Auf Klassenfahrt in Flandern und Frankreich

Orte des Erinnerns

Entlang der früheren Frontlinien des Ersten Weltkriegs halten Gedenkstätten und Museen, rekonstruierte Schützengräben, Forts und Bunker die Erinnerung daran wach. Ob privat oder mit der Schulklasse: Ein Besuch verspricht eindringliche, lehrreiche Erlebnisse auf den Pfaden der Geschichte

Mädchen mit Rucksack läuft über eine Brücke
Auf Klassenfahrt in Frankreich und Flandern finden sich zahlreiche Orte mit historischer Bedeutung. Das Thema 'Erster Weltkrieg' kann an den Schauplätzen mit den Schülern aufgearbeitet werden Foto: Lonley Planet/unsplash

Mit ein paar Kugeln aus seinem Revolver setzte der Serbe Gavrilo Princip einst die halbe Welt in Brand. Als in Sarajewo an einem sonnigen Junitag des Jahres 1914 der österreichische Thronfolger und seine Frau durch die Hand des Attentäters starben, war dies der Anlass für eine Handvoll europäischer, dilettantisch und aggressiv handelnder Staatsmänner, ihre Nachbarn zu bekriegen – in einem bald weltumspannenden Konflikt nie gekannter Dimension. Die Waffenarsenale der Kontrahenden spien fürchterliches Kriegsgerät aus: Automatische Schnellfeuergewehre, monströse Geschütze mit vielen Kilometern Reichweite, Giftgas-Granaten, bombende Flugzeuge und Zeppeline, Panzer, U-Boote und viele andere Höllenmaschinen brachten nicht nur massenhaften Tod, sondern verwüsteten auch Städte, Dörfer, Lebensräume, ja veränderten sogar das Gesicht mancher Landschaften für immer – etwa wo pausenlose Granat-Einschläge ganze Hügelketten einebneten wie auf den Schlachtfeldern in den Ardennen und in Lothringen.

Reist man heute, mehr als 100 Jahre nach dem Weltenbrand, durch diese Gegenden, scheint das ganz weit weg zu sein. Liebliche Wäldchen und Flüsse, Weiden und Weinberge, malerische Städte und urige Dörfer lassen die Herzen von Wanderern und Kulturliebhabern höher schlagen. Doch immer noch fördern hier Pflüge und Bagger rostige Geschosse ans Tageslicht, manchmal auch Gebeine – und plötzlich ist der Krieg wieder ganz nah. So ergeht es auch den Reisenden, die zwangsläufig irgendwann auf ein Mahnmal oder Museum stoßen, das an die Katastrophe erinnert, mal unscheinbar wie ein Namenshinweis auf einem Straßenschild, mal groß inszeniert als modernes Science Center.

Und das ist gut so. Die Kriegsschauplätze zwischen Nordsee und Elsass-Lothringen sollen und werden uns stets daran erinnern, was geschehen kann, wenn die Vernunft versagt. Und wie aus Leid ein noch viel größeres entstehen kann, wenn man nicht die richtigen Lehren daraus zieht.

Synonym für die Knochenmühle: Ypern

Nach vier Wochen war von Ypern, der belgischen Tuchmetropole an der Ärmelkanalküste, nicht mehr viel übrig. Vom 20. Oktober bis 18. November 1914 tobte die Erste Flandernschlacht, in der die deutschen Invasoren vergeblich versuchten, ein britisches Expeditionskorps von seinen Nachschublinien abzuschneiden. Die Stadt Ypern geriet dabei wie zwischen Hammer und Amboss, als sich den Deutschen alliierte Truppen entgegenstellten. Und sie wurde zum Fanal für den Terror gegen die Zivilbevölkerung: Nachdem mehrere Versuche von deutscher Seite gescheitert waren, die Stadt einzunehmen, ließ General Deimling grundlos und ohne Weisung seines Chefs ein Wahrzeichen Yperns, die mittelalterlichen Tuchhallen, in Schutt und Asche legen. Viele Tausend Bürger wurden durch den Granatbeschuss getötet oder verstümmelt – sofern sie sich nicht in das (erst 2009 wiederentdeckte) riesige Tunnelsystem unter der Stadt retten konnten.

Die wiederaufgebaute Tuchhallen in Falndern
Yperns wiederaufgebaute Tuchhallen beherbergen heute das „In Flanders Fields“ Museum Foto: © In Flanders Fields Museum
Ausstellung von einem Helm, einer Tasche und alltäglichen Gegenständen aus dem Ersten Weltkrieg
In einer ästhetisch wie pädagogisch beeindruckenden Ausstellung hält das Museum die Erinnerung an die Gräuel des Ersten Weltkriegs wach Foto: © In Flanders Fields Museum

Während diese Stollen heute wegen Einsturzgefahr (noch) nicht besichtigt werden können, sind die Tuchhallen in ihrer ganzen gotischen Pracht wieder aufgebaut. Sie beherbergen das „In Flanders Fields“ Museum, benannt nach dem gleichnamigen Gedicht des kanadischen Offiziers und Schriftstellers John McCrae, der bei der Ersten Flandernschlacht einen guten Freund verloren hatte. Das Museum widmet sich der Geschichte des Ersten Weltkriegs in der westflämischen Frontregion Westhoek. Die erst im Jahr 2012 neu eröffnete Ständige Ausstellung erzählt von der Invasion Belgiens und den ersten Monaten des Bewegungskriegs. Das Museum nähert sich dem Thema aus verschiedenen Richtungen. Es erachtet das Allgemeine und Militärhistorische als wichtig, aber ebenso die Beziehung zur Gegenwart, unseren Umgang mit der kriegerischen Vergangenheit als Mensch und als Gesellschaft.

Das Museum bietet einige spannende Lern-Parcours für Schüler zwischen 12 und 18 Jahren an. Interessant für Oberstufen-Lehrkräfte, die das „In Flanders Fields“ Museum mit ihrer Schulklasse im Rahmen einer Studienfahrt besuchen möchten: das komplette Bildungspaket inklusive Unterrichtsmaterial, das man kostenlos von der Museums-Website herunterladen kann. 

Kriegschaos entlang der Marne

Das idyllische Flüsschen Marne durchfließt die hügelige, vom Weinbau geprägte Champagne östlich von Paris. Von hier stammen die edelsten Perlweine der Welt – und hier tobte eine der blutigsten Schlachten des Jahres 1914. Tatsächlich waren es viele Kämpfe nebeneinander, entlang von 400 Kilometern Uferlinie – so konfus, dass selbst die Oberkommandierenden beider Seiten zuweilen den Überblick verloren. Nur eines war klar: Der Schlieffenplan, gemäß dem Frankreich binnen weniger Wochen besiegt sein sollte, war gescheitert, der Bewegungskrieg wandelte sich einen mörderischen Stellungskrieg zwischen deutschen und alliierten Schützengräben.

Der altehrwürdigen Stadt Reims, für Jahrhunderte Krönungsort von Königen und Kaisern, kam dabei strategische Bedeutung zu. Erst in deutscher, dann wieder in französischer Hand, stand hier bald kein Stein mehr auf dem andern: 80 Prozent der Stadt waren bei Kriegsende zerstört. Und in der Umgebung sah es nicht anders aus. In und um Reims zeugen davon viele Denkmäler.

Eindringlich vermittelt auch das „Centre d‘Interprétation Marne 14–18“ in Suippes die historischen Ereignisse. Einige Kilometer östlich von Reims Richtung Verdun gelegen, informiert das kleine Museum mit einer interaktiven Ausstellung über den Krieg aus menschlicher Sicht, besonders über die Front, ihre Soldaten sowie über die Schlachten in der Champagne. Neben originalem Kriegsgerät illustrieren auch Zeugenberichte sowie Briefe von Soldaten und Zivilisten die Schrecken des Krieges. Der geführte Rundgang durch das Haus dauert etwa anderthalb Stunden; maximal 25 Personen können daran teilnehmen.

Mehr Informationen finden Sie auf der Website des „Centre d‘Interprétation Marne 14–18“

Noch weiter östlich, rund 80 Kilometer von Reims entfernt, liegt die „Hand von Massiges“ – ein Hügel, dessen Form tatsächlich den ausgestreckten Fingern einer Hand ähnelt. Auf ihrem Rückzug Anfang September 1914 hatten sich deutsche Truppen dort verschanzt und die Hügelkuppe mit Schützengräben durchzogen. Sie wurden erst vor wenigen Jahren wieder freigelegt – dabei kamen zahlreiche Skelette, Waffen und Uniformteile zum Vorschein. Die öffentlich zugängliche Anlage zeugt von den menschenverachtenden Zuständen in den ungezieferverseuchten, nassen Schützengräben.

Duell-Schauplatz im Elsass: der Hartmannswillerkopf

Der 956 Meter hohe Hartmannswillerkopf (frz. Vieil Armand) ist eine Bergkuppe in den Südvogesen (Elsass, Haut-Rhin), nahe Hartmannswiller und Berrwiller.

Auf Grund seiner exponierten und strategisch günstigen Lage mit Ausblick in die elsässische und Oberrhein-Ebene war der Hartmannswillerkopf im Ersten Weltkrieg von Deutschen und Franzosen erbittert umkämpft. Davon zeugen heute noch ein gut erhaltenes System von Schützengräben und mit Gras überwachsene Granattrichter.

Der Kampf um den Gipfel begann am 31. Dezember 1914. Die schwersten Kämpfe gab es im Januar, März, April und Dezember 1915. Ab etwa Mitte 1916 reduzierten beide Seiten ihre Truppen dort; intensivere Kämpfe fanden in nördlicheren Frontabschnitten statt. Ab dann gab es hier im Wesentlichen „nur“ noch Artillerieduelle. Beide Seiten beschränkten sich darauf, ihre Linien zu halten. Insgesamt starben hier etwa 30.000 Soldaten.

Die an der Zufahrtsstraße liegende Gedenkstätte Hartmannswillerkopf erinnert an die Gefallenen: Sie besteht aus einem Nationalfriedhof und einer Krypta mit je einem katholischen, evangelischen und jüdischen Altar. Errichtet wurde sie als eines von vier französischen Denkmälern nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 und bereits drei Jahre später unter Denkmalschutz gestellt. Mit jährlich rund einer Viertelmillion Besuchern auf der frei zugänglichen Plattform des Soldatenfriedhofs und ca. 20.000 zahlenden Besuchern in der Krypta gehört die Gedenkstätte zu den meistbesuchten Tourismuszielen des Elsass.

Symbol für wahnhaften Militarismus: Die Festung „Kaiser Wilhelm II.“

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurden Elsass und Moselland als „Reichsland Elsass-Lothringen“ an das neue Deutsche Reich angegliedert. Das gegenseitige Misstrauen der Nachbarländer war groß. So befestigten Frankreich und Deutschland seit 1872 ihre neuen Grenzen mit Festungsanlagen, um sich auf einen – wie beide Seiten dachten – vermeintlich unausweichlichen Krieg vorzubereiten.

Im Jahr 1893 befahl Kaiser Wilhelm II. den Bau eines gewaltigen Forts; als Standort wurde der Ort Mutzig auserkoren, rund 20 Kilometer südwestlich von Strasbourg. Zusammen mit dessen Festungsgürtel sollte die nach dem Monarchen benannte Feste helfen, die Rheinebene gegen französische Offensiven aus Richtung Belfort zu sichern und somit einen potenziellen Angriff in den Rücken der in Belgien vorstoßenden deutschen Armee zu verhindern.

Beim Bau der tief im Felsen eingegrabenen Festungsanlage wurde erstmals Melinit eingesetzt: ein neuer Sprengstoff mit einer vielfach höheren Sprengkraft als Schwarzpulver. So konnte es gelingen, die einzelnen, über das Gelände verstreuten Gebäude wie Batterien, Infanterierräume, Beobachtungsstände usw. durch Tunnel zu verbinden.

Auch viele weitere technische Innovationen kamen erstmals in Mutzig zum Einsatz, viele wurden später für andere Festungsbauten übernommen, etwa in Qingdao (Tsingtau), bei Metz-Thionville, auf der Maginot-Linie, am Oder-Warthe-Bogen und auch in Hitlers West- und Atlantikwall. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Feste „Kaiser Wilhelm II.“ zur größten Festung Europas – mit 254 Hektar Fläche, 22 Panzertürmen und einer Kriegsbesatzung von 7.000 Mann. Bis heute gilt sie als Prototyp für die Festungsanlagen des 20. Jahrhunderts.

Ein Besuch der als Weltkriegsmuseum genutzten Feste empfiehlt sich besonders für Schulklassen von der Primar- bis zur Oberstufe. Das Personal ist pädagogisch geschult und bietet verschiedene Rundgänge an, bei denen die Teilnehmer viel Wissen über den Kriegs- und Festungsalltag erwerben können. Zur Vorbereitung des Besuchs stellt das Fort Mutzig auf seiner Website kostenloses Unterrichtsmaterial bereit – allerdings nur auf Französisch.