Schule und Lehrkräfte tragen große Verantwortung für die Vermittlung von Zukunftsthemen

"Es müsste ein Fach 'Klimawandel' geben"

In der Schule den unaufhaltsamen Weltuntergang zu predigen, wird am Klimawandel nichts
ändern, sondern führt nur zu Fatalismus, ist sich Meteorologe und Moderator Sven Plöger
sicher. Wichtiger ist es, Kinder früh an das Thema heranzuführen und ihnen klar zu machen,
dass große Herausforderungen vor ihnen liegen

Velo statt Elterntaxi: Den Schülern muss bewusst (gemacht) werden, dass auch sie selbst aktiv für den Klimaschutz handeln können – etwa, indem sie umweltfreundlich zur Schule radeln. ©Irina Schmidt - stock.adobe.com

Schule und Lehrkräfte tragen große Verantwortung für die Vermittlung von Zukunftsthemen?

Ich habe mich schon als kleines Kind für das Wetter begeistert. Damals habe ich auch ein riesiges Gewitter im Spätsommer erlebt, mit einem heftigen Blitzeinschlag in einem nahen Stromverteilerhäuschen. Das war ein fürchterlicher Knall. Und das ist mir sehr in Erinnerung geblieben. In der 3. Klasse hatten wir die Unterrichtsreihe „Wetter“. Wir mussten Temperaturen ablesen, Regenmengen messen und Wolken beobachten. Ich habe das voller Eifer gemacht und hatte irren Spaß. Ich habe auch nicht aufgehört, als die Unterrichtsreihe nach einer Woche vorbei war. In der 7. Klasse haben dann alle geahnt: Der macht mal was mit Wetter. Vom „Klima“ habe ich damals noch gar nichts gewusst und es war in der Zeit auch noch kein Thema. 

Wie würden Sie Kindern den Unterschied zwischen Wetter und Klima erklären?

Ich würde ihnen klarmachen, dass sie das Wetter fühlen und erleben können. Es ist das, was jeden Tag passiert: Mal ist es kalt, mal heiß, mal nass und mal schneit‘s. Ich würde den Kindern an einer Wetterstation zeigen, wie sie es messen und beobachten können. Das Klima können sie im Unterschied zum Wetter nicht fühlen, weil es die Wetterveränderung über längere Zeit ist –
gleichzeitig und an allen möglichen Orten auf dem Globus. Klima zeigt sich in der Statistik des Wetters. Und falls die Schüler für Statistik noch zu jung sind, würde ich ihnen Bilder von Gletschern vor 100 Jahren und von heute zeigen oder Satellitenfotos vom Eis der Arktis. Dann sehen sie, wie das Klima über lange Zeit Dinge verändert.

Wenn Schülerinnen und Schüler Klima im Alltag nicht erleben können, wie würden Sie ihnen dann vermitteln, dass sie selbst vom Klimawandel betroffen sind?

Schüler sollten verstehen, dass der Mensch einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, allerdings oft in Regionen, in denen er das nicht selbst sieht. Daher kann schnell das Gefühl entstehen: Der Klimawandel existiert gar nicht. Man muss den Jugendlichen deutlich sagen, worum es geht und worauf es hinausläuft: „Ihr seid am längsten auf diesem Planeten, ihr werdet am meisten von diesen Veränderungen erleben. Das ist ein bisschen ungerecht, weil wir und unsere Vorfahren diese Veränderungen ausgelöst haben.“ Man muss bei seinen Erklärungen nicht untertreiben, ich würde aber sehr deutlich machen, dass uns noch Zeit bleibt. Wenn wir nur die Apokalypse vermitteln und sagen „es geht sowieso alles unter“, können wir eigentlich nur noch Fatalismus auslösen. Die Schüler
denken dann: Es ist eh zu spät, warum sollen wir jetzt was machen.

Wissenschaft goes YouTube

Schüler engagieren sich in der Fridays-for-Future- Bewegung, der YouTuber Rezo erregt Aufsehen mit einem Video über Versäumnisse in der Klimapolitik: Junge Menschen schalten sich verstärkt in die politische Debatte über Umweltschutz ein. Zum Welterschöpfungstag, der in diesem Jahr auf den 29. Juli fiel, machten der WWF Deutschland und die Bildungsinitiative MESH Collective des Online-Video-Unternehmens Divimove mit der #Earth-OvershootDay-Kampagne auf die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen aufmerksam. YouTuber haben gemeinsam mit  Wissenschaftlern und Jugendlichen seit dem letzten Welterschöpfungstag acht YouTube-Videos rund um die Frage „Wie lebe ich in den Grenzen des Planeten?“ produziert. Zum Abschluss veröffentlichte die YouTuberin „breedingunicorns“ ihren Beitrag zum Thema Upcycling. „Wir treiben unsere Erde ans Limit. Gerade junge Menschen wollen das ändern – und zwar auf Grundlage wissenschaftlich belastbarer Fakten. Sie haben es satt zu hören, sie hätten keine Ahnung und könnten nichts tun“, bilanziert Bettina Münch-Epple, Bildungsexpertin WWF Deutschland die Resonanz auf die YouTuber-Reihe.

Kooperation mit Klimaforschern

Für die von der Robert Bosch Stiftung GmbH geförderte Kampagne #EarthOvershootDay sammelten Jugendliche Themen, die sie mit Blick auf die Frage „Wie lebe ich in den Grenzen des Planeten?“ besonders interessieren. In einem zweiten Schritt stellten Wissenschaftler, etwa vom Alfred-Wegener-Institut und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dazu jeweils den fachlichen Input für einzelne YouTuber zusammen. NiksDa, MrTrashpack, Joseph DeChangeman, I’m Jette, fraeuleinchaos, RobBubble, Dillan White, Typisch Sissi und breedingunicorns bereiteten die Informationen dann für ihre Fans und Follower auf. Die Influencer sprechen unter anderem über Wetterextreme, Plastikmüll, nachhaltige Mode, Fleischkonsum und die Gletscherschmelze. „Die YouTuber-Videos bringen wissenschaftliche Fakten genau dorthin, wo viele Jugendliche sich informieren. Sie geben ihnen zudem wichtige Tipps für den Alltag, wie sie nachhaltiger leben und die natürlichen Ressourcen schonen können“, unterstreicht Dr. Katrin Rehak, Bereichsleiterin Wissenschaft der Robert Bosch Stiftung die Idee hinter der Videoreihe.

Die bisher veröffentlichten Videos wurden rund 330.000-mal angeklickt. Im Durchschnitt bekamen die Beiträge von 97 Prozent der Nutzer eine positive Bewertung. Unter den Beiträgen entwickelten sich in über 4.000 Kommentaren Diskussionen zu den Umweltthemen.

Hintergrund Earth Overshoot Day

Der Earth Overshoot Day steht symbolisch für den Tag im Jahr, an dem die Menschheit ihre natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat – für den Rest des Jahres lebt sie sozusagen auf Pump. Dieses Jahr fiel der Earth Overshoot Day auf den 29. Juli, das bisher früheste Datum. Der EU-Erschöpfungstag lag am 10. Mai, Deutschland hatte seinen Overshoot Day bereits am 3. Mai.

Die Berechnungen zum Welt- und EU-Erschöpfungstag sowie den nationalen Overshoot Days gehen auf das Konzept des Ökologischen Fußabdrucks zurück. Er weist aus, wie viel Fläche nötig ist, um alle Ressourcenbedürfnisse inklusive der Energieversorgung zu gewährleisten.

www.bosch-stiftung.de

Was sind die wichtigsten Dinge, die Schülerinnen und Schüler über den Klimawandel wissen müssen?

Ich bin der festen Meinung, dass man Kinder so früh wie möglich an das Thema heranführen muss, aber aufpassen sollte, es nicht zu ideologisieren. Der Klimawandel sollte einfach und nach aktuellem Erkenntnistand beispielsweise im Physikunterricht beschrieben werden. Andererseits gehört das Thema auch in die sozialen Fächer wie den Politikunterricht, wo der Klimawandel als gesamtgesellschaftliche Aufgabe behandeltwerden kann. Man sollte sich einfach mal praktisch überlegen, was unsere Gesellschaft mit 7,5 Milliarden Menschen tun kann. Wir nutzen jedes Jahr das 1,6-fache der Ressourcen auf diesem Planeten und wir haben nur einen. Eigentlich müsste es ein eigenes Fach „Klimawandel“ geben.

Wie könnten Lehrkräfte und Eltern mit gutem Beispiel vorangehen?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was man denkt und der Art, wie man handelt. Um ein einfaches Beispiel zu geben: Ich bin als Kind sehr viel Fahrrad gefahren, sonst kam ich gar nicht zur Schule oder zu Sportfesten. Heute werden Kinder oft mit großen Fahrzeugen, also SUVs, durch die Gegend gefahren. Da geht es um das Bewusstsein für den Verbrauch: Brauchen wir ein Riesenauto? Wie viel Benzin verbraucht es? Muss ich das Auto so oft benutzen? Man sollte Einsparmöglichkeiten mit den Kindern und Jugendlichen durchgehen. Vielleicht wollen sie selbst wissen, wie der Energieverbrauch ist, wie viel Geld sie sparen können. Mir ist bloß wichtig, dass wir das Richtige tun, egal, aus welchen persönlichen Beweggründen. Wenn jemand aus reinen Sparargumenten keinen SUV kauft, dann ist das für mich auch super, weil er das Richtige tut.

In den letzten beiden Sommern gab es ziemlich oft Hitzefrei. Müssen sich Schulen in Zukunft darauf einstellen?

Ja. Es wird mehr Hitzewellen durch den Klimawandel geben. 2018 war eine Blaupause für zukünftige Jahre, auch wenn nicht jedes Jahr so werden wird. Möglicherweise wird das nächste richtig nass, weil ein Tiefdruckgebiet über Deutschland stehen bleibt. Dann haben wir Hochwasser und Überschwemmungen. Das Wetter wird auf jeden Fall extremer und im Flächenmittel heißer. Wenn man die Regeln nicht ändert oder die Schulen immer weiter klimatisiert, wird es häufiger Hitzefrei geben.

Weitere Informationen: www.didacta.de

Nicht die Apokalypse vermitteln, sondern Chancen und Handlungsoptionen: Der Meteorologe und Moderator Sven Plöger tritt für ein fächerübergreifendes Fach „Klimawandel“ ein (Foto: Sven Mandel).