Pragerdeutsche Literatur

Mehr als nur Kafka

Prag: Das ist natürlich die Stadt Kafkas. Doch er war um die Wende zum 20. Jahrhundert nicht der einzige berühmte Schriftsteller in der tschechischen Hauptstadt. Erst die Nationalsozialisten beendeten mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei die Blüte der pragerdeutschen Literatur.

Nur von der Tür aus dürfen die beiden Lesesäle – hier der Theologische Saal – im Kloster Strahov bewundert werden. Foto: © Prague City Tourism - www.prague.eu

Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Max Brod, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Friedrich Torberg, Ernst Weiß, Jaroslav Hasek, Jan Neruda und viele andere: Die tschechische Hauptstadt war für Schriftsteller Anfang des 20. Jahrhunderts ein gutes Pflaster. Und obwohl die deutschsprachige Bevölkerung nur eine Minderheit war, schrieben die meisten (prager)deutsch.

Was ist Prager Deutsch?

Zur pragerdeutschen Literatur zählen Werke deutschsprachiger Prager Schriftsteller, die zwischen den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Im Prager Literaturhaus können Gäste Originalaufnahmen einiger Autoren in Prager Deutsch, der Sprache der deutschen Minderheit, anhören.

Für Kafka war Prag ein Mütterchen mit Krallen

Während fast alle seine Kollegen Prag irgendwann verließen – freiwillig wie Rilke oder auf der Flucht vor den Nazis – verbrachte Franz Kafka fast sein ganzes Leben dort: „Prag läßt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen“, schrieb er an Oskar Pollak. Anders als in seinen Briefen und Tagebüchern, kommt Prag in Kafkas Romanen und Erzählungen aber nicht oder nur an wenigen Stellen vor.

Wie sein eigener Vater tat sich auch Kafkas Heimatstadt mit ihrem „berühmten Sohn“ lange Zeit schwer. Doch heute begegnet man Kafka in der Stadt auf Schritt und Tritt. Der Platz, wo sein Geburtshaus stand, heißt seit 2000 Kafka-Platz (námestí Franze Kafky). Ein Hinweisschild erinnert daran, dass Franz Kafka 1883 dort geboren wurde. Das Haus selbst wurde schon bei der sogenannten Assanierung des alten jüdischen Viertels Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen. Kafka besuchte das deutschsprachige Gymnasium im Palais Golz-Kinsky am Altstädter Ring, an dem viele pragerdeutsche Schriftsteller ihr Abitur machten. Im gleichen Haus hatte sein Vater zeitweise einen Laden; in einem Nebenflügel des Rokoko-Palasts wurde die Schriftstellerin Bertha von Suttner geboren, die 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt.

Im Goldenen Gässchen

In dem Haus, in dem Kafka die Erzählungen „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ schrieb, können heute zahlungskräftige Pragbesucher im Hotel Intercontinental übernachten. „Das Urteil“ soll in der Niklasstraße 36 in einer Nacht, in nur acht Stunden, entstanden sein. Im Goldenen Gässchen 22 erinnert eine Inschrift an den prominenten Bewohner, der zwischen 1913 und 1917 in dem kleinen Häuschen die Erzählungen „Ein Landarzt“, „Auf der Galerie“ und „Ein Brudermord“ verfasste. In der gleichen Straße lebte ein paar Jahre nach Kafka in einem inzwischen abgerissenen Haus Jaroslav Seifert, der bislang einzige tschechische Literaturnobelpreisträger. Heute dominieren in dem zur Prager Burg gehörenden Goldenen Gässchen die Souvenirshops, früher arbeiteten dort angeblich nicht nur traditionelle Handwerker wie Schneider oder Schuster, sondern auch Goldmacher. Kaiser Rudolf II. holte die Alchemisten im 16. Jahrhundert an seinen Hof nach Prag. Zwei Engländer, John Dee und Edward Kelly, sollen in einem aus der Gotik stammenden Haus am Karlsplatz vergeblich versucht haben, Gold und den Trank der ewigen Jugend herzustellen. Auch später führte ein Hausbesitzer dort verschiedene chemische und physikalische Versuche durch. Und so entstand die Legende, dass der durch Goethes gleichnamiges Schauspiel weltberühmte Doktor Faustus in jenem Haus, dem Fausthaus (Faustuv dum), seine Seele dem Teufel verschrieben habe und schließlich durch ein nicht verschließbares Loch in der Decke zur Hölle gefahren sei.

Das Goldene Gässchen
Im Goldenen Gässchen entstanden die Erzählungen „Ein Landarzt“ und „Auf der Galerie“. Foto: © Prague City Tourism - www.prague.eu
Kafkas "Beschreibung eines Kampfes" inspirierte Jaroslav Róna zu diesem Denkmal. Foto: © Agaria Tours

Das Prager Literaturhaus

An die bekannten und weniger bekannten Autoren des Prager Kreises erinnert das 2004 eröffnete Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Es wurde von Lenka Reinerová, der letzten deutschschreibenden Prager Schriftstellerin, initiiert und mitbegründet. Die Bibliothek im Literaturhaus ist mit über 2.000 Bänden die vollständigste öffentlich zugängliche Sammlung deutschsprachiger Literatur aus Böhmen und Mähren in der Tschechischen Republik. Neben den (fast) vollständigen Ausgaben der wichtigsten pragerdeutschen Schriftsteller gibt es hier auch Werke von Autoren wie Willy Haas, Leo Perutz, Paul Kornfeld, Hans Watzlik und Ludwig Winder.

Das in der Nähe des Karlovo námestí gelegene Literaturhaus will ein „Treffpunkt für Freunde der zeitgenössischen Literatur“ sein, ein Ort der Begegnung und der Diskussion. Neben Autorenlesungen, Workshops, Konferenzen und Vorträgen organisiert das Literaturhaus auch Schreibwerkstätten mit Schriftstellern, Rezitationswettbewerbe auf Deutsch, Wettbewerbe im kreativen Schreiben u. v. m. Eine interaktive Ausstellung im literarischen Kabinett bietet Besuchern die Möglichkeit, sich auf verschiedenen Ebenen mit den Autoren, ihrem Werk sowie dem zeitgeschichtlichen Hintergrund auseinanderzusetzen. Für Kinder, Jugendliche, Schulklassen und Gruppen gibt es spezielle Programme, zum Beispiel Rallyes und Führungen durch das Haus.

Bücher, Bücher …

Ein El Dorado für Bücherfreunde ist das Prämonstratenserkloster Strahov, auch wenn die beiden Bibliothekssäle mit den kunstvollen Fresken und der prunkvollen Ausstattung nicht besichtigt, sondern nur von der Tür betrachtet werden können.

Der ältere der beiden Bibliothekssäle, der Theologische Saal, entstand im 17. Jahrhundert. Der Philosophische Saal wurde im späten 18. Jahrhundert gebaut – und den zweistöckigen Bücherschränken aus Nussbaum angepasst, die aus dem Kloster Louka in Südmähren stammen.

Die Bibliothek des in der Mitte des 12. Jahrhunderts gegründeten Klosters zählt zu den wertvollsten und schönsten historischen Büchersammlungen. Zum Bestand der Bibliothek gehören fast 200.000 Bände, darunter seltene Manuskripte, Erstdrucke, Handschriften sowie zahlreiche historische Landkarten.

Prunkstück ist das Strahov-Evangeliar: Der Codex mit über 200 Blättern entstand Ende des 9. Jahrhunderts in Tours und wurde etwa 100 Jahre später im Stil der ottonischen Renaissance bebildert und überarbeitet. Das Original wird in Strahov aufbewahrt, zu sehen ist aber nur ein Faksimile.