Klassenfahrt am und auf dem Wasser

Klassenfahrt: Amsterdam und Meer

Die Hauptstadt der Niederlande zählt zu den Top-Zielen für Klassenreisen. Kein Wunder: Amsterdam hat viel zu bieten. Aber Holland ist mehr als Amsterdam. Wir stellen auch andere interessante Ziele vor

Die Fassade des Anne Frank Haus'
Das Anne Frank Haus an der Prinsengracht mit der neu gestalteten Fassade. Im Versteck der Familie Frank im Hinterhaus entstand Anne Franks Tagebuch Foto: © Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares

An den Grachten führt in Amsterdam kein – oder eben fast jeder – Weg vorbei. Denn die Kanäle durchziehen die ganze Stadt und prägen das Stadtbild. Etwa 160 bis 200 sollen sein. Um Wohnraum für die wachsende Bevölkerung zu schaffen, entstand seit 1612 westlich des mittelalterlichen Stadtkerns um den zentralen Hauptplatz Dam der „Grachtengordel“. Seit 2010 ist der Grachtengürtel Weltkulturerbe der UNESCO.

Auf Pfählen gebaut

Vor allem reiche Kaufleute errichteten an den drei Hauptgrachten – der Herengracht, der Keiszersgracht und der Prinsengracht – ihre Häuser auf Pfählen wie in Venedig. Etwa 40 Pfähle mussten für ein einziges Haus etwa elf Meter tief in den Boden gerammt werden. Erst dort ist die Sandschicht nämlich stabil genug, um ein Haus zu tragen. Viele traditionelle Grachtenhäuser sind erhalten, besonders schöne stehen in der Gouden Bocht, der Goldenen Kurve an der Herengracht zwischen Leidsestraat und Vijzelstraat. Die im Goldenen Jahrhundert erbauten Villen an der Keiszers- und an der Herengracht sind meist größer als die typischen, nur vier bis sechs Meter breiten Grachtenhäuser, außerdem waren sie reine Wohnhäuser. Die meisten Grachtenhäuser wurden dagegen auch gewerblich – als Büro, Lager, Laden oder Werkstatt – genutzt. Sie waren drei bis vier Stockwerke hoch und bestanden aus einem Vorder- (voorhuis) und einem Hinterhaus (achterhuis).

Der Bücherschrank im Anne Frank Haus
Der Bücherschrank tarnte das Versteck. Heute schützt eine Hülle aus Glas das Original Foto: © Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares

Anne Frank Haus

Das berühmteste Hinterhaus Amsterdams, vielleicht der ganzen Welt, steht an der Prinsengracht. Dort versteckte sich Anne Frank mit ihrer Familie und vier anderen Jüdinnen und Juden mehr als zwei Jahre, um der Deportation in ein Konzentrationslager und der Ermordung zu entgehen. Hier entstand auch Anne Franks Tagebuch, das nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der meistgelesen Bücher wurde – und zu einem der wichtigsten und aufrüttelndsten Dokumente über die Judenverfolgung im NS-Staat. Anne Frank und ihre Familie wurden verraten und ins KZ Auschwitz deportiert. Anne starb im März 1945 im KZ Bergen-Belsen. Ihr Vater überlebte als einziger der acht Untergetauchten. Im Anne Frank Haus geben persönliche Gegenstände, Briefe, Dokumente, Bücher und Fotos einen Einblick in das Leben Annes und der anderen Untergetauchten. Auch das Original des Tagebuchs, das zum UNESCOWeltdokumentenerbe erklärt wurde, ist dort zu sehen. Der Bücherschrank, der das Versteck tarnte, ist ebenfalls erhalten und wird heute durch eine gläserne Abdeckung geschützt. Das Anne Frank Haus entwickelt außerdem Bildungsmaterialien und veranstaltet Workshops über Anne Frank, die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, Antisemitismus und Vorurteile. So wird Anne Franks Lebensgeschichte mit der Gegenwart verbunden.

Spektakuläre Ausblicke

Wer Amsterdam von ganz oben sehen will, muss mit der Fähre den IJ überqueren. Der ehemalige Meeresarm trennt die Innenstadt vom Stadtteil Noord. Dort befindet sich in einem Turm in 100 Meter Höhe A’Dam Lookout, ein Aussichtsdeck mit Panoramablick über Amsterdam und die umgebende Polder-Landschaft. Auf der Plattform ist eine Schaukel montiert: Ganz Mutige können auf ihr sogar über den Rand des Turms hinausschaukeln. „Der Ausblick ist bei den Schülerinnen und Schülern sehr beliebt, ebenso die Projektion ‚This is Holland‘ ganz in der Nähe“, weiß David Devinck von DB Klassenfahrten & Gruppenreisen. Bei der Flugprojektion erleben die Besucherinnen und Besucher Holland früher und heute aus der Vogelperspektive. Sie schweben im Tiefflug z. B. über Polder, Windmühlen, Tulpenfelder und das Wattenmeer. Knapp zehn Minuten dauert der virtuelle Flug, bei dem sich der Stuhl mit dem Film bewegt. Spezialeffekte, eine riesige konkave Leinwand und zusätzliche Effekte wie Wind, Nebel und Gerüche vermitteln das Gefühl, wirklich über das Land zu gleiten.

Blick auf das Rijksmuseum Amsterdam
Das Rijksmuseum am Museumsplein ist ein beliebter Treffpunkt Foto: © NBTC

Berühmte Künstler

Vom Anne Frank Haus bis zum Museumsplein sind es zu Fuß oder mit dem Fahrrad gerade mal zwei Kilometer. Man kann die Strecke auch mit dem Canal Bus oder einem Grachtenfiets, einem Tretboot, zurücklegen und dabei die Stadt vom Wasser aus erkunden. Das Van Gogh Museum zeigt 200 Gemälde und 500 Zeichnungen von Vincent van Gogh. Einen Einblick in sein Leben gewähren rund 750 handgeschriebene Dokumente, darunter viele Briefe an seinen Bruder Theo. Gleich nebenan können die Schülerinnen und Schüler im Rijksmuseum, dem größten Museum der Niederlande, auf eine Reise durch 800 Jahre holländische Kunstgeschichte gehen. 8.000 Kunstobjekte sind in 80 Sälen zu sehen. Zu den Highlights zählen die „Nachtwache“ von Rembrandt van Rijn, die „Milchmagd“ von Johannes Vermeer und Werke anderer Maler aus dem Goldenen Jahrhundert Hollands. Damals schufen mehr als 700 Maler jährlich über 70.000 Gemälde. Diese und viele andere Informationen über die Stadt und die Geschichte der Niederlande erhalten die Schülerinnen und Schüler, wenn sie in Teams mit dem „Stadtplanspiel Amsterdam“ auf Entdeckungsreise gehen. Die Tour startet zwischen der Nieuwe Heerengracht und Plantage Middenlaan und führt zum Dam, dem berühmten Platz im Zentrum des mittelalterlichen Stadtkerns.

Ein Schiff ist auf den Meeresgrund aufgelaufen
Ein besonderes Erlebnis: Trockenfallen im Wattenmeer und Übernachten auf dem Meeresgrund Foto: © Rederij Vooruit

Projekttage zum Thema Umwelt

Aurelia, ein Verein für wissenschaftliche Bildung, hat dieses und viele andere Lernmodule für Klassenfahrten entwickelt, u. a. auch das Lernmodul Bluefield Küstenwerkstatt, mit dem die Jugendlichen die Situation an Gewässern bestimmen können – an einer der zahlreichen Grachten in Amsterdam, am Amstel oder am nahen IJsselmeer. „Wir bieten für Klassenreisen nach Holland mehrere Projekttage an“, sagt Jasmin Victor, Projektmanagerin bei Aurelia e. V. Beim Projekttag „BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ besuchen die Schülerinnen und Schüler eine Urban-Farming-Anlage und treffen Mitarbeiter einer Organisation, die die Grachten Amsterdams, die Küsten und den Hafen von Rotterdam von Plastikmüll befreit. Das gesammelte Plastik wird recycelt und u. a. zu den Booten verarbeitet, mit denen die Jugendlichen dann selbst zwei Stunden lang auf den Grachten Amsterdams auf Plastikjagd gehen.

Naturschutzgebiete

Wie im Marker Meer vor den Toren Amsterdams ein Naturschutzgebiet entsteht, zeigt der Projekttag Marker Wadden. Der Deich, der das IJsselmeer in zwei Bereiche unterteilt, hat zur Verschlickung des Marker Meers geführt. So ist eine Inselwelt entstanden, die immer mehr zum Lebensraum für Wasservögel, Pflanzen und viele Fischarten wird. Das Naturschutzgebiet darf erst seit 2018 betreten werden. „Wir bieten auf Anfrage geführte Exkursionen an – mit vielen spannenden Informationen zum Beispiel zur Bedeutung anthropogener Einflüsse, zum Wiederentstehen einer Naturlandschaft und zur Wiederbelebung durch ihre Bewohner“, erklärt Jasmin Victor. An die Küste nach Den Oever fahren die Klassen beim Projekttag „Nationalpark Niederländisches Wattenmeer – UNESCO Weltnaturerbe“. Ein Ranger informiert während einer geführten Wattexkursion über die Artenvielfalt des Wattenmeers. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Salt Farm Texel zu besuchen: Dort ist es gelungen, Pflanzen zu züchten, die mit Salz- statt mit Süßwasser bewässert werden können. Ein Experte beantwortet Fragen der Schülerinnen und Schüler zu dem Projekt, das helfen kann, Hunger und Armut in vielen Ländern zu bekämpfen. Alle Aurelia-Programme können über den Kooperationspartner DB Klassenfahrten & Gruppenreisen gebucht werden.

Viele Segelschiffe fahren auf dem Meer
Volle Fahrt voraus. Ob auf dem IJsselmeer oder auf der Nordsee. Eine Klassenfahrt auf einem Segelschiff ist ein besonderes Ereignis Foto: © Rederij Vooruit

Alle in einem Boot

Texel ist auch ein beliebtes Ziel für Schülerinnen und Schüler, die ihre Klassenreise auf einem Segelboot verbringen. „Wohin die Reise geht, lässt sich nie genau vorausbestimmen: Es hängt immer ein bisschen vom Wind und den Gezeiten ab“, weiß Joost Bakker von der Rederei Vooruit. Aber die Schiffsbesatzung – der Kapitän und ein Matrose – versucht natürlich, die Wünsche der Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen. Manche Klassen möchten durch den Abschlussdeich aufs IJsselmeer segeln, zum Beispiel nach Makkum, Lemmer oder sogar aufs Marker Meer bis nach Amsterdam. Andere zieht‘s hinaus aufs Wattenmeer, zum Beispiel zu den Inseln Texel, Terschelling oder Vlieland. „Bei der großen Sandbank Richel können oft Seehunde ganz aus der Nähe in freier Wildbahn beobachtet werden“, sagt Joost Bakker.

Gemeinsam anpacken

Ein besonderes Erlebnis ist es auch, das Schiff trockenfallen zu lassen und eine Nacht quasi auf dem Meeresboden zu verbringen. Segelkenntnisse brauchen Lehrkräfte und Schüler nicht, aber Anpacken ist beim Segel Setzen, Reffen, Wenden, Halsen oder beim Bedienen der großen Seitenschwerter erwünscht. Und den meisten Kindern und Jugendlichen macht es großen Spaß, wenn sie auf diese Weise ein bisschen segeln und navigieren lernen. Beim Segeln ist Teamgeist gefordert; das Zusammenleben auf so engem Raum erfordert Rücksichtnahme. Oft teilen sich vier Jugendliche eine Kombüse. Auch Kochen, Einkaufen und Abwasch erledigen die Schülerinnen und Schüler meist selbst. Und so wird die Klassenfahrt nebenbei zu einer Übung in Sachen Teambuilding.

Quelle: "Amsterdam und Meer" von Eva Walitzek, bildung spezial 2/2019, S. 48-51.