Prag hat viele Gesichter

Mütterchen mit Krallen

Es ist schon manchmal ein Kreuz mit den Schülern. Da bekommen sie Gelegenheit, eine der schillerndsten Metropolen Europas kennenzulernen und ihnen fällt nichts besseres ein, als sie nach den Preisen für Junk-Food, Bier und Halligalli zu beurteilen.

Ein Panoramblick auf die "goldene Stadt" Prag.
Foto: Julius_Silver/ Pixabay

Jedenfalls bekommt man diesen Eindruck, wenn man sich durch Teenie-Foren im Internet klickt. Klassenfahrten nach Prag, heißt es dort öfters, seien einerseits öde, weil es immer nur um Geschichte und Kultur geht, um Museumsbesuche, Hradschin-Besteigungen und Moldaublicke von der Karlsbrücke. Aber andererseits: das Night­life – ja, das ist schon was. Doch Obacht, dass man nicht über den Tisch gezogen oder beklaut wird!

Leider eine sehr einseitige Sicht auf eine Stadt, die weitaus mehr zu bieten hat als eine reiche Club- und Musikszene und wie in allen Großstädten dubiose Halbwelt in dunklen Gassen und hässlichen Vorstädten. Wer sich auf Prag einlässt, findet hier eine ganz besondere Mischung aus Alt und Neu, aus Gemütlichkeit und Hektik, aus Klischee und Wirklichkeit. Und dann urteilt man womöglich so, wie das schon Franz Kafka, berühmter Sohn der Stadt, seinerzeit tat: „Prag läßt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen.“

Stadt der Kontraste

Diese Erfahrung machen Prag-Besucher und -Bewohner schon seit langer Zeit. Im 14. Jahrhundert erblühte die Stadt wirtschaftlich, kulturell, politisch und wissenschaftlich als Kaisersitz des Heiligen Römischen Reiches. Künstler und Forscher aus Italien und Frank­reich, Flandern und Deutschland arbeiteten hier. Händler und Handwerker aus ganz Europa brachten neue Einflüsse, Techniken und Fertigkeiten mit. Hier wurde 1348 die Karls-Universität als erste deutschsprachige Universität in Mitteleuropa gegründet. Mit weit über 40.000 Einwohnern war Prag damals die viertgrößte Stadt nördlich der Alpen.

Ihren Ruf als Kulturmetropole konnte sie sich bis in die Neuzeit bewahren. Hier fanden so bedeutende Künstler wie Mozart, Smetana und Dvorak ihre Inspiration, auch Grillparzer, Werfel, Kisch, Hasek und Seifert. Franz Kafka verließ Prag Zeit seines Lebens nur selten, und so verrät sein literarisches Werk zwischen den Zeilen einiges über Kafkas Verhältnis zu seiner Heimatstadt. Für einen Deutsch-Leistungskurs zum Beispiel ist es daher fast ein Muss, hier auf seinen Spuren zu wandeln.

Auch für architektur- und sozialgeschichtliche Exkursionen bietet Prag viel Stoff: Wie in kaum einer anderen Stadt leben hier windschiefe Wohnkaten, himmelstrebende Gotik- und Barockbauten sowie Architektur-Experimente des Jugendstils und des Kubismus in einer mitunter kruden Symbiose, zusammengeschweißt durch die vielen sozialen und politischen Veränderungen, die hier im Laufe der Jahrhunderte stattgefunden haben. Es ist dieses oft kontraststarke, manchmal geradezu unbekümmerte Nebeneinander verschiedenster Stile, das den Prag-Flaneur mit einem ganz eigentümlichen Reiz beeindruckt.

Doch wo Glanz ist, gibt es auch Schatten, und der schwärzeste fiel auf die Prager Juden. Im nahen KZ Theresienstadt ermordeten die Nazis rund 78.000 von ihnen. Die Sowjets schließlich vertrieben oder deportierten nach Kriegsende die meisten Deutschen aus Prag – die „Drei-Völker-Stadt“, wie Franz Werfel sie einst nannte, hat spätestens damit aufgehört, zu existieren. Die zeitgeschichtlichen Spuren dieser dunklen Jahre kann und will Prag nicht verleugnen: Viele Museen und Gedenkstätten setzen sich damit auseinander.

Für jeden etwas zu bieten

Auch heute noch macht Prag seinem Ruf als Kulturmetropole alle Ehre. Zu jeder Jahreszeit kann man zahlreiche klassische Konzerte besuchen, vom großen Sinfonieorchester im Rudolfinum bis zur Kammermusik im Haus Zur steinernen Glocke. Täglich bieten angesagte Jazzlokale Live-Musik internationaler Klasse; junge Leute können sich in den zahlreichen Diskos austoben. Große Kunstsammlungen gewähren einen Einblick in die europäische Kunstgeschichte, in der die böhmischen Künstler einen bedeutenden Platz einnehmen. Über die ganze Stadt verstreute Galerien zeigen tschechische Kunst der Moderne.

Bei einer Pause von so viel Kultur darf man sich natürlich auch mal ganz Profanem hingeben – etwa indem man ergründet, was es mit dem verbreiteten Gerücht von billigem Bier und fußmattengroßen Schnitzeln auf sich hat.

Reisetipps

Viele Pädagogen, die Prag mit ihren Schulklassen bereisten, haben den Aufenthalt nicht auf eigene Faust geplant, sondern Angebote von Veranstaltern gebucht. Das hat einige Vorteile: Die Angebote umfassen meist themenspezifisch kombinierte Programmpunkte (z. B. zu jüdischer Geschichte, Literatur nach bestimmten Autoren), sodass man sich nicht inmitten des reichhaltigen Kulturangebots verzettelt. Eintrittspreise und Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind meist inklusive. Die Veranstalter stellen in der Regel Ansprechpartner vor Ort, die auch die vielen kleinen Tücken kennen, über die unbedarfte Prag-Touristen stolpern können. Und nicht zuletzt steht der Veranstalter in der Verantwortung, wenn z. B. eine Unterkunft rein gar nicht den Erwartungen entspricht (was durchaus passieren kann).

Wertsachen sollten entweder zuhause bleiben oder stets eng bei sich getragen werden – Taschendiebstahl und Hotelzimmer-Einbrüche kommen vor, genau wie in jeder anderen Touristen-Hochburg.

In vielen Hotels und Hostels spricht das Personal Englisch, nicht selten auch Deutsch. Um lange Anfahrten zu vermeiden, sollten die Unterkünfte zentrumsnah liegen – hier gibt es einfach das Meiste zu erleben. Da das U-Bahnnetz in den letzten Jahren nach Norden erweitert wurde, sind auch diese Stadtteile gut angebunden. Wer Touristenmassen meiden möchte, sollte für die Prag-Fahrt die Monate zwischen Oktober und März wählen – Prag ist auch im Winter überaus sehenswert. Im Januar und Februar, sowie von November bis Weihnachten gibt es in vielen Hotels besonders günstige Tarife.