Berlin

Die Hauptstadt literarisch entdecken

Von A wie Alexanderplatz bis Z wie (Bahnhof) Zoo. Wohl kaum eine andere deutsche Stadt ist in der Literatur so viel beschrieben worden wie Berlin. Und in keiner anderen lebten und arbeiteten so viele Schriftsteller. Interessante Orte mit literarischem Bezug finden sich in der Bundeshauptstadt fast an jeder Ecke

Foto: © Jörg Zintgraf/StattReisen Berlin

Ob Franz Biberkopf den Alexanderplatz und das Scheunenviertel wiedererkennen würde? Dorthin kehrt der Zement-und Transportarbeiter in Alfred Döblins weltberühmten Roman in den 1920er-Jahren nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zurück – entschlossen, nicht wieder auf die schiefe Bahn zu geraten. Wie sein Protagonist hat auch sein Schöpfer Alfred Döblin lange in der Gegend um den Alex gelebt und zeitweise als Arzt dort praktiziert.

Vom Problemviertel zum Szeneviertel

Keine Frage: Es hat sich vieles verändert, seit Franz Biberkopf am Rosenthaler Platz aus der Elektrischen stieg. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Scheunenviertel das, was heute sozialer Brennpunkt heißt – ein Viertel mit schlechtem Ruf, geprägt durch Armut, Prostitution und (Klein)Kriminalität. Inzwischen hat sich das Gebiet zwischen dem Hackeschen Markt und dem Rosa-Luxemburg-Platz als Szeneviertel etabliert. Dunkel, wie von Döblin beschrieben, ist beispielsweise die Sophienstraße zwischen Hamburger und Rosenthaler Straße längst nicht mehr – im Gegenteil: Sie hat dank der weitgehend aus dem 18. Jahrhundert erhaltenden Bebauung und Edelsanierung besonderen Charme und gilt als Geheimtipp für Berlintouristen. Und die Gegend rund um den Rosenthaler Platz ist einer der beliebtesten – und teuersten – Orte Berlins.

Berlin aus der Sicht von Franz Biberkopf

„Optisch hat sich viel geändert. Und doch lässt sich manches von der Atmosphäre von früher nachspüren: die Menschenmassen, die Permanentbeschallung durch Verkehr und Baustellen und auch die Gerüche“, meint Jörg Zintgraf, Geschäftsführer von StattReisen Berlin. Der Veranstalter von thematischen Stadtführungen bietet seit den 80er-Jahre auch literarische Spaziergänge durch Berlin speziell für Schulklassen an.

„Wir zeigen dabei nicht nur einzelne Schauplätze oder die Wohn- und Arbeitsorte der Schriftsteller“, sagt Zintgraf. „Es geht vielmehr um die Stadt – und darum, wie sie sich in der Literatur widerspiegelt, wie der Künstler sie wahrgenommen hat. Wie ist ein Ort in einem Roman beschrieben? Und wie sieht er heute aus?“

Für die Schülerinnen und Schüler ist es hilfreich, sich vor Ort ein Bild zu machen, weiß Zintgraf: „Das Verständnis verbessert sich, es fällt ihnen dann leichter, die Lektüre, die sie im Unterricht behandeln, im historischen Kontext zu begreifen.“ Denn auf der zwei-bis dreistündigen Tour lesen Stadtführer und Teilnehmer nicht nur Textpassagen aus den Werken, sondern die Schüler bekommen auch die entsprechenden Hintergrundinformationen über die Zeit und den Autor: „Wir fragen: Wie waren die sozialen Verhältnisse damals – und welche Folgen hatten sie? Und wie ist es heute?“ Denn auch wenn heute vieles schöner aussieht. „Probleme und prekäre Verhältnisse gibt es rund um den Alexanderplatz auch heute noch“, erklärt Jörg Zintgraf.

Das Interesse an den 1920er-Jahren ist, so seine Erfahrung, groß – und an der Frage, wie es kam, dass die Nazis die Macht so subtil übernahmen. Alfred Döblin war Jude und Sozialist, die politischen Veränderungen bedrohten auch ihn. Am Tag nach dem Reichstagsbrand floh er aus Deutschland.

Seine Werke – darunter auch Berlin Alexanderplatz – fielen im Mai 1933 auf dem Opernplatz – heute Bebelplatz – der Bücherverbrennung zum Opfer.

Wo man Bücher verbrennt …

Erich Kästner, seit 1927 Berliner, erlebte auf dem Opernplatz am 10. Mai mit, wie sein Roman „Fabian“ ins Feuer geworfen wurde – von einem „gewissen Herrn Goebbels“, wie Kästner in seinem Buch „Bei Durchsicht meiner Bücher“ schreibt: „Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend beim Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.“ Angeblich regnete es so heftig, dass die Feuerwehr Benzin in die Flammen gießen musste.

Die StattReisen-Führung auf den Spuren des verfemten Fabian beginnt dort, wo die Nazis das Buch verbrannten. Seit 1995 erinnert die von Micha Ullman entworfene versunkene Bibliothek daran. Die unterirdischen weißen leeren Regale bieten symbolisch Platz für die rund 20.000 hier verbrannten Bücher. „Hier diskutieren die Jugendlichen am meisten, vor allem darüber, was es bedeutet, wenn Literatur verboten wird“, berichtet Jörg Zintgraf.

Kästner lässt seinen arbeitslosen Helden durch die ganze Stadt fahren – von Kreuzberg über Kudamm, Grunewald und Alexanderplatz bis in den Wedding. Dort beobachtet Fabian in der Nähe der Polizeikaserne in der Chausseestraße einen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Polizei. An der Stelle der ehemaligen Polizeikaserne steht heute die Zentrale des BND.

Am Nollendorfplatz, wo die Suche nach dem Dieb in Kästners Kinderbuch Emil und die Detektive endet, sind dagegen einige Schauplätze fast unverändert erhalten geblieben. In der Nähe des U-Bahnhofs Güntzelstraße steht noch heute eine Litfaßsäule, ähnlich der, hinter der sich der Titelheld einst vor Herrn Grundeis versteckte. Heute können Kinder als Emils neue Detektive den Spuren folgen. „Wir haben zu Kästners Kinderbuch eine Führung für Kinder und Grundschulklassen konzipiert“, erklärt Jörg Zintgraf. In der Regel richten sich die literarischen Stadtspaziergänge an Oberstufenschüler und Erwachsene.