Erleben Sie den Charme der belgischen Kulturhauptstadt 2015

Europas Kulturhauptstädte: Ein Tag in Mons

Rundgang durch eine ehemalige Kulturhauptstadt: Sie brauchen nicht lange unterwegs zu sein um Mons, Kulturhauptstadt 2015, zu besuchen. Wir zeigen Ihnen, was die belgische Stadt zu bieten hat.

Das Dach des neuen Kongresszentrums in Mons
Zeitgenössischer Blickfang: Im Zuge der Initiative Kulturhauptstadt 2015 erhielt Mons ein neues Kongresszentrum. Foto: Sylvain Beyries/unsplash

Mons im Zwiespalt von Anspruch und Wirklichkeit

Das Kulturhauptstadt-Jahr 2015 begann für Mons alles andere als rosig: Ende Dezember war im Zentrum eine riesige Freiluft-Installation des belgischen Künstlers Arne Quinze zusammengekracht – zum Glück ohne jemanden zu verletzen. Die Ermittler des Vorfalls schlossen einen Sabotage-Akt nicht aus, denn das Kunstwerk sei bei vielen Bürgern unbeliebt gewesen, wie Lokalmedien berichteten. Dass der Titel „Kulturhauptstadt“ nicht nur Segen bringt, war in der Vergangenheit immer wieder zu beobachten. In Marseille etwa, wo ärmere Bürger aus pompös umgebauten Stadtvierteln in die Randbezirke abgedrängt wurden. Auch in Mons sorgt der PR-gepushte Zirkus für Skepsis. Bei Francois Duesberg zum Beispiel, Gründer und Namensgeber seines privaten – und sehr sehenswerten – Museums in der Altstadt, das Gebrauchs- und Luxusgüter der Jahre von 1775 bis 1825 zeigt. Duesberg hält die Kultur-Aktivitäten für „Cyber-Firlefanz“ und hat schon damit gedroht, seine Sammlung nach Russland zu verkaufen.

Aufhalten konnten er und andere Kritiker das Treiben aber nicht: Im Januar 2015 drehte sich das Kultur-Karussell mit mehr als 300 Veranstaltungen, die in Mons und mehreren Partnerstädten Belgiens stattfanden. Mit dem Label Kulturhauptstadt hoffte der Intendant des Kulturhauptstadtprogramms, Yves Vasseur, die Region von ihrem Image der postindustriellen Stadt zu befreien. Ein paar neue Arbeitsplätze immerhin hat der Kulturhauptstadt-Status schon beschert – positiver Nebeneffekt für die Stadt, in der die Arbeitslosenquote bei rund 20 Prozent liegt.

Wallonisch bunt

Sehenswert ist Mons allemal. Die im 7. Jahrhundert aus einem Kloster entstandene Tuchmacherstadt im südbelgischen Kohlerevier Hennegau bietet jede Menge pittoresker Perspektiven. Dass Mons übersetzt „Berge“ bedeutet, lässt sich angesichts des stetigen Auf und Ab ihrer gewundenen Gassen gut nachvollziehen. Die Enge legt nah, das Auto in einem der etwas ungastlich wirkenden Außenbezirke der 95000 Einwohner zählenden Stadt stehen zu lassen und sie zu Fuß zu erwandern.

Um Fotogenes vor das Objektiv zu bekommen, sollte man zum Beispiel die Rue de la Houssière hinaufschlendern. Hier wechseln sich die Baustile verschiedener Epochen ab: die Gotik der beeindruckenden Stiftskirche Sainte-Waudru mit ihren 29 Kapellen, der Barock des nicht minder imposanten Stadtturms Belfried und die industriell geprägte Architektur von Schlachthäusern, Kasematten, „Wassermaschinen“ und anderer Bauten aus dem 19. Jahrhundert. Die Fassaden der Wohnhäuser wirken typisch belgisch: gestrichen in kräftigen Farben, mit bewusst unterschiedlichen Fenstergrößen und Etagenhöhen. Für leidenschaftliche Entdecker von verborgenen Schönheiten und Skurrilitäten ist Mons ein Paradies: Ein verstohlener Blick in Hinterhöfe und enge Passagen lässt viele Überraschungen erhaschen: liebevoll gestaltete Gärtchen, jähe Weggabelungen, mysteriöse Durchgänge, extravagante Privatwohnungen und manch anderes Bonbon.

Ein Projekt des Kulturhauptstadt-Programms greift dieses Flair spielerisch auf: Im Rahmen von „Mons Street Review“ – online zu sehen unter www.streetreview.eu – wurden im Zentrum rund 10 Straßen-Kilometer abfotografiert und angereichert mit verkleideten Stadtbewohnern und fremdartigen Installationen.

Kulturelle Highlights

Zu zwei illustren Künstlern, die allerdings nicht aus dem Schoß der Stadt stammen, pflegt Mons eine enge Beziehung, zu sehen im städtischen Kunstmuseum Beaux-Arts Mons (BAM): zum französischen Dichter Paul Verlaine und zu keinem Geringeren als dem Niederländer Vincent van Gogh. Beide hielten sich in den 1870er-Jahren hier auf. Verlain saß wegen eines Pistolen-Attentats auf Arthur Rimbaud im Stadtgefängnis; van Gogh schwenkte während seines Aufenthalts von 1878 bis 1880 im nahen Bergbaurevier Borinage endgültig auf das Künsterdasein um.

Äußerlich und innerlich modernisiert wurde auch das Mons Memorial Museum, das sich entwickelt hat von einem Schrein für Reliquien des Ersten Weltkriegs zu einem Ort der Reflexion über die Verwicklungen der Region in Konflikte seit dem Mittelalter. Als Unterkunft wird ihm die frühere «Machine-à-eau» von 1870 dienen, die zwei belgische Architekten umgebaut haben – wie zuvor im Stadtzentrum die in ein Theater verwandelte Reitschule und acht Kilometer südwestlich den zum Museum für Gegenwartskunst mutierten Zechen-Komplex Le Grand Hernu.