungseinrichtungen stellt die Europäische Kommission mit ihrem Rahmenplan für digital kompetente Bildungseinrichtungen zur Verfügung. Dieser besteht aus den sieben Kernbereichen Führung und Steuerung, Lehren und Lernen, Weiterbildung, Monitoring und Evaluation, Curricula und Lehrinhalte, Zusammenarbeit und Netzwerken und Infrastruktur. 
 

Streit ums Notebook. Wenn sich Geschwister ein Notebook und den Arbeitsplatz teilen müssen, wird das Lernen zu Hause zum Problem. © iStockphoto.com/Imgorthand

Schwaderer: Aus unserer Sicht ist es wichtig, vor allem jungen Menschen die Thematik künstlicher Intelligenz (KI) näherzubringen. Daher arbeitet Intel gemeinsam mit zertifizierten Partnern am Programm Intel® AI For Youth, das deutschlandweit an Schulen angeboten werden soll. In Form eines ganzheitlichen Trainings zielt die Initiative darauf ab, 13- bis 19-Jährige auf eine zunehmend von KI geprägte Zukunft vorzubereiten. Die Jugendlichen sollen ein tiefgreifendes Verständnis für die Technologie entwickeln und sowohl technische als auch soziale Kompetenzen erwerben. Mithilfe von KI-Tools lernen die Jugendlichen, Lösungen mit sozialer Wirksamkeit zu entwickeln. Dies stärkt die KI-relevanten Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern und trägt auch dazu bei, KI zu entmystifizieren.

Die Materialien für das Programm werden den Partnern und Lehrkräften kostenfrei zur Verfügung gestellt, nur eine kostenlose Lizenzierung ist Voraussetzung. Es besteht auch keinerlei Pflicht, den Firmennamen Intel im Unterricht zu verwenden oder anderweitige Intel-Technologie (HW, SW) zu nutzen.

Herr Dr. Klett, in der Corona-Krise scheint die Digitalisierung der Schule Schwung zu bekommen. Meinen Sie, dass das so bleiben wird? Oder wird die Schule nach der Krise wieder die alte?

Klett: Klagen darüber, dass die Digitalisierung in der Schule in Deutschland nicht schnell genug geht, verbinden sich in der Regel mit zwei Forderungen. Die eine verlangt mehr Kompetenz der Kinder im Umgang mit digitalen Medien, die andere erwartet, dass in allen Fächern mit digitalen Medien und Endgeräten ganz selbstverständlich gelernt und gearbeitet wird.

Schulen taten sich in der Vergangenheit mit diesen Forderungen unterschiedlich schwer. Mehr Medienkompetenz finden die meisten richtig, sie lässt sich aber leicht an eine engagierte Lehrkraft oder eine AG delegieren. Die Frage, ob man mit digitalen End­geräten besser Geschichte, Deutsch, Mathe oder Physik unterrichten kann, ist strittiger. Während die einen hier effizienteres, lustvolleres oder eigenständigeres Lernen erkennen, halten das andere für schlicht nicht notwendig. Die Rea­lität gibt ihnen ja auch ein Stück weit recht, man kann auch ohne Computer Physik unterrichten. Interessanterweise ist die sich aktuell beschleunigende Digitalisierung der Schule keine Antwort auf diese zwei Forderungen. In der Corona-Krise musste eine dringlichere Frage beantwortet werden: Wie kann überhaupt Schule stattfinden? Wie kann ein Lernprozess stattfinden, wenn Lehrende und Lernende sich nicht mehr begegnen können? Und hier war der Computer die Lösung. Das heißt, der Computer musste und muss ein akutes Problem lösen, das wohl gar nicht anders zu lösen ist. Wenn man so draufguckt, dann ist es eine verhältnismäßige offene Frage, ob der Computer in den nächsten Jahren und auch nach der Krise diesen neuen Stellenwert in der Schule behalten wird. Es kann sein, dass die Beteiligten so viele positive Effekte beim Einsatz von digitalen Endgeräten entdeckt haben, dass sie sie nicht mehr missen wollen. Viel wird hängen bleiben, aber es wird vielleicht nicht alles hängen bleiben. 

Und was können Schulmedienverlage in dieser Phase tun, um Schulen zu unterstützen?

Klett: Ich komme noch einmal zurück auf die aufreibende Oszillation zwischen verschiedenen Unterrichtsformen, also zwischen Präsenz­unterricht, Homeschooling, dem schnellen und oft unerwarteten Wechsel zurück. Ich meine, Bildungsmedienanbieter müssen diese Oszillation mitgehen und Lehrkräfte dabei unterstützen. Die Verbindung zwischen den genutzten klassischen Medien und ihren digitalen Komplementären muss einfach und für Lehrkräfte und Schüler transparent sein. Ein sich aufbauender Lernprozess darf nicht abreißen, weil man plötzlich wieder zusammenkommt oder nicht mehr zusammenkommen darf. Hier können Bildungsmedien helfen.

Sie sind allerdings nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist eine funktionierende Kommunikation. Und da lagen am Anfang der Krise die größten Schwierigkeiten für die Schule. Erst wenn Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und Eltern miteinander einfach asynchron, zeitlich ungebunden, räumlich ungebunden und verlässlich miteinander kommunizieren können, dann kann Schule auch in der Krise gelingen.

Ein schöner und passender Schlusssatz. Einen herzlichen Dank in die Runde.

Das Interview führte Jürgen Luga, freier Bildungsredakteur.