Jüdisches Leben und Antisemitismus

Spurensuche in Berlin

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße mit der goldenen Kuppel ist heute wieder ein Blickfang. Viele für Juden bedeutende Orte und Traditionen wurden dagegen zerstört und sind verschwunden. Die Geschichte der Juden in Berlin und in ganz Deutschland war bereits lange vor dem Holocaust durch Diskriminierung, Vertreibung und Pogrome geprägt. Wie lenkt man während einer Klassenfahrt nach Berlin am besten den Blickpunkt auf das jüdische Leben im Nationalsozialismus?

Neue Synagoge (Berlin), Kuppel
Foto: Ansgar Koreng (CC BY-SA 4.0) © Foto: Ansgar Koreng / CC BY-SA 4.0

Die Spurensuche beginnt in einer der ältesten Straßen Berlins, der Jüdenstraße aus dem 13. Jahrhundert. Nur noch der Name und das Straßenschild erinnern an den Großen Jüdenhof. Er wurde im Mittelalter erbaut und als jüdische Wohnsiedlung genutzt. Das Haus in der Spandauer Straße, in dem der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn lange wohnte, steht ebenfalls nicht mehr. Das Mendelssohn-Denkmal an der der Spandauer Stra0e erinnert mit einer Bodenskulptur an den Philosophen, der sich für die Rechte der jüdischen Bürger und für ihre umfassende Bildung einsetzte. Gotthold Ephraim Lessing setzte ihm in der Gestalt von Nathan dem Weisen ein literarisches Denkmal und plädierte in der berühmten Ringparabel für religiöse Toleranz und ein vorurteilsfreies Miteinander.

Vertreibung aus Berlin

Im starken Gegensatz dazu standen die judenfeindlichen Schriften und Predigten von Martin Luther, die in Deutschland lange übersehen wurden. Vor der Marienkirche an der Karl-Liebknecht-Straße steht die Statue des Reformators. Auf demselben Kirchplatz fand im Jahr 1510 der Berliner Hostienschänder­prozess statt. Auslöser war die Anschuldigung eines Kesselschmiedes, der wegen Diebstahls einer vergoldeten Monstranz und zweier geweihter Hostien angeklagt war. Der Kesselschmied beschuldigte unter Folter Juden, ihn angestiftet zu haben. Mehr als 40 Juden wurden daraufhin hingerichtet; bei der anschließenden Judenverfolgung wurden alle Juden aus Berlin und Brandenburg vertrieben.

„Danach gab es 150 Jahre lang kein jüdisches Leben mehr in Berlin. Erst nach einem Dekret des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm im Jahr 1671 ließen sich wieder Juden in Berlin nieder“, erzählt uns der Historiker Dr. Martin Jander. Er lässt bei seinen Führungen zu jüdischen Orten in Berlin die Stimmen der Vertriebenen und Ermordeten zumindest in der Erinnerung wieder lebendig werden. „Ich möchte Anregungen bieten, sich mit der jüdischen Geschichte und mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen.“

Jüdischer Friedhof in Berlin Weißensee
Foto: © visitberlin/Tanja Koch © Foto: visitberlin/ Tanja Koch
Raum der Dimensionen unter dem Stelenfeld
Foto: © Stiftung Denkmal/Marko Priske © Foto: Stiftung Denkmal/ Marko Priske

Der alte jüdische Friedhof in der großen Hamburger Straße war die Begräbnisstätte der damals noch neuen jüdischen Gemeinde. Zwischen 1672 und 1827 wurden hier Tausende Gemeindemitglieder beerdigt, unter anderem Moses Mendelssohn. An sein Grab erinnert nur eine Nachbildung seines Grabsteins. Die Nationalsozialisten zerstörten 1943 den Friedhof und das in der Nähe gelegene jüdische Altenheim. Die Gebeine der Toten gruben sie aus, die Grabsteine zerschlugen sie. Das Altenheim hatte die Gestapo ab 1942 als Sammellager für die jüdischen Einwohner genutzt. Von hier aus deportierte man sie in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresien­stadt.

Die Frauen von der Rosenstraße und andere stille Helden

Gegen die geplante Deportation ihrer Männer demonstrierten im gleichen Jahr mehrere hundert Frauen zwei Wochen lang vor einem Haus der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße. Schließlich gab das Regime nach. Fast alle Verhafteten wurden freigelassen. Heute erinnert das Denkmal „Block der Frauen“ von der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger an den Aufstand der Frauen – und daran, dass Widerstand im NS-Staat möglich war und erfolgreich sein konnte. Das Denkmal befindet sich gegenüber der Marienkirche.

Auch der Besen- und Bürstenfabrikant Otto Weidt rettete Juden im Dritten Reich vor der Deportation. Er beschäftigte nicht nur blinde und gehörlose Juden in seiner Werkstatt, sondern versteckte von Deportation bedrohte Mitarbeiter. Weidt besorgte ihnen Essen und falsche Papiere und bestach, wenn nötig, auch die Gestapo. Er fuhr sogar ins Konzentrationslager, um deportierte Mitarbeiter zurückzuholen.. 2006 wurde aus der ehemaligen Werkstatt auf Ini­tiative einer Geretteten, Inge Deutschkron, das Museum "Blindenwerkstatt Otto Weidt".

Das Holocaust-Mahnmal mit mehr als 2.700 unterschiedlich hohen Stelen.
Foto: © Stiftung Denkmal/Marko Priske © Foto: Stiftung Denkmal/ Marko Priske

Nationalsozialistischer Holocaust

Direkt gegenüber am Hackeschen Markt liegt das Anne Frank Zentrum, in dem gelegentlich das originale Tagebuch Anne Franks als Leihgabe zu sehen ist. Schautafeln, Filme und Vorträge informieren über das Leben Annes und ihrer Familie im Versteck in der Prinsengracht in Amsterdam.

In Berlin hatten bis Anfang der 1930er-Jahre rund 160.000 Juden gelebt, nach dem Krieg waren es nur noch knapp 6.000. Etwa 55.000 jüdische Bürger Berlins wurden deportiert und ermordet. Andere, darunter Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler wie Lise Meitner, Albert Einstein, Otto Hahn, Nelly Sachs und Mascha Kaléko, gingen ins Exil. „Von ihnen kehrten nur wenige nach Berlin oder Deutschland zurück“, weiß Dr. Martin Jander.