Forscher untersuchen die Reaktionen

Drei Wochen offline

Wie reagieren Jugendliche, wenn sie keinen Zugang zum Internet haben? Haben sie Entzugserscheinungen? Oder vermissen sie gar nichts? Dieser Frage gingen Bildungsforscher der Friedrich-Alexander-­Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in einer sehr besonderen Umgebung nach: dem „Klassenzimmer unter Segeln“, einem eigenen Forschungsbereich des Instituts für Erziehungswissenschaft der FAU.

Jugendliche entspannen auf einem Schiff.
Auf dem Schiff waren die Schülerinnen und Schüler teils mehrere Wochen offline. Foto: © Thomas Eberle/FAU

Sechs Monate lang waren 34 Schülerinnen und Schüler der 10. Jahrgangsstufe mit dem Dreimaster Thor Heyerdahl unterwegs und erforschten im Unterricht live fremde Länder und unbekannte Kulturen – ohne Komfort und oft ohne WLAN.

Jugendliche füllen am Strand einen Fragebogen aus.
Bei den Landgängen füllten sie im Dienst der Wissenschaft Fragebögen aus – und loggten sich dann oft schnell ins Internet ein. Foto: © Thomas Eberle/FAU

Um zu zeigen, wie es ihnen ohne Internet und Social Media geht, nahmen die Jugendlichen und ihre Eltern an (halb)strukturierten Interviews teil. Die Teenager schrieben außerdem kurze Essays über ihre Offline-Erfahrungen und füllten vor, während und nach der Reise standardisierte Fragebögen aus. „Die Ergebnisse sind hoch interessant“, so der Leiter des Gesamtprojekts Prof. Dr. Thomas Eberle. „Bisherige Studien untersuchten nur sehr kurze Offline-­Zeiten von bis zu einem Tag. In unserem Projekt hatten wir dagegen Offline-­Zeiten von bis zu drei Wochen.“

Unterschiedliche Reaktionen

Die Jugendlichen reagierten sehr unterschiedlich auf die längeren Offline-Phasen. „Einige berichteten, dass sie ruhiger schliefen und sich über mehr Lebensqualität freuten. Sie fühlten sich sogar sehr entlastet, weil sie nicht ständig online sein mussten“, sagt Dr. Zinaida Adelhardt, Leiterin des wissenschaftlichen Projekts Medienentzug.

Andere Jugendliche fieberten dagegen den seltenen Landgängen entgegen, um sich ins WLAN einzuloggen und über soziale Medien zu kommunizieren. Bei ihnen spielte einerseits die „fear of missing out“ (fomo) – also die Angst, etwas zu verpassen – eine große Rolle. Andererseits hatten sie das Gefühl, sich immer so bald wie möglich bei Eltern, Geschwistern und Freunden zu Hause melden zu müssen.

Einstellungen ändern sich

Den Jugendlichen, die schon vor dem Törn sehr wenig im Internet aktiv waren, machte die Internetabstinenz wenig aus – sie blieben erwartungsgemäß skeptisch-kritisch gegenüber sozialen Medien. Bei manchen anderen änderte sich die Einstellung. „Nach nur drei Wochen Medienentzug nahmen die negativen Einstellungen gegenüber Sozialen Medien signifikant zu, die positiven nahmen deutlich ab“, so ein vorläufiges Fazit. Ob und wie dies das Verhalten der Jugendlichen und ihre Nutzung der Sozialen Medien langfristig beeinflusst, sollen Untersuchungen nach der Reise zeigen.

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